Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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311 ihrer Hilfe bist Du . nun genesen — nach vielen, vielen Wochen." - „Und Leo, wie kamst Du hierher?" „Moreas, der wußte oder ahnte wo ich weilte, sandte mir seinen Sklaven, geliebte Rachel und ich eilte alsbald, von Sklaven geführt, hierher.. Auch ich weile hier, schon viele Wochen, an Deine Seite. Doch genug der Rede, Du mußt ruhen, schlafen." Und einen Kuß aus ihre Lippen drückend, zog er sich in eine Ecke des Gemaches zurück. — Eines Tages, als Rachel schon wieder ganz genesen war, lagen alle drei in dem hohen Steppengrase vor dem Hause und überlegten, was weiter zu tun sei. Sie waren gerade übereingekommen, bald die Reise nach Belendscher zu unternehmen, als sich zwei Reitersmänner am Horizonte zeigten. Näher und näher kamen sie, bis deutlich zu ersehen war, daß sie direkt auf das Haus des Ackerbebauers zuhielten. Plötzlich rief Leo, der mit sehr scharfen Augen begabt war, freudig aus: „Der eine ist mein guter Freund, Moses Jbn Muffta!" Und so war es. Es waren Jbn Muffta und ein Sklave. Angelangt sprangen sie vom Pferde. Moses und Leo umarmten sich, die andern lernten sich kennen; dann lagerte man sich wieder im Grase, die beiden Sklaven in einiger Entfernung von den andern. „Nun hört, was mich zu Euch führt, meine lieben Freunde," Hub Jbn Muffta an, nachdem die Begrüßungen vorüber. „Gar sehr wichtige Kundschaft bringe ich Euch. Ein Wort von Deinem Bruder, Leo!" „Vom Kaiser von Byzanz?! Von Konstantin VII.?" fragten Leo und Moreas zugleich. „Eben von ihm. — An Dich ist sie gerichtet, Freund Leo, und ein treuer Sklave hat sie überbracht. Gar grausig ist ihr Inhalt, schier unglaublich. Doch meine ich, wir lassen den Sklaven selbst sprechen," und er winkte den Sklaven heran, der mit ihm gekommen war. Des Moreas Sklave blieb zurück. „Erzähle hier noch einmal, was Du mir erzähltest," befahl Moses. Der Sklave, ein Mann von prächtigem Körperbau, noch jung an Jahren, verneigte sich und begann: „Ich selbst und noch ein Sklave, ein Freund von mir, wurden vor einigen Abenden in das Gemach unseres guten Herrn, des Kaisers Konstantin, gerufen. „Seid Ihr mir treu?" fragte er. Wir warfen uns auf den Boden und küßten seine Füße. „Steht auf, ich glaube Euch. Und wenn ihr meine Befehle gut ausführt, so sollt ihr frei sein!" Und nun befahl uns unser Herr, zu reiten Tag und Nacht, ois wir erreichten Belendscher, die Hauptstadt der Chazaren und dort zu forschen nach Leo, seinem Bruder. Denn gar böses; ührt im Sinne meine Mutter gegen Belendscher und gegen den Tönig der Chazaren; gegen die Königin und ihr ganzes Volk. Und gelingt ihr, was sie ersonnen, dann wehe Dir mein armer, Bruder. Wohl ist Dir bekannt die Grausamkeit meiner Mutter, ie ich doch so liebe und die mich haßt, weil sie an mich den Thron wird geben müssen, und die Dich haßt, weil Du mein Bruder und Freund. Deshalb will ich Dich jetzt warnen, damit Du entrinnst dem Verderben und auch weit ich nicht mag ü'hen die große Ungerechtigkeit und die Sünde. Denn, wisse: Tinen gar teuflischen Plan hat meine Mutter ersonnen; zum Lobe Gottes, sagt sie. Oh, die Sünde! Das Chazareneich, weil ihr ein gefährlicher Nachbar, will sie an sich reißen mit Hilfe der tributpflichtigen, aufständischen Völker, der Petschinegen, Radimitschen und Wjatitschen. Aber nicht offen, sondern durch Tücke. Und deshalb will sie erst ehelichen den König Chakan Bulan und durchsetzen sein ganzes Land mit ihren Kriegern. Da der König aber schon verehelicht, so soll die Königin sterben. Sie hat ihr Sklaven geschickt zum Geschenk, die wohl vertraut sind mit der Pflanzenkunde und die frei sein sollen, sobald die Königin tot. Auch ihren Arzt hat sie der Königin gesandt, damit er ihr helfe. Dieser Mann ist der größte. Schuft in ganz Byzanz, doch sehr gelehrt. Wehe der armen Königin! Nach der Ehe soll Chakan Bülan gezwungen werden, die Taufe anzunehmen und auch sein ganzes Volk soll er dazu zwingen. Und sträubt er sich, wird er ermordet, die byzantinischen Krieger fallen über die chazarischen her — denn auch ein Bündnis soll geschlossen werden, und viel byzantinische Krieger sich aufhalten im Chazarenland, zum „Schutz" gegen die Aufständischen — und die Tributvölker helfen ihnen. Dann wehe dem armen Lande. Und deshalb sende ich Dir diese Warnung und bitte Dich um lieben Gottes Willen, vereitle diesen höllischen Plan um Deinet-, um meinet- und um der Heiligen willen! Niederzuschreiben wage ich nicht diese Nachricht; gebe Gott, daß sie Dich erreiche!" So sprach unser Herr und Kaiser. Wir setzten aus am Abend, aber schon am nächsten Morgen merkten wir, daß wir verfolgt wurden. Zwanzig Krieger jagten hinter uns her. Dicht hinter uns waren sie schon, Pfeile und Speere schwirrten um uns herum. Da traf ein Pfeil das Roß meines Freundes, es fiel und und begrub seinen Reiter unter sich. Ich sprang vom Pferde und eilte, durch das hohe Gras gedeckt, in ein nahes, sehr dichtes Gebüsch, wo ich mich versteckte. Lange suchten mich die Verfolger vergebens. Meinen armen Freund aber schleppten sie lebend im Triumph mit sich zurück. Sobald sie.fort waren, eilte ich so schnell und gut ich konnte nach Belendscher und traf fast tot vor Erschöpfung dort ein." „Glücklicherweise," unterbrach ihn hier Jbn Muffta, während die Zuhörer sich entsetzt, ansahen, „traf ich ihn außerhalb des Tores, noch ehe einer der vielen byzantinischen Spione, die jetzt mit der Gesandtschaft in Belendscher hausen, ihn gesehen hatte. Er verlangte nach Leo, dem Byzantiner; sagte, er habe hochwichtige Nachricht. Wo Leo sich befand, wußte ich, hatte er es doch mir, seinem Freunde mitgeteilt und so machten wir uns sofort auf den Weg. Während des Rittes hat er mir die Nachricht mitgeteilt!" Lautlose, bange Stille herrschte. Dann fragte Leo mit bebender Stimme: „Und Dein Freund ist lebendig zurückgeschleppt worden? Ganz bestimmt?!" „Bestimmt!" antwortete der Sklave. „Durchs Gebüsch habe icksis gesehen." „Dann armer Konstantin; armer, armer Bruder!" seufzte Leo und Tränen standen in den Augen des starken Mannes. „Was befürchtest Du?" fragte Jbn Muffta bewegt. „Die Folter! Die hält kein Mensch aus! Auf der Folter wird der Sklave alles erzählen und dann wehe Dir, armer Kaiser von Byzanz!" Ergriffen schwiegen alle, da ertönte die Stimme des . Sklaven: „Mein-Freund war ein braver Mann, der seinen Herrn liebte. Eher ließe er sich in Stücke reißen, als sprechen. Er wird schweigen!" sagte er fest. Leo sprang empor. „Hab Dank für den Trost!" sprach er bewegt und ergriff die Hand des Sklaven. „Gott gebe, Du sprachst wahr! Von Stunde an bist Du frei, ein freier Bürger und als freien Bürger lade ich Dich ein, teilzunehmen an unserer Beratung." Nachdem die beiden sich zu den andern gesetzt, führ Jbn Muffta fort: