Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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305 des Komitees zu einem gemütlichen Beisammensein. Schöne und innige Reden würzten das Mahl. Herr Bergmann begrüßte die Anwesenden und widmete sein erstes Glas dem Protektor aller edlen Werke, dem Prinzregenten; alle Anwesenden stimmten begeistert in das von ihm auf Bayerns geliebten Fürsten ausgebrachte Hoch ein. Herr Dr. Münz wies auf die Verdienste der Gönner der Anstalt hin und schilderte die Entstehungsgeschichte der Anstalt. In bunter Reihe sprachen sodann die Herren Ad. Schwarz-Nürnberg, Wilhelm Ottensooser, Regierungsbaumeister Wallersteiner, Abr. Löwenthal und Felix Ehrlich- Bad Kissingen, Willibald Löwenthal-Berlin. Die Kissinger Herren sprachen ihren Dank und ihre Anerkennung für das Gelingen des Werkes aus. Es kamen sodann die zahlreichen aus allen Gegenden Deutschlands ein gelaufenen Glückwunschtelegramme und Schreiben zur Verlesung. Der Königliche Oberregierungsrat Krug-Würzburg sandte ein Schreiben, in welchem er bedauerte, wegen Verhinderung an der Feier nicht teilnehmen zu können und dem wohltätigen Unternehmen den besten Erfolg wünscht. Auf ein Huldigungstelegramm an Se. Kgl. Hoheit den Prinzregenten kam zu Händen des Herrn Dr. Münz folgendes Antworttelegramm: Se. Kgl. Hoheit der Prinzregeut lassen dem Vorstande der israelitischen Kinderheilstätte in Bad Kissingen für die anläßlich der Eröffnung dieser gemeinnützigen Anstalt Allerhöchstdemselben in treuergebener Gesinnung dargebrachte Huldigung Ihren besten Dank entsenden. Im Allerhöchsten Aufträge: Frhr. v. Wiedemann, Generalleutnant, Generaladjutant. Die Anstalt selbst repräsentiert sich als ein äußerst geschmackvoller, gediegener Bau im Renaissancestil, welcher seinem Erbauer, dem Herrn Architekten Carl Krampf alle Ehre macht. Das Haus ist von Gartenanlagen und Spielplätzen umgeben. Das Innere der Anstalt ist sehr praktisch und gefällig eingerichtet, mit allem Komfort ausgestattet und entspricht in allen Teilen den modernen hygienischen Ansprüchen. Die Anstalt besitzt eine eigene Soolezuleitung. Im Souterrain befinden sich zwei Küchen, die Waschräume, das Kesselhaus, zwei Badekabinen und die Wohnung des Hausmeisters. Das Hochparterre wird durch den schönen, luftigen Speisesaal, die Zimmer des Arztes, die Wohnung der Oberschwester, eine stattliche Veranda, in der die vier Votivtafeln sich befinden, zwei Badekabinen und andere Räume eingenommen. Im ersten Stock befinden sich zwei Separatschlafzimmer fürKinder, außerdem vier große Schlafzimmer und ein Schwesternzimmer, sowie drei Veranden. Garderobezimmer, Mädchenzimmer, Bodenräume befinden sich im zweiten Stockwerk. Die Anstalt kann gleichzeitig 26 Kinder beherbergen; die armen Kinder werden unentgeltlich, die bemittelten gegen Zahlung der Selbstkosten ausgenommen. Schon in dieser Saison werden über 60 Kinder aus allen Teilen Deutschlands, die meisten von ihnen ohne jegliche Bezahlung, Aufnahme finden. Es finden in der Anstalt Behandlung: Skrofulöse, Rachitis, Blutarmut, Magen-Darmleiden, Rheumatismus, Herzleiden, allgemeine Schwäche, erschwerte Rekonvaleszenz. Die Kurdauer beträgt durchschnittlich vier Wochen; in Ausnahmefällen wird diese verlängert.' Behandelnder Arzt ist Herr Dr. Münz, der die Behandlung unentgeltlich leitet; als beratender Arzt firnktioniert Herr Medizinalrat Dr. Vanselow. Dem Kuratorium gehören an als: 1. Vorsitzender Herr S. Bergmann-Fürth, 2. Vorsitzender Herr A. Schwarz-Nürnberg, Schriftführer Herr Dr. Münz- Bad Kissingen, 1. Kassierer Herr Wilh. Ottensooser-Nürnberg, 2. Kassierer Herr A. Löwenthal jr.-Bad Kissingen, Herr Regierungsbaumeister Wallersteiner - Nürnberg, Herr Bankdirektor I. Ullmer-Nürnberg, in Berlin die Herren Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Senator, Justizrat Rechtsanwalt Timendorfer, Adolf Salomon, in Stuttgart Herr Kirchenrat Dr. Kroner, in Augsburg Herr Hugo Landauer, in Frankfurt a. M. Herr Rabbiner Dr. Horovitz. Die Anstalt repäsentiert sich als eine Musteranstalt ersten Ranges. Der Bau und die Einrichtung haben 110 000 Mark gekostet; der jährliche Unterhalt, der sich auf etwa 9000 Mark beläuft, soll durch Jahresbeiträge der Gönner der Anstalt aufgebracht werden. Folgende Geschäftsleute waren bei dem Bau beteiligt: Baumeister Bernhard Kiesel, Spenglermeister Bay, Schlossermeister Vogler, Schreinermeister Mergenthal, Tünchermeister Galland, Glasermeister Krebs, sämtlich in Bad Kissingen. Auch der größte Teil der inneren Einrichtung, an deren Lieferung an 50 Firmen beteiligt waren, wurde in Bad Kissingen von den verschiedensten Geschäftshäusern geliefert. Alle Menschenfreunde begleiten dieses edle Werk der Liebe und des Erbarmens mit den besten Segnungen und wünschen ihm ein günstiges Gedeihen. MM Srirk aus Suhlslid. Von Leon A. Trachtenberg. Odessa, im Juni 1905. „Odessky Listok" finden wir folgende Mitteilung aus y Petersburg : „Es ist positiv aufgeklärt worden, daß von den Aufwieglern, die Mordtaten und Zerstörungen in Schitomir verübt haben, einige aus Moskau nach dort abkommandiert wurden. Sie schrien: Wir schlagen die Studenten, die Intelligenz und die Juden, weil sie Sozialisten, Feinde der Regierung und der Kirche sind. Nicht umsonst hat man uns aus Moskau kommen lassen." . . . Viele wundern sich, daß die „weißen Terroristen", die Drohbriefe den Liberalen schicken, die öffentlich zu Gewalttaten und zum Mord aufreizen, zur Verantwortung nicht gezogen werden." Wir geben Ihnen diesen Bericht, ohne irgend ein Kommentar hinzuzufügen. — Außer dem Material in der „Judensrage", welches viele jüdische Gemeinden zur Verfügung des Ministerkomitees stellten, ist noch eine Reihe von Denkschriften einzelner Personen, wie auch die Beschlüsse der sogenannten „jüdischen" Kommissionen vorhanden. Ferner sind Referate von den höheren Vertretern der Administration jener Rayons geliefert worden, in denen es den Juden gestattet ist, zu wohnen. Der größte Teil dieser Berichte ist für die jüdische Bevölkerung sehr günstig. — Ein Petersburger Student des Polytechnischen Instituts, ein Jude, der nur deshalb dort ausgenommen wurde, weil er zur rechtgläubigen (prawoslawny) Kirche überging, beschloß, wie „Rusj" versichert, zum Judentum zurückzukehren, indem er sich auf den kaiserlichen Ukas über Glaubensduldung stützte. Dieser Uebergang zur früheren Religion wird zur Aufklärung dienen, ob Herr N. auch in diesem Falle Student des Instituts bleiben kann, trotzdem er die Bedingungen geändert hat, unter welchen er ausgenommen wurde. Ein Ingenieur der Technik N. K. schreibt in einer Zeitung folgendes: „Um ein geliebtes christliches Mädchen zu heiraten (ihr Vater ist Protestant, und die Mutter rechtgläubig), wurde ich, der Jude war, anglikanisch. Jetzt, wenn ich zum Judentum zurückkehren würde, so werde ich Beschränkungen in den bürgerlichen und politischen Rechten erleiden; aber dieser Verlust hat für mich keine Bedeutung, denn nicht der Rechte wegen wurde ich anglikanisch; vor dem Uebertritt zu dieser Kirche genoß ich dieselben Rechte als Akademiker. Für mich ist die Frage wichtiger: wird meine Ehe und mein Sohn als ungesetzlich betrachtet werden, wenn ich wieder Jude werde? Für di