Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Reden zurückzukommen, welcher durchaus beantwortet werden muß. Herr Neben hat darauf hingewiesen: Wir müßten dann auch einen der Herren Rabbiner in die Deputation wählen. Wenn man die Sache rein theoretisch und logisch nimmt, so kommt matt auf diesen Gedanken. Aber Sie wissen selbst, daß man bei der Umsetzung von Prinzipien in die Praxis nicht alles durchsetzen kann. Wir müssen hier mit gewissen Zahlenverhältnissen, mit gewissen Mehrheits- und Minderheilsverhältnissen rechnen. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn unsere israelitischen Mitbürger einen erheblichen Teil der Bürgerschaft ausmachten, einen Teil der Bürgerschaft, der an Erheblichkeit nur einigermaßen an die Zahl heranreichte, welche durch die evangelischen Mitbürger repräsentiert wird — es handelt sich in Köln um mehr als 60 000 Evangelische — würden wir selbstverständlich absolut keine Bedenken haben, auch dieser Konfession nach jeder Richtung hin Rechnung zu tragen." Das ist die Politik des Zentrums im Großen wie im Kleinen! Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 26. Juni. Unter dem Vorsitze des ersten Vizepräsidenten Dr. Alfred Stern wurde vor einigen Tagen die 33. Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" abgehalten. Nachdem der Vorsitzende der verstorbenen Mitglieder, der Herren Moritz Ritter von Borkenau, Dr. Theodor Herzl, Alexander Scharf, sowie der Herren F. D. Mocatta in London und Konsul Simon in Hannover, der Rabbiner Dr. M. Kahserling und Adam Wunder, und besonders des ehemaligen Präsidenten der Kultus gemeinde Wien, Heinrich Klinger, mit ehrenden Worten gedacht hatte, eröffnete er die Debatte über die im abgelaufenen Jahre, -sowie in den Monaten Januar bis Ende Mai dieses Jahres entfaltete überaus rege Tätigkeit der „Allianz" in Angelegenheit der russischen Emigranten; diese veranlaßte die Kreierung eigener Hilfskomitees inKrakau, Oswieczim und Mährisch-Ostrau, und außerdem wurde die Zentrale alltäglich von Hunderten von Auswanderern bestürmt, die um Unterstützung behufs Beförderung nach überseeischen Ländern baten. Die „Allianz" verausgabte für diesen philantropischen Zweck bisher eine Summe von rund 100000 Kronen, und noch lausen fortwährend neue Anforderungen ein. In der daran geknüpften Debatte wurde der Wunsch ausgesprochen, es möge eine ausgebreitete Hilfsaktion zugunsten der „Israelitischen Allianz zu Wien" eingeleitet und neben dem bereits veröffentlichten Aufruf ein solches Ersuchen auch an sämtliche Kultusgemeinden gerichtet werden. An der Debatte beteiligten sich die Herren M. Baum, die Rabbiner Dr. David und Dr. - Feuchtwang. Nach der erfolgten Genehmigung des Berichtes sowie der Erteilung des Absolutoriums an den Vorstand wurden die zum Austritte bestimmt gewesenen Herren Em. Baumgarten, Emil Horner, Dr. Arthur Kuranda, Bernhard Pollack und Julius Reitlinger wiedergewählt. — In der Sitzung des Professorenkollegiums der Wiener medizinischen Fakultät wurde sür das Studienjahr 1905/1906 E<Professor Hofrat Dr. Emil Zuckerkandl zum Dekan der Wiener medizinischen Fakultät gewühlt. — Entgegen der Meldung eines . Frankfurter Blattes kann die „Oesterreichische Wochenschrift" erfreulicherweise auf Grund von verläßlichen Informationen, die sie von einer Persönlichkeit erhalten, welche mit dem Herrn Generalmajor Ritter von Schweizer seit einem Vierteljahrhundert intim befreundet ist, erklären, daß die Mitteilung, wonach Generalmajor Ritter von Schweizer seinen Austritt aus dem Judentum erklärt hat, unwahr ist und jeder Grundlage entbehrt. — In Brünn ist der Neichratsabgeordnete der dortigen Handels- und Gewerbekammer, Friedrich Singer, am 15. dieses Monats verstorben. — In Klausenburg ist am 15. dieses Monats der Universitätsprofessor Dr. Moritz Szilasi im 51. Lebensjahre verstorben. Er war ordentlicher öffentlicher Professor sür ungarische Sprachwissenschaft und vergleichende finnisch-ugrische Linguistik an der königlich-ungarischen Franz Josefs- Universität und Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. In seinem Fache galt er als einer der tüchtigsten Gelehrten; die philosophische Fakultät hatte ihn eben zum Dekan für das Sommersemester gewählt. Szilasi war aber auch — im Gegensätze zu so vielen seiner Kollegen — ein glaubenstreuer Jude. Ehre seinem Andenken! — Statthalter Graf Clarh hat dem Rabbiner der Kultusgemeinde Graz, Dr. Mühsam, der vor einigen Tagen sein 40jähriges Amtsjubiläum im engsten Familienkreise feierte, die Ehrenmedaille für 40 jährige treue Dienste zuerkannt. — Zum Rektor der Universität Czernowitz wurde Professor Dr. S. Herzberg-Fränkl gewählt.— Von Sah und Fern. — Dem Geheimen Baurat Emil Rathenau ist vom Senat der Technischen Hochschule zu Berlin die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber verliehen worden. -— Dem Generalpostkassenbuchhalter Rechnungsrat Nathan Cohn, hier, wurde anläßlich seines Scheidens aus dem Dienste der Charakter als Geheimer Rechnungsrat verliehen. — Professor Dr. Felix Liebermann und seine Ehegattin Cäcilie, geborene Lachmann, haben der Stadt Berlin ein Kapital von rund 100 000 Mark zur Errichtung einer F. und C. Liebermann- Stiftung überwiesen. Diese Stiftung hat den Zweck, Personen im Alter von vierzehn bis dreißig Jahren bei der Begründung wirtschaftlicher Selbständigkeit Beihilfen zu leisten, falls diese Personen durch Fleiß und Charakter zu der Hoffnung berechtigen, daß sie sich eine wirtschaftliche Unabhängigkeit erringen werden.— Graf Pückler darf wieder in Berlin sprechen, so verkünden triumphierend die antisemitischen Blätter. Das Redeverbot ist demnach aufgehoben. — Die Einweihung des israelitischen Altersheims für die Provinz Westfalen in Unna wird am 9. Juli stattfinden. Bis jetzt sind bereits eine Anzahl Personen, welche die Aufnahme in das Altersheim wünschen, angemeldet. — Der Religionslehrer a. D. Josua Thalheimer zu Wallau im Landkreise Wiesbaden, bisher zu Falkenstein im Obertaunuskreise, hat den Adler der Inhaber des Kgl. Hausordens von Hohenzollern erhalten. — In Mannheim wurden zwei Betrüger festgenommen, die Sammlungen für ausgewiesene russische Juden oder andere wohltätige Zwecke veranstalteten. Sie führten Bescheinigungen und Zeugnisse bei sich, die sämtlich gefälscht sind. Es ist festgestellt, daß sich die Schwindler auch in Frankfurt a. M. aufgehalten und höchstwahrscheinlich Betrügereien ausgeführt haben. — In Mailand erhielt ein sechzehnjähriger Knabe zum zweiten Male die Rettungsmedaille. Bruno Sinigaglia, Sohn eines israelitischen Lehrers hat am 6. Mai 1902 und am 11. Januar 1905 zwei Kinder mit eigener Lebensgefahr aus der Olona gerettet. Schon 1902 war der heldenmütige Knabe mit der Rettungsmedaille geschmückt worden; nun hat er diese Auszeichnung zum zweiten Male erhalten. — Die theologische Fakultät der Universität Genua wählte als Unterrichtsthema die Frage: „Der Zionismus und seine Aufgaben für die Gegenwart." Als beste Arbeit wurde von der Jury das Werk eines Christen unter dem Motto: „Kann man ein Lied Gottes auf fremder Erde singen?" anerkannt. — In der französischen Kammer gelangte eine auf Befehl des Kultusministers angefertigte Aufstellung der Einkünfte der Kirchengüter und Konsistorien zur Verteilung. Danach werden die Einkünfte der katholischen Kirchen aus II 547 798 Francs geschätzt. Die Einnahmen der 586 protestantischen Kirchenräte betragen 1121146 Francs und die Ausgaben 1 068 232 Francs, die Einnahmen der 65 jüdischen Gemeinden 1058 347 und die Ausgaben 1005 803 Francs. — Bei den Barrikadenkämpfen in Lodz wurden 343 Juden getötet und verwundet. Am 25. wurde eine ganze israelitische Familie von fünf Personen in einer Droschke von Kosaken niedergemacht. — In Baltimore ist der bekannte Maler Saul Bernstein, der mit Vorliebe Szenen und Studien aus dein Ghetto gemalt, im 41. Lebensjahre gestorben. — Einer Aufstellung der Newhorker „Jewish Daily News" zufolge, betrug die Zahl der jüdischen Kriegsgefangenen in Japan bis zum 31. März insgesamt 811, und zwar befanden sich 415 von ihnen in Hamadua, 145 in Matsuyana 93 in Himedsi und 221 in kleineren japanischen Garnisonsorten. — Jn Auckland ist Arthur G. Nathan, einer der angesehensten Männer in Stadt und Gemeinde, früher Präsident der Handelskammer und Vorsteher der jüdischen Gemeinde, im 58. Lebensjahre gestorben. — Arthur M. Myers ist zum Bürgermeister von Auckland, Maurice Cohn zum Bürgermeister von Palmerston gewählt worden.