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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-07 · Heft 27 (7.7.1905) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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zu sein, daß bei uns jeder .zu Gott auf seine Fasson beten kann und daß nicht einzelne Zeremonien das Wesentliche sind, sondern die Bemühung, das menschliche Leben immer mehr dem Göttlichen zustrebend, zu gestalten.. Unsere Ausgabe ist, dem Juden immer höhere Ideale zu geben und ihn Mit dem Bewußtsein zu erfüllen, daß jedermann durch einen moralischen Lebenswandel die Welt besser machen kann. . . . Es wird die nächste Aufgabe sowohl der amerikanischen Räbbinate wie des Laienelements sein müssen, alle Energie aufzubieten, um den amerikanischen Juden die hohe Stellung zu erhalten, die ihre! Religion heute vor der Welt einnimmt, die fremden Elemente aber, die dem entgegenarbeiten, zu amerikanisieren." Ein anderer . Laie, Ephraim Lederer in Philadelphia, empfiehlt den Ausweg, daß die Orthodoxie ihre eigene Synode haben soll, ebenso wie die Reform. „Obwohl wir das Schisma bedauern, müssen wir doch anerkennen, daß es vorhanden ist und daß der Bruch unheilbar ist." Auf die von den Rabbinern zur Diskussion gestellten Fragen des einheitlichen Gebetbuches, der Sabbat- Heiligung, der Stellung zur Mischehe gehen die amerikanischen Laien fast gar nicht ein, da sie dem Grundsätze „Freie Kirche im freien Staat" huldigen, der allerdings oft auch zur religiösen Willkür und Anarchie führen kann. Man vergleiche mit diesen amerikanischen Bestrebungen, die längst hinter uns liegen, wie die ganze Synodenbewegung, was in Deutschland Ludwig Philippson im Juni 1849 über die Berufung der ersten deutschen Synode schrieb: „Die Synode hat jetzt dasselbe Werk zu vollbringen, was für unsere Väter in den nächsten Jahrhunderten nach der Zerstörung Jerusalems, das Synodrion zu Liberias vollbracht, das Judentum fester zu gestalten für die Zeit, die da kommt, gegen die ' auflösenden Elemente, die auf dasselbe losstürmen werden. . . In einer Zeit, wo eine Welt sich uns feindlich gegenüberstellt, da muß eine Masse, wie die Juden sind, ein Bestimmtes, genau -Artikuliertes Habens an und in dem sie leben kann. Etwas Fessel, etwas Fesselndes muß jede Gemeinsamkeit haben, denn ohne jenes kann diese gar nicht bestehen. Kommt die Zeit, wo das Bindende eben eine Fessel, eine Bürde, ein Joch wird, da fehlt es an der Kraft, ihrer ledig zu werden, niemals, und noch keine Mauer, kein Zaun (8ejag) widerstand dem Andrang von innen, wenn er auch Jahrtausende dem Andrang von außen widerstand." Mag man auch damals die Wirkung einer solchen Synode wesentlich überschätzt haben, Ludwig Philippson hat in seinem segensreichen Wirken bewiesen, daß ihm die Einheit und Einigkeit Israels gegenüber den Drängern von außen nicht minder am Herzen lag als die immer geistige Festigung des Judentums gegenüber dem rasch fortschreitenden Zeitbedürfnis. Philippson forderte betreffend die jetzt in Amerika viel erörterte Teilnahme der Laien an den -synodalen Beratungen und Beschlüssen, ganz im Geiste unserer Tradition, folgendes für die erste allgemeine deutsche Synode: „Eine Synode, die nicht aus Rabbinern, Predigern, Theologen, Lehrern besteht, sondern aus Juden, welchen Standes, welcher Beschäftigung es sei. . . . Eine Synode, die nicht eine Stadt, eine Provinz, ein Land repräsentiert, sondern das ganze deutsche Vaterland umschließt, ohne selbst damit andere Länder, die sich ihr anschließen wollen, auszuschließen." Für die ungeklärten religiösen Verhältnisse der amerikanischen Gemeinden, die durch eine Synode nicht noch schismatischer gestaltet werden können, als sie schon sind, scheint der in der vorliegenden Schrift ausführlich abgedruckte Appell Ludwig Philippsons heute noch maßgebend auf die Berufung einer amerikanischen Synode, zu der dort das Zeitbewußtsein drängt, einwirken zu können. Wir Juden in Deutschland leiden vielfach unter einem religiösen Jndifferentismus, und andererseits würde eine neue Synode wohl gar: das Schisma bei uns herbeiführen, das mit allen Kräften verhütet werden soll. Einigkeit aber gegenüber den Drängern von außen muß jetzt unsere Hauptaufgabe sein, und bleiben. Wir begrüßen daher mit Freuden, daß der unter der Leitung eines Sohnes von Ludwig Philippson:stehende Gemeinde-' bund auf dem jüngsten deutsch-israelitischen Gemeindetag dem Entwurf über die einheitliche Rechtstellung der jüdischen Gemeinden in Preußen im Prinzip zugestimmt hat > und daß auch der anwesende einflußreiche Vertreter der Orthodoxie sich auf denselben gemeinsamen Boden gestellt hat. Es werden am 30. Mai nächsten Jahres schon 100 Jahre, her sein, daß Napoleon. I. die jüdischen Notabeln nach Paris zu einem Synhedrion berief; heute bedarf für uns das jüdische Solidaritätsbewußtsein keine derartigen Anregungen mehr von außen. In jedem Falle bleibt das über alle Arten von Synoden eine Fülle von Material enthaltende Sammelwerk des amerikanischen Rabbinerkomitees, sehr lesenswert, und wir freiten uns, den Gläubensbrüderu jenseits des großen Wassers, denen die fortschrittlich denkenden Juden und die ganze Menschheit zu so großem Danke verpflichtet sind, Glück wünschen zu können zu ihrem großen starkgeistigen Unternehmen. Wie der deutsche Kaiser jetzt seine geniale Idee von dem Austausch der Professoren mit Amerika in Wirklichkeit anzubahnen beginnt, so wäre ein gelegentlicher Austausch hervorragender jüdischer Theologen von drüben für manche in Jndifferentismus versunkene diesseitige Gemeinde nicht ohne Anregung. Die immer akuter werdende Emigrationsfrage macht jedenfalls eine dauernde Verbindung mit unseren für das Judentum begeistert tätigen amerikanischen Glaubensbrüdern sehr wünschenswert. Wir haben alle nur einen gemeinsamen Feind, — und das ist der Jndifferentismus! . - Dir Mache. Berlin, 3. Juli. In den „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" versuchte vor kurzem ein jüdischer Richter den Justizminister gegen die Angriffe in Schutz zu nehmen, welche diesem wegen der verfassungswidrigen Zurücksetzung der jüdischen Justizanwärter zuteil geworden. Er meinte, der Minister selbst denke durchaus gerecht, sei auch kein Antisemit und trage persönlich an der ungleichen Behandlung keine Schuld. Diese liege in den Berichten der Oberlandesgerichtspräsidenten über die Qualifikation der Bewerber, und diese wieder nähmen aus die Animosität der sogenannten höheren Gesellschaftskreise gegen die Juden Rücksicht, der Minister könne sich über diese Verhältnisse nicht hinwegsetzen und die Berichte der Präsidenten nicht unbeachtet lassen. Der Verfasser tröstet sich mit der Hoffnung, daß bei dem gesunden Kern des deutschen Volkes allmählich auch die Krankheit des Antisemitismus überwunden sein werde, und dann werde auch der Druck von vielen Staatsbürgern genommen, daß ihnen im Wege der Verwaltun g vorenthalten werde, was ihnen verfassungsrechtlich zustehe. Die deutschen Juden würden in vornehmer Weise auf die tatsächliche Gleichstellung weiter harren. Gegen diesen sehr seltsamen Beschwichtigungsversuch wendet sich Dr. Theo d o r B ar t h selbst mit aller Entschiedenheit, indem er zutreffend betont, daß die Verfassung doch höher stehen muß. als ein gesellschaftliches Vorurteil und dann weiter ausführt: : . „Handelt es sich doch hier um eine der wichtigsten Grundlagen eines konstitutionellen -Rechtsstaates, um den Grundsatz einer staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit, der konfessionelle

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