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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-30 · Heft 26 (30.6.1905) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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DieZeitschrist „Der jüdische Student", an der nürM I. Ster. mitarbesten^ dient ebenfalls der wissenschaftlichen^ Ausbildung der 'ZMÄglieders- Körperliche Uebungen, insbesondere die wöchentlichen Turnstunden haben den Zweck, das Selbstgefühl .und den frohen Mut' der V. I. Ster, zu heben. Bei den ..jährlichen, Direktoriumswahlen. zur akademischen Lesehalle hat der Verein Gelegenheit, seinem Programm gemäß die Interessen der jüdischen. Studentenschaft zu vertreten und gleichzeitig auf weitere studentische Kreise eine Rückwirkung auszuüben. L2 Berlin, 27. Juni. Gestern ist einer der wackersten Kämpfer für Freiheit und Kultur in Deutschland uns entrissen worden. Nach langem Leiden ist in Homburg v. d. H. Dr. Max Hirsch im 73. Lebensjahre gestorben. Mit ihm scheidet aus dem öffentlichen Leben ein Mann, der immer ein warmes Herz für die Armen und Bedrängten bewiesen, immer für Aufklärung und Fortschritt gestritten hat. Ganz erfüllt von der sittlichen und wirtschaftlichen Bedeutung der Selbsthilfe, feind allen Phantastereien vom sozialistischen Zukunftsstaat, suchte er die Arbeiter zu werktätigem Zusammenschluß auf dem Boden der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung zu bewegen und wurde der Schöpfer der deutschen Gewerkvereine, deren Anwalt er Jahrzehnte hindurch nicht nur kraft des ihm übertragenen Amtes, sondern kraft feiner innersten Ueberzeugung war. Von ihm ging der Gedanke aus, den wissenschaftlichen Zentralverein und die Humboldt-Akademie zu schaffen, lange bevor man in Deutschland von Volkshochschulen etwas wußte. Wo er das gute Recht der-Arbeiter wahrnehmen konnte, da tat er es nachdrücklich und beharrlichohne daß er an der Hetze gegen die Arbeitgeber und Unternehmerals „Ausbeuter" teilnahm und den Klassenkampf predigte. Im Reichstag wie im Abgeordnetenhause, hier seit 1898 als Vertreter des ersten Berliner Wahlkreises, hat Hirsch sich - ebenso durch gewissenhaften Fleiß wie durch charakterfeste Haltung und durch schlichte, nur auf die Sache gerichtete Beredsamkeit Achtung zu verschaffen gewußt. Von Jugend auf der deutschen Fortschrittspartei ergeben, ist er bis zu seinem Tode ein treues Mitglied der Freisinnigen Volkspartei gewesen. Ein ehrendes Andenken in weiten Kreisen des Volkes ist ihm gesichert, und sein Name bleibt mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung dauernd verbunden. — Dr. Max Hirsch war am 30. Dezember 1832 in Halberstadt geboren. Er war ein Neffe Ludwig Philippsons. Er besuchte das Domgymnasium in Magdeburg, studierte dann von 1850 bis 1855 aus' den Universitäten Tübingen, Heidelberg und Berlin Philosophie, Rechts- und Staats-' wissenschasten, um sich später der akademischen Laufbahn widmen zu können. Durch Kränklichkeit daran verhindert, wandte er - sich dem Buchhändler- und hierauf dem kaufmännischen Berufe zu und lebte seit 1867 hier in Berlin als national-ökonomischer und sozialpolitischer Schriftsteller. Nachdem er bereits irr jüngeren Jahren Frankreich und Nordafrika bereist hatte, machte er 1868 eine Studienreise nach England und Schottland und rief nach seiner Rückkehr in Deutschland nach englischem Muster Gewerkvereine ins Leben, die sich bald bedeutend ausbreiteten. Dr. M. Hirsch übernahm 1869 das Amt des Verbandsanwalts und die Herausgabe des Verbandsorgans „Der Gewerkverein". In demselben Jahre wurde er zum erstenmal in den Reichstag gewählt, in dem er von 1869 bis 1871 als Mitglied der Fortschrittspartei den sächsischen Wahlkreis Plauen-Oelsnitz vertrat. 1877 ging er aus der Stichwahl als Abgeordneter für den I. Berliner Wahlkreis hervor, 1881 wurde er im Fürstentum Reuß jüngere Linie und 1890 im Wahlkreise Bitterfeld-Delitzsch gewählt. Ins Abgeordnetenhaus berief ihn der I. Berliner Wahlkreis. Neben seiner umfassenden Tätigkeit für die Gewerkvereine war Hirsch auch Mitbegründer und Ausschußmitglied der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, ebenso Mitbegründer des Vereins für Sozialpolitik, seit langen Jahren Dozent und Generalsekretär der Humboldtakademie, endlich auch Schriftführer der Deutschen Gruppe der Interparlamentarischen Friedenskonferenz und 1898 bis 1900 Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft. Groß ist die Zahl der Werke, die er in seiner jahrzehntelangen literarischen Tätigkeit geschaffen hat. Daß ein solcher Mann den Abwehrbestrebungen gegen den Antisemitismus nicht fern bleiben konnte, ist selbstverständlich. . Aber auch an positiver Arbeit ließ er es nicht fehlen. Ost hielt er in jüdischen Vereinen Vorträge und unserem Blatte war Hirsch ein geschätzter Mitarbeiter. Ehre - seinem Andenken! -,Y s. Berlin, 25. Juni. '-Am 21. 'b. M. ist der ^frühere Verleger der ^Volkszeitung", RisteiHuts-^ und Fabrikbesitzer' Emil Cohn, nach längerem Leiden im 72. Lebensjahre gestorben. Die „Volkszeitung" widmet dem" Heimgegangenen einell "wahrhaft ehrenvollen und wohlverdienten Nachruf, dem wir nur^ den folgenden Passus zur Charakteristik dieses Mannes entnehmest: „Was der Dahingeschiedene der Redaktion unseres Blattes,- 'was.er allen Angestellten der. Gutenberg- Aktiengesellschaft gewesen ist, das ist in wenigen Worten nicht zü'erschöpfen. Wir würden dem bescheidenen, selbstlosen, nur auf das Wohl anderer bedachten Sinne des Entschlafenen zuwiderhandeln, wollten wir alles das laut preisen, was uns an ihm verehrungswürdig war. Es war den Mitgliedern der Redaktion stets ein Stolz und eine Freude, in harmonischer Uebereinstimmung mit derr abgeklärten, festen politischen Anschauungen des nunmehr.Dahingeschiedenen in verständnisvoll geförderter Schaffenskraft die Grundsätze eines sozialpolitisch verjüngten, allein verheißungsvollen Liberalismus entschieden und rücksichtslos vertreten zu können, den Blick nur gerichtet auf das Gesamtwohl und die Zukunft unseres Vaterlandes. In dieser Grundanschauung wußten wir uns mit unserem . Gönner und wahren Freunde eins. Emil Cohn war ein Arbeitgeber, dem das Wohl aller von ihm Beschäftigten ohne Unterschied ihrer sozialen Stellung gleich ernstlich am Herzen lag. Fleiß, Tüchtigkeit, rechtlicher Sinn gaben ihm allein den Maßstab, nach dem er den Wert eines Menschen würdigte. Sein Wohltütigkeitssinn konnte sich niemals Genüge tun. Mit ihm ist das Muster eines vortrefflichen, unabhängigen, von dem aufrichtigsten sozialen Wollen erfüllten Bürgers dahingegangen! Nie hat er danach gegeizt, mit seiner Person in den Vordergrund zu treten. Aber mehr hat er in. einem langen, arbeitsreichenerfolggekrönten Leben für seine Mitbürger getan, als manch andrer, von dem die Well viel Rühmens macht. Wir werden, dem Dahingeschiedenen in treuer Erinnerung an das Band gemeinsamer Tätigkeit, das uns bis vor Jahresfrist miteinander verbunden hat, ein dankbares Gedächtnis bewahren für immer!" Pankow - Berlin, 23. Juni. Das Israelitische Erziehungsheim für geistig zurückgebliebene, noch bildungsfähige Kinder des Direktors Rosenbaum in Nieder-Schönhausen, ist am 1. April d. I. — einem dringenden Bedürfnis nach Erweiterung folgend — von der Uhlandstraße 51 nach der Lindenstraße Nr. 13 in eine besonders schön gelegene, von Gärten umringte Villa verlegt worden. Das Institut, in dem die Zöglinge neben dem Unterricht in den üblichen Schulfächern, auch eine gediegene religiöse Unterweisung erhalten, erfreut sich in maßgebenden Kreisen besonderer Beliebtheit und großen Ansehens. In der jüngsten Schulkommissionssitzung unserer Gemeinde, in der über die Gründung einer Nachhilfeschule debattiert wurde, beauftragte der Vorsitzende der Kommission, Schulrat Bandtke den Sanitätsrat Dr. Schäfer, das Israelitische Erziehungsheim zu besichtigenum nach diesem Vorbilde die für unfern Ort "geplante Nachhilfeschule einzurichten. Ten drei in Pankow segensreich wirkenden jüdischen Anstalten schließt sich das Rosenbaum'sche Institut in Nieder-Schönhausen würdig an. -----Dresden, 20. Juni. Durch die sächsische Presse geht ein Auszug aus den Bestimmungen der Friedhofsordnung in der Gemeinde Auerswalde bei Chemnitz, die an Unduldsamkeit und Ueberhebung gegenüber Andersgläubigen geradezu Unglaubliches leistet. Das Dokument verordnet im Stile eines russischen Ukas u. a.: § 19. Alle Inschriften auf Grabsteinen und Denkmälern sind vor ihrer Bestellung beim Bildhauer oder Steinmetzen dem Pfarrer zur Durchsicht und Genehmigung, vorzulegen. Auf Gräbern von Selbstmördern, konfessionslosen Dissidenten und Juden dürfen nur einfache Platten angebracht werden, deren Inschriften außer einem paffenden Bibelspruch nur Namen, Stand und Alter des Verstorbenen aufweisen. § 32. Personen, welche aus der evangelisch-lutherischen Landeskirche ausgeschieden sind und einer vom Staate anerkannten Religionsgemeinschaft nicht angehören, sowie Juden, haben keinen Anspruch auf ein Erbbegräbnis. § 33. Bei solchen Begräbnissen unterbleibt Glockengeläut und alles Singen und Sprechen am Grabe. Leichentuch und Kruzifix werden nicht gewährt. § 34. Die Dissidenten und Juden, können ihre Leichen bis zum Begräbnis in der Totenhalle aufbewahren. Das Grab -für einen Juden wird nur in ortsüblicher Weise hergerichtet.

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