Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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P.- Zwickart, 18. Juni Die i s r aelitische Religions-Gemeind eZwickau,-die die innerhalb der Bezirke der Amtshauptmannschäften Zwickan und Schwarzenberg wohnenden Glaubensgenossen umfaßt, hat sich hier eine würdige Andachtsstätte geschaffen, die gestern durch den Rabbiner Dr. Winter aus Dresden feierlich eingeweiht wurde. Trotz Vermeidung dekorativer Ueberladung. * machen die in einem schlichten einstöckigen Bau untergebrachten Räume einen weihevollen, ihrer Bestimmung im vollen Maße, entsprechenden Eindruck. Als ein schönes Zeichen von Toleranz und gutem Einvernehmen zwischen der jüdischen Gemeinde und den anderen hiesigen Religionsgemeinschaften darf es betrachtet werden, daß der. Superintendent der Ephorie Zwickau Kirchenrat v. Meyer und Kaplan Wenke von der katholischen Gemeinde zu der Feier, erschienen waren. Als Vertreter städtischer und staatlicher Behörden waren weiter zugegen Stadtbaurat Kretzschmar und Bezirksschulinspektor Schulrat Hörig. Die Feier begann mit einem von der Gemeinde gesungenen Choral: „O Herr, wir nahen heute dir, zu weihen dieses Gotteshaus", dem ein vom Vorbeter, gesprochenes Gebet folgte. Unter wechselweisem Gemeindegesang und Gebet erfolgte dann das Einholen der Thora und das Einheben. Hieran schloß sich die Festpredigt des Rabbiners Dr. Winter. Ihr legte der Redner das Wort der Schrift zugrunde: „Sie sollen mir ein Heiligtum bauen, und ich, spricht Gott, werde in ihrer Mitte wohnen." Er schilderte, davon ausgehend, daß jedes Gotteshaus ein Denkmal der Gotteserkenntnis ist, wie sich jenes Schriftwort in der Geschichte Israels bewährt habe. An die^'Predigt, die einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hervorrief, schloß sich die vorgeschriebene Fürbitte. Frau M. Kayser geb. Baum aus Leipzig, eine geborene Zwickauerin, sang alsdann mit wohllautender Stimme und empfindungsvollem Vortrag eine Arie von Haydn, zu der der Lehrer und Kantor der Gemeinde, Grünberg, den Text gedichtet hat. Mit Gemeindegesang wurde die Feier, geschlossen. Abends fand ein Festessen statt, zu dem etwa 80 Gedecke aufgelegt waren. Es wurde ein Trinkspruch auf den König ausgebracht, an den auch ein Huldigungstelegramm abgesandt wurde. Der König ließ bereits heute morgen seinen Dank dafür telegraphisch übermitteln. r. Chemnitz, 23. Juni. Auch der Verwaltungsbericht des Vorstandes der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde für das Jahr 1904 hebt an erster Stelle hervor, daß'dies Jahr in der Geschichte der Israeliten im Königreiche Sachsen stets ein bedeutungsvolles genannt werden wird, denn es brachte uns die staatsgesetzliche Anerkennung der israelitischen Religionsgemeinden und die Regelung ihrer rechtlichen Verhältnisse. Unsere Gemeinde zählt nach dem Ergebnis der Volkszählung im Jahre 1900 1136 Seelen. Die Anzahl der selbstständigen Haushaltungen betrug 262 und die der zur Gemeindesteuer veranlagten Gemeindemitglieder 419. Infolge der Verordnung zur. Ausführung des Gesetzes vom 29. Juni 1904 wurde der Gemeinde seitens des Ministeriums die Aufstellung eines dem Gesetze entsprechenden Statuts aufgegeben. Der alsbald von dem Vorsitzenden Herrn Max Bergmann ausgearbeitete Statutenentwurf erhielt, die erbetene Genehmigung mittels Bestätigungsdekret vom 26. Januar 1905. Die geplante Gründung eines Verbandes der israelitischen Gemeinden des Königreichs Sachsen ist zurzeit noch nicht zustande gekommen; deshalb konnte auch in der mit dieser Angelegenheit zusammenhängenden Frage der Gründung eines israelitischen Waisenhauses in unserem engeren Vaterlande nichts weiteres geschehen. Im Dezember verlegte der langjährige verdienstvolle erste Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Bergmann, . seinen Wohnsitz nach Berlin. An seiner Stelle wurde der bisherige Gemeindevarordnete, Herr Louis Ladewig, zum Vorsitzenden gewählt. Dr. J> Zimels, welcher seit April 1903 als Religionslehrer und Rabbiner- Stellvertreter in unserer Gemeinde tätig war, wurde als zweiter Rabbiner nach Karlsruhe berufen. Die Gemeindekollegien beschlossen, von der weiteren Anstellung eines Rabbiner-Stellvertreters abzusehen ■mb dafür einen Religionslehrer anzustellen; als solcher wurde Herr -tehrer Abraham Nathan, welcher das Seminar zu Berlin absolbiert hat, gewählt. Die Anzahl der Schüler unserer Religionsschule betrug i89 (81 Knaben und 88 Mädchen). Das Lehrerkollegium bestand aus dem Schulleiter Dr. Mühlfelder und den Herren Lehrer S. Sommerfeld, Kantor N. Goldberg und Dr. J. Zimels resp. Nathan. Der Kassenbericht verzeichnet an Einnahmen 42 405,52 Mark, an Ausgaben 37 955,40 MaE Der Vorstand -der Gemeinde besteht aus den Herren Louis Ladewig. A. J.-Kalitzki, Willy Lippmanu,.Bernhard Kupferberg, Markus Bernstein, L. J., Joachimsthal. . r ■ Hamburgs 23. Juni.: Hier ist es durch die Behörden den Herbergswirten untersagt, russische-Auswanderer in Logis zu nehmen. Alle aus Rußland kommenden Emigranten müssen in-die von der Hamburg-Amerika-Linie errichteten Auswandererhallen. Diese befindensich seit' dem Jahre 1902 auf der Veddel; sie wurden mit einem Aufwand von IV» Millionen Mark erbaut und nehmen eine Fläche von 25 000 gm ein. Die Lage ist so gewählt, daß die Auswanderer auf einem besonderen Bahnhof ankommen und ebenso eingeschifft werden, ohne die Stadt zu berühren. Die einzelnen Gebäude sind im Pavillonstil gebaut, haben Zentralheizung und elektrische Beleuchtung und sind mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestattet. Die Wege zwischen den einzelnen Gebäuden sind mit Bäumen bepflanzt, die ganze Anlage macht einen äußerst gefälligen Eindruck. Für Logis, Beköstigung, Bad und ärztliche Behandlung hat der Auswanderer pro Tag 1,60 Mark zu zahlen, Kinder die Hälfte. Für jüdische Auswanderer gibt es eine jüdische Küche, die unter streng ritueller Aufsicht steht, für das religiöse Bedürfnis ist weiter gesorgt durch eine Synagoge, in der die jüdischen Auswanderer ihre Gebete verrichten. Immer sind Sangeskundige unter ihnen genug, welche die Vorbeterrolle übernehmen. Der Hauptgrund, weswegen russische Auswanderer ihren Aufenthalt in diesen Hallen nehmen müssen, während alle anderen entweder in Privatlogis gehen oder die Hallen freiwillig auffuchen können ist der, eine Einschleppung von Krankheiten zu verhüten. Seit dem Cholerajahr 1892 sind diese Vorsichtsmaßregeln getroffen. Es ist dafür gesorgt, daß alle Abwässer aus den Auswandererhallen, bevor sie, in die Elbe fließen, desinfiziert werden, damit keine Krankheitsstoffe in den Elbfluß kommen, der Hamburg mit Trinkwasser versorgt. — Weniger großartig sind die Einrichtungen in Bremen. Hier kann jeder Auswanderer sich in jedes beliebige Privatlogis begeben. Den Logiswirten, die unter behördlicher Ueberwachung stehen, ist es aber zur Pflicht gemacht, keinen zu beherbergen, der nicht vorher, soweit er aus Rußland kommt, eine Kontrollstation passiert hat. Ist dies nicht geschehen, so muß der Betreffende in einer Abteilung des Bremer Krankenhauses sich derselben Prozedur unterziehen, wie in der Grenzstation, er wird gebadet und sein Gepäck desinfiziert; erst dann dürfen die Herbergswirte ihn aufnehmen. Bei Nichtrussen muß ebenfalls vor der Ausnahme, wenn die Leute keine Registrierstation ausgesucht haben, festgestellt werden, ob sie gesund und reisefähig sind. Auch in Bremen finden die jüdischen Auswanderer eine jüdische Herberge, die gleichzeitig eine koschere Küche und Speisesäle aufweist. Unsere auswandernden - Glaubensgenossen sind auch dort in reinlichen, luftigen Zimmern untergebrächt und bekommen eine gute nahrhafte Kost. Der Preis für Verpflegung und Beherbergung beträgt hier 2,50 Mark. . k. Köln, 23. Juni. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten stand u. a. ein wichtiger Antrag der Zentrumsfraktion, „den Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen und ebenso der'" Lehrerschaft die Mitwirkung in der Schuldeputation grundsätzlich zu sichern", zur Beratung. Dabei kam es zwischen einem liberalen und Zentrumsvertreter zu folgender Auseinandersetzung. Stadtrat Dr. Neven Du Mont (liberal) führt aus: „Geht man nun auf Einzelheiten des Antrages ein, so verlangt er, daß in den Schuldeputationen je eine Stelle geschaffen werden soll für einen katholischen und einen evangelischen Geistlichen. Das soll wahrscheinlich paritätisch aussehen. Ich weiß aber wirklich nicht, wenn man sich auf einen derartigen Standpunkt stellt, — ein Standpunkt auf dem ich nicht stehe, — daß man alle Konfessionen berücksichtigen will, warum man dann nicht auch noch den Rabbiner hinzunehmen soll. Speziell hier in Köln haben wir eine jüdische Schule, zu der die jüdische Gemeinde in früheren Jahren Geld beigetragen hat. Wenn Sie also gleichmäßig und paritätisch Verfahren wollen, dann werden Sie auch diese Konfession berücksichtigen müssen. Und das trifft erst recht bei dem Lehrer zu." An diesen Ausführungen des liberalen Redners drückten sich alle Zentrumsredner vorbei, bis denn von dieser Seite Justizrat Trimborn darauf einging und folgendes sagte: „Nun muß ich noch eins erwähnen. Meine Herren Vorredner haben es offenbar übersehen, aus einen anderen Einwand des Herrn