Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-23 · Heft 25 (23.6.1905) · p. Seite 300

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228662--61809-3275650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

- 300 - Mann, gib mir jenes Tränklein, nach dem /ich mich immer so Wohl fühle. . Du hast mir geholfen in schwerer Zeit, ich. weiß-. ichkann Dir vertrauen, und also höre: Dieweil mein Gemahl,' der große König, so sehr mit Schmach bedeckt hat mein ganzes Volk, ohne zu denken, daß ich von demselben Volke bin: deshalb will ich nicht mehr bei ihm bleiben, obwohl ich ihn liebe mit ganzem Herzen.; sondern ich will zurückkehren zu meinem. Stamme, um dort zu sterben. Also gib mir sogleich das Tränklein, damit ich frischer werde und sofort antrete die Reise zu meinem Volke." Der Arzt' bereitete daraus den Trank zurecht, gleichzeitig aber schickte er zum König die Nachricht, daß die Königin entfliehen wolle zu ihrem Volke, um gemeinschaftliche Sache zu machen mit den Feinden des Königs. Und so geschah es, daß die Königin gefangen gesetzt wurde im Palast und der große Freudentag endete in Trauer für den Litersrilchk Mitteilungen. Bald darauf verbreitete sich die Kundschaft durch Belendscher, daß der König seiner totkranken Gemahlin den Scheidebrief geben wollte wegen ihrer Treulosigkeit. Er hatte sie nicht .mehr gesehen von Angesicht zu Angesicht seit jenem Tage. Sein Herz war ihm schwer, denn er liebte sein Weib. Aber Treulosigkeit konnte er nicht vergeben. Sie mußte Liebe zu ihm nur geheuchelt haben, denn stand sie nicht im Begriff zu den Feinden zurückzukehren als sie gefangen gesetzt wurde? Oder war die Krankheit vielleicht, wieder ein Zeichen Gottes, der ihm im Traum schon einmal so wunderbar den rechten Weg gewiesen? Denn Kaiserin Irene hatte ihm, als ,'sie von der bevorstehenden Scheidung gehört, sagen lassen: Sie habe einen Traum gehabt. Ein Engel sei ihr erschienen und habe ihr besohlen, Chakan Bulan, den großen König, zu ehelichen. Und da er Jude und sie Christin sei, so solle jeder feinen Glauben behalten bis nach der Ehelichung. Dann würde Gott ihnen beiden den rechten Weg weisen. „Warum nicht?" dachte der König, als er einmal das Bildnis des herrlichen Weibes betrachtete. „Mein Glaube ist der einzig wahre. Wie Gott mir den Weg gewiesen, so wird der Herr auch ihr den rechten Weg weisen wollen. Dann gibt es ein großes Reich Israels und vielleicht kommt dann Messias. Und der Allmächtige, gelobt sei fein Name, hat mich zum Werkzeug ausersehen, erst Byzanz und dann die Welt zum einzigen Glauben zurückzubringen." Der Ausgang einer Ehe mit Irene stand ganz zweifellos fest in ihm. Es konnte nur eineu .Ausgang geben; hatte doch Gott selbst die Ehe gestiftet. Er fühlte sich stolz als Werk-' zeug Gottes und betrachtete mit Behagen das Gemälde des schönen Weibes. Wenn er dann an die kranke Königin dachte, so beschlich wohl ein Weh sein gerechtes Herz; aber — Gott wollte es so, und sein Wille geschehe. Beweis war jhm die Krankheit der Königin, ihr unerklärlicher Fluchtversuch und Irenes Traum. Wochen vergingen. Der Scheidungsbrief war längst geschrieben, aber da man täglich den Tod der Königin erwartete, zögerte der ^.Chan, die Scheidung zu vollziehen. Auch beschlich jedesmal ein Wehe sein Herz, wenn er daran dachte, denn er liebte noch immer sein Weib. Indessen wußte das ganze Volk um die bevorstehende Ehe des Königs mit Irene, und zum erstenmal murrte das ganze Volk gegen seinen König. Dieser aber ließ durch seinen Rat bekannt geben : „Es sei Gottes Wille, er wisse es bestimmt, und Gottes Wille müsse geschehen." ' (Fortsetzung folgt.) — Zur Säkularfeier Raschis. Soeben erschien: Blicke in -die Geisteswerkstätt Raschis. Vortrag in der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft in,Frankfurt a. M., gehaltenvon Professor A. Berliner. Die hochinteressante Schrift führt uns in das Milieu, in dem Raschi geboren und erzogen ward, nach Trohes, und zeigt sin lehrreicher Weise, wie tief dieses Milieu auf fein Geistesleben eingewirkt hat. — Von demselben Verfasser sind noch folgende Schriften über Raschi erschienen: Zur Charakteristik Raschis; ferner Beiträge zur Geschichte der Raschi-Kommentarien. Ende Juni gelangt zur Ausgabe: Raschi, Kommentar des Salomo ben Jsaac über den Pentateuch. Nach Handschriften, seltenen Ausgaben und dem Talmudkommentar des Verfassers, mit besonderer. Rücksicht aus die nachgewiesenen Quellen kritisch hergestellt. Zweite, ganz um ge arbeitete Auslage, über 30 Bogen stark. Dieses Werk, mit dem Berliner seine nun mehr als dreißig Jahre unermüdlicher Arbeit umspannende Tätigkeit für die Kenntnis und das Verständnis Raschi's begonnen, ist seit Jahren vergriffen, und man sieht der Neuausgabc in gelehrten Kreisen mit Spannung entgegen. Sie wird ohne Zweifel die wertvollste Gabe zum Jubiläum des großen Lehrers bilden. — Lic. Dr. I. Benziger: „Geschichte Israels bis auf die griechische Zeit". G. I. Göschensche Verlagshandlung in Leipzig. 1905. Das Büchlein ist dazu bestimmt, solchen, die die umfangreichen und meist für Fachgenossen geschriebenen Darstellungen des Stoffes nicht durcharbeiten wollen oder können, einen Ueberblick über die Geschichte des Volkes Israel zu geben und zum richtigen Verständnis zu verhelfen. Der Autor hat vor allem versucht, die Wechselwirkung der äußeren Geschichte und der Entwicklung der Religion darzustellen und auch die letztere in ihren Hauptpunkten zu schildern, wenn auch natürlich nur in großen Umrissen. Daneben hat er sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, daß Israels Geschichte nur einen kleinen.Ausschnitt aus der Geschichte des vorderen Orients bildet.. Jahr um Jahr wächst durch neue Entdeckungen unser Verständnis für diese und für den engen Zusammenhang nicht nur der äußeren Geschichte, sondern vor allem auch der Kultur und des . ganzen Geisteslebens aller der verschiedenen vorderasiatischen Völker. Nur im Zusammenhang mit der Geschichte und Kultur der anderen Völker kann Israels Geschichte und deren Bedeutung richtig erfaßt werden. Daß dabei die Schilderung der Kultur in Israel, der Literatur namentlich und auch der Religion sich in engen Grenzen und ganz.in den Wegen der modernen Bibelkritik hielt, ist so selbstverständlich, daß es - wohl kaum noch besonders hervorgehoben zu werden braucht. — Die jüdische Geschichte im Zeitbilde großer Kulturstufen. Für höhere Schulen und zur Selbstbelehrung dargestellt von Emil Des sauer. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1905. Durch Gruppierung des Geschichtsstoffes um große historische Konflikte will vorgenanntes Merkchen die sittliche und religiöse Wirkung des Unterrichts in der jüdischen Geschichte zu verstärken suchen. Der den Verfasser hierbei leitende Gesichtspunkt ist entschieden ein richtiger. Nur schade, daß es ihm nicht gelungen ist, ein Werk zu schaffen, das dieser Anforderung entspricht. Von den großen Männern der talmudischen Zeit erfahren wir von ihm fast gar Nichts. Er wollte durch deren Lebensbilder „keine von der Oberfläche losgelöste Seite darstellen!" Auch die Darstellung der behandelten Geschichtsperioden läßt sowohl inhaltlich als auch sprachlich manches zu wünschen übrig. Zur Selbstbelehrung dürfte das 104 Seiten starke Büchlein unzureichend sein, auch für höhere Schulen wird es nicht genügen. Vielleicht wird es dem Lehrer zum Leitfaden bei seinem mündlichen Vortrag dienen können. Druck.und Verla« von Rudolf.Masse'in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. MM

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.