Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228663--61820-3275662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
——- 306 —— Beantwortung dieser Frage würde ich sehr erkenntlich sein." — Der Mitarbeiter der „Kiewer Neuigkeiten" unterhielt sich mit Anatol Leroy-B eaulieu, dem bekannten französischen Oekvnomisten und Schriftsteller: „Glauben Sie, daß mit Begründung der Volksvertretung, die Lage der Juden sich verbessern wird?" — „Ich habe eben Rumänien besucht, und fand dort in allen Sphären der Gesellschaft einen nicht verhehlten Antisemitismus. In Rußland ist es ganz anders. Die an der Spitze stehenden Männer, mit denen ich Gelegenheit hatte zu sprechen, sagen sich von dem Rassenhaß los. Die ganze Verwirrung in der jüdischen Frage verstehend, sehen sie, und zwar vollkommen aufrichtig, die Entscheidung derselben in einer vollkommenen Gleichstellung der Juden in den Rechten mit der übrigen Bevölkerung. Wenn die Volksvertretung wirklich aus gewählten „besseren" Männern bestehen wird, so wird diese zweifellos die „Menschenrechte" allen, die Rußland bevölkern, und darunter auch den Juden geben. Um die jüdische Frage aus der Welt zu schaffen, ist es notwendig, daß die Juden vollberechtigte Bürger werden. Das ist die Meinung jener an der Spitze stehenden Männer, mit welchen mich das Schicksal zusammengeführt hat." — Am 3./16. Mai stellte sich dem Wologdoer Gouverneur der dortige Rabbiner Gelperin vor. Dieser legte dem Gouverneur zwei Exemplare von Proklamationen vor, die am 1./14. Mai verbreitet würden, und den Ausruf enthielten „die Juden zu schlagen." Der Gouverneur beruhigte den Rabbiner und teilte ihm mit, daß er an die Möglichkeit eines Pogroms nicht glaube, und falls derselbe doch stattfinden sollte, so stünde ihm eine genügende Anzahl von Militär und Polizei zur Erstickung der Unruhen zur Verfügung. — Nach Mitteilung des „Nordischen Boten" stellten am 3./16. Mai die Schüler der jüdischen Handwerkerschule in Simferopol den Unterricht ein, weil der Dirigent derselben bei der Lektion sagte, daß alle Revolten und jeder Aufruhr von den Juden angezettelt werde! — „Besser spät, als nie." Herr Alexei Poroschin und der junge Su w o rin tun Buße in den Spalten des „Rusj" für ihre antisemitischen Versündigungen . . . „Ich habe viel" — sagt der erstere — „in der „Nowoje Wremja" über die jüdische Frage geschrieben. In den letzten zehn Jahren meines Verbleibens in der „Nowoje Wremja" waren fast alle Hauptaufsätze in der Zeitung über diese Frage von mir, oder von mir redigiert. Mich interessierten besonders die Mittel und Wege der Exploitierung der unorganisierten russischen Gesellschaft und des Volkes durch jüdische Unternehmer, welche das gehorsame, arme jüdische Volk in ihren Händen haben. Ich suchte und analisierte alle diese Mißbräuche mit der Fleisch- und Lichtpacht, den Kahalerpressungen und den Steuern für die Armen — es erwies sich darin viel Fäulnis, aber die Umstände aller dieser Erpressungen und Steuern sind derart, daß auch Fäulnis darin sein muß. Am Anfang schrieb ich alle diese Aussätze, wie „überzeugende" Aufsätze geschrieben werden — sobald man das erste Wort geschrieben hat, so weiß man schon, womit derselbe schließen wird. Aber am Ende dieser Jahre wurde es mir vor mir selbst immer schwerer, diese Aussätze bis zu Ende zu schreiben. Nun schön: die Juden sind Exploitatoren, die Juden sind volklos, die Juden sind ein zersetzendes Gift für den christlichen Staat, wie die Jesuiten seinerzeit ein Gift der westeuropäischen Gesellschaft waren. Dies alles ist ganz richtig, dies alles ist dem so, aber — wo ist der Ausweg? Für den Journalisten ist es wenig zu sagen: „Das ist schlecht!", er muß auch sagen, was ist da zu tun, damit es gut werde! Wo ist der Ausweg aus diesem Dunkel der jüdischen Frage zu finden? Und jedesmal fand ich mich vor einer Wand, gegen die der Gedanke sich stemmte; ich war verblüfft und konnte keinen Ausgang finden. Und' wenn es mir selbst nicht beschieden war, die schwere und qualvolle Lage eines Fremdgläubigen im Hause zu verstehen, welches auch von meinen Händen erbaut wurde, so hätte ich wahrscheinlich nie den Mut gesunden zu verraten, daß es einen einfachen Ausweg gibt: dieser Wand des Antisemitismus muß man den Rücken kehren, an deren Piedestal der russische politische Gedanke verfault, und der Wege gibt es so viele; wenn man nur will, ist der Weg überall da, aber nur nicht durch diese Wand des wilden Hasses." Dies Geständnis nimmt doch Herrn A. Poroschin die Hälfte seiner Schuld ab. — Im April fand wie schon gemeldet in Wilna ein Kongreß von Vertretern jüdischer Gemeinden statt, welche einen Bund bildeten, der bezweckt, die vollkommene Gleichberechtigung der Juden in Rußland zu erlangen. Die Idee dieses Bundes fand einen großen Widerhall im Kreise der Petersburger jüdischen Intelligenz. Vor wenigen Tagen hat sich dort eine Abteilung dieses Bundes gebildet, der bereits mehrere Hundert Mitglieder Zählt. — Das Ministerium des Innern wendete sich an die Gouverneure mit einem Zirkular, den lokalen jüdischen Gemeinden vorzustellen, daß sie im August ihre Vertreter in die zu organisierende Kommission zur Ausarbeitung der Umgestaltung der Fleisch- und Lichtpacht wie anderer Fragen, zu schicken haben. Den Vertretern wird bloß das Recht der beratenden Stimme gewährt. — . In Charkow fand vor wenigen Tagen ein Konzert des berühmten russischen Sängers Schaljapin ausschließlich für Arbeiter statt. Das Theater war von Fabrikarbeitern überfüllt, die dem berühmten Künstler große Ovationen darbrachten. Hierauf hielt Schaljapin folgende Ansprache an die Arbeiter: „Ich hörte, Brüder, daß Ihr Euch vorgenommen habt, die Juden zu kränken. Tut das nicht, es darf dies nicht geschehen. Die Juden sind ebensolche Menschen wie wir. Sie arbeiten ebenfalls und mühen sich ab. Brüder, gedenket daß der Erlöser alle Menschen gleich sehr liebte und uns befahl, jeden Nächsten zu lieben." — Aus T i r a s P o l schreibt man über einen Blutprozeß. > Die Sache verhält sich folgendermaßen: Im Dorfe Malveschtä . im Tiraspoler Kreise erhoben M. Nomaschko und - Kusma Syrbul, und die Frauen Stonitschkona und Lukerja Kowalenko mit Hilfe des zwölfjährigen Michail Nomaschko eine Anklage gegen, den dortigen Einwohner Sch. Landesberg, indem sie ihn der Teilnahme an einem Ritualmord. beschuldigten. Am 6. April bei Tag, am Vorabend der jüdischen Oslerfeiertage, habe Landesberg einen Jungen Michael Nomaschko in den Keller gelockt, um Kartoffeln zu sortieren; er nahm dem Knaben das Hemd vom Leibe, und indem er ihn in einen Kessel setzte, versetzte er ihn mit einer Nadel einige Stiche in die Brust. Hierauf wusch Landesberg Nomaschkos Körper mit kaltem und heißem Wasser, schmierte die Stellen mit einer Salbe ein, und ließ ihn nach Hause zurückkehren. Dieses Gerücht wurde der Behörde mitgeteilt, aber alles erwies sich natürlich als -eine boshafte Erdichtung. Michail Nomaschko wurde der Unwahrheit überführt. Sodann gestand er, daß Kusma Syrbul ihn anstiftete, von diesem „Verbrechen" 'zu erzählen, wofür er ihm zuvörderst Geld versprach, und später, wenn man die Juden ins Gefängnis werfen wird, mit ihm deren Eigentum zu teilen. Gegen obenerwähnte Personen wird jetzt die gerichtliche Verfolgung wegen Verbreitung falscher und aufreizender Gerüchte eingeleitet. —