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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-30 · Heft 26 (30.6.1905) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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302 unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine seelsorgerische Tätigkeit der Rabbiner fast ganz ausschließt, da diese zu den Gemeindemitgliedern nur sehr selten Persönlich in Berührung kommen. Die Forderung,, die in Punkt g der Baumgartenschen Resolution ausgestellt wird, nämlich den Armenunterstützung empfangenden Gemeindemitgliedern das aktive Wahlrecht zu geben, ist auch in verschiedenen jüdischen Gemeinden Preußens wiederholt erhoben worden. Bis jetzt aber leider ohne jeden nennbaren Erfolg. Und ebenso sind auch die beiden folgenden Punkte, die mit ihnen in Zusammenhang stehen, bis jetzt unerfüllte, aber immer dringender werdende Postulats des jüdischen Gemeindelebens. Von unseren Vertretungskörpern ist sogar der Mittelstand in den meisten Fällen ausgeschlossen, und wenn wir auch Gott sei Dank nicht das Filtriershstem einer Shnodülordnung besitzen, so ist es doch eine nicht weg zu leugnende Tatsache, daß bei uns nur die oberen Kreise zum entscheidenden Einfluß auf das Gemeindeleben gelangen. Daß dies kein Vorteil für eine gesunde Entwicklung ist, braucht wohl nicht erst erwiesen zu werden. Selten hat ein Sprichwort so gelogen wie das, welches behauptet, daß, wer ein Amt erhält, auch den Verstand dazu bekommt, und selbst der verknöchertste Philister wird kaum zu behaupten wagen, daß Reichtum und Intelligenz notwendig zusammenhängen müssen. Es wäre in der Tat dringend zu wünschen, wenn unsere Gemeinde-Einrichtungen auf eine etwas mehr demokratische Basis gestellt würden. Dann würden auch die letzten von Baumgarten erhobenen Forderungen bei uns zur Erfüllung gelangen. Es ist nicht in der Ordnung, daß einige Vorstandsmitglieder für sich das Recht in Anspruch nehmen, einen Rabbiner zu wählen und selbstherrlich darüber zu entscheiden, welcher von den Bewerbern für eine solche Stellung mehr geeignet sei als der andere. Tie Erfahrung lehrt, daß dieser Modus bisher sich sehr wenig bewährt hat, und man ist deshalb in manchen Großgemeinden, wie z. B. in Wien, bereits zu einem anderen System übergegangen. Man hat dort etwa 100 Vertrauensmänner aus der Mitte der Gemeinde heraus gewählt, und diese haben nach Anhörung von Probepredigten, die wir übrigens auch nicht billigen, dem Gemeindevorstand bestimmte Vorschläge unterbreitet. Allerdings hat die Medaille auch eine Kehrseite, und man wird, wenn man selbst die einzelnen Punkte billigt und sogar zugeben muß, daß jedem eine gewisse Berechtigung innewohnt, doch auf der anderen Seite gestehen, daß man mit der Feststellung des Begriffes antisozial recht vorsichtig sein müsse, um nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Dies hat auch Professor Baumgarten eingesehen, indem er davor warnte, den Begriff sozial nicht zu verwechseln mit radikal und demokratisch. Ebensowenig, wie man die historisch gewordenen sozialen Schichten des Volkes ignorieren und nivellieren darf, ebensowenig darf man übersehen, wie sich die Verhältnisse innerhalb unseres Gemeindelebens geschichtlich entwickelt haben, und daß hier Imponderabilien Mitwirken, die man nicht einfach aus der Welt hinausdekretieren kann, weil gerade diese oft mitbeftiinmend für die Bildung und Entwicklung der religiösen Ideen gewesen sind und bleiben werden. Genau so wie Baumgarten müssen auch wir für die jüdische Gemeinde ablehnen a) das Uebersehen der verschiedenartigen Zusammensetzung der Gemeinde aus Gebildeten und Nichtgebildeten'bei der Predigt, b) das Uebersehen der tatsächlichen Bedeutung von Bildung und Besitz für die Ausübung der Funktionen eines Gemeindevertreters. Die Hauptsache ist hier wie überall der Geist, von dem die Gemeinde geleitet wird, und der sie erfüllt. Antisozial ist derselbe, sofern er das Vertrauen zur Volkstümlichkeit und sozialen Gerechtigkeit unterbindet. Gerade wir Juden haben alle Veranlassung, die Klippe des Antisozialen zu vermeiden. Das Beispiel der alten jüdischen Gemeinde ist darin mustergültig. Dort hatte derjenige am meisten Geltung, der am besten „lernen" konnte und der durch seinen Lebenswandel und durch seine aufrichtige Frömmigkeit am meisten imponierte. Man kann sich kaum eine demokratischere Einrichtung denken, als es die albe jüdische Gemeinde war. Nun ist es ja allerdings ausgeschlossen, daß wir unter den veränderten Bildungs- und sozialen Verhältnissen einfach zu den alten Einrichtungen zurückkehren, qber den guten Kern in ihnen sollten wir uns zu erhalten suchen. Daß wir für die jüdische Gemeinde, genau so wie jene für die evangelische Kirche, absoluteste Freiheit der Ueberzeugung verlangen, ist so selbstverständlich, daß es nicht erst begründet zu werden braucht. Aber einen Punkt müssen wir doch noch erwähnen, den Professor von Soden in jener Sitzung des 16. evangelischsozialen Kongresses zu Hannover berührte. Er warf die Frage auf, ob nicht auch der ganze Gottesdienst als antisozial einer Umgestaltung bedürfe. Nun, diese Frage könnten auch wir aufwerfen. Aber wohlgemerkt. Wir verstehen darunter nicht etwa eine nochmalige Umarbeitung unseres alten Gebetbuches, denn gerade unsere alten Gebete sind demokratisch; sie gehen aus dem Gefühl der Gesamtheit heraus und wenden sich wieder an dieses. Wir verstehen darunter vielmehr eine Ergänzung desselben nach verschiedenen Richtungen hin und besonders eine künstlerische und ästhetische Ausgestaltung des Gottesdienstes. So erscheint uns z. V. der Gemeindegesang als die Institution, welche unserem religiösen Bedürfnis am meisten entsprechen würde. Wir haben schon oben gesagt, daß die jüdische Gemeinde in ihrer ganzen Entwicklung auf demokratischer Grundlage beruht, wie dies auch schon in ihrem Namen liegt. Die Bildung einer Gemeinschaft, in der die religiöse Idee eine Stätte der Pflege, der Entwicklung und Verwirklichung ihrer Lehre erhalten soll, um einst Gemeingut aller Völker, ja der ganzen Menschheit zu werden, ist ein Gedanke, der die ganze biblische und rabbinische Geschichte durchzieht. Ihr Lebensprinzip ist die Gleichberechtigung aller Schichten und Kreise und deren ungehinderte Anteilnahme am religiösen Leben. Sorgen wir dafür, daß die Vertretung unserer Gemeinschaft nicht von den Mächten ihrer geschichtlichen Entwicklung getrennt werde, daß aber auch in dieser Gemeinschaft die modernen sozialen Forderungen zu ihrem Rechte gelangen. Dir Mache. Berlin, 27. Juli, eit mehreren Tagen gehen durch die Tagesblätter Nachrichten über eine Konferenz der Vertreter der Berliner Hochfinanz mit dem Fürsten Guido von Henckel- Donnersmarck, in der eine Spende von 10 Millionen für preußische Offiziersfamilien aufgebracht und zur entsprechenden Verfügung gestellt werden sollte. Die Versammlung aber, in der diese Anregung durch eine Rede des Fürsten begründet wurde, ist in der „Frankfurter Zeitung" u. a. O. geschildert und diese Mitteilungen bisher von keiner Seite dementiert worden. Die Sitzung selbst nahm nach diesem Bericht folgenden Verlauf: In seiner Rede setzte Fürst Henckel auseinander, daß die zum Osfizierseriatz vor allem berufenen adeligen preußischen Familien, um ihrer Mission treu bleiben zu können, einer Unterstützung, die sie gewissermaßen an den Dienst für das Kaiserhaus fessele, vielfach

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