Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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299 „Ich habe Ihre Tochter „mein Kind" genannt, nicht wahr? Nun, ich bin doch schon ein sehr alter Mann. Und ich habe es wirklich gern— dieses — Kind, — wie eine Tochter, ich fühle es. Und nun seien Sie mir deshalb böse — wenn sie^s können, Herr Gras." Dabei blickte der Alte dem Grasen fest in die Augen und jener konnte keine Antwort finden. Nach einer kurzen, peinlichen Pause plauderte man noch ein halbes Stündchen über allerlei Dinge und ging dann zu Bett. Zum erstenmal reichte Joseph der Maria in Gegenwart ihres Vaters die Hand mit einem einfachen: „Gute Nacht, Fräulein." Es war dem Grafen anzusehen, daß ihm die Familiarität gar nicht paßte, aber zum zweiten Mal heute abend wußte er nichts einzuwenden. Nur unter seinem Schnauzbart murmelte er: „Wenn die Kerls nur nicht solche Gentlemen wären! Und dann sind sie auch meine Gäste." Als man sich am nächsten Nachmittage wieder zusammenfand, meinte der Großvater: „Wir wollen heute möglich viel erledigen. Nicht wahr?" Sie wollen uns wohl schon gern los sein?" fragte jener, halb scherzend, halb im Ernst. Ludanyi wurde verwirrt. „Aber was fällt Ihnen ein! Sie sind mir lieb und wert! Wirklich! Nur gespannt bin ich, wie es weiter kommt." „Es ist ja bald zu Ende," meinte Joseph, das Manuskript hin und herrollend; „vielleicht kommen wir heute schon zum Schluß." „Heute kaum," erwiderte der Großvater bestinunt. „Es ist noch nicht soweit. Aber bald, doch fange an, mein Kind." Und die Arbeit nahm ihren Anfang wie immer, Joseph diktierte und Maria schrieb: „In Belendscher herrschte großer Jubel. Die Straßen waren gefüllt mit Volk; Jude, Christ und Muselmann drängten sich friedlich aneinander. Namentlich beim Palast und auf dem ganzen Weg bis zum Tempel staute die Menge, denn hier mußte der Chan vorbeikommen auf dem Wege zum Gottesdienst und mit ihm die byzantinische Gesandtschaft, die nun schon mondelang in Belendscher weilte und noch immer dort war. Im Tempel selbst waren schon soviel Menschen, als hinein konnten, und auch die einzige Moschee und die einzige Kirche, die die Hauptstadt aufwies, waren festlich erleuchtet und gefüllte Denn es galt heute, ein gar großes Fest zu feiern. Ein dreifach großes Fest. Es war der Purimtag, nach dem sich die Einwohner der Chazarenhauptstadt das ganze Jahr hindurch sehnten; gleichzeitig aber sollte der Sieg der Chazaren über die aufständischen Wjatitschen und das Bündnis der Chazaren und Byzantiner an diesem Tage gefeiert werden. Dieses Bündnis, das am Tage vorher errichtet worden war zum Schutz und Trutz der beiden Länder, wäre beinahe gar nicht zustande gekommen. Denn Kundschafter hinterbrachten dem Chan die Nachricht, daß Byzantiner umherzogen im Lande der Wjatitschen und diese aufwiegelten gegen ihren Herren Chakan Bulan und ihnen Hilfe versprachen aus Byzanz. Und als der Chakan dieses der Gesandtschaft vorhielt, da antwortete Kaiserin Irene damit, daß sie Streitkräfte aus Byzanz zum Chakan schickte, damit diese ihm Helsen gegen die Wjatitschen. Und obwohl der Chan dieser Rede nicht bedurfte, sah er doch daraus, daß Irene es ehrlich mit ihm meinte und jene Kundschafter sich geirrt hatten. Die Wjatitschen wurden also aufs Haupt geschlagen in einer einzigen, großen Schlacht und ihr Anführer enthauptet. Dann ward das Bündnis vollzogen, welches man heute feierte. Laute Hallelujarufe begrüßten und verfolgten den glänzenden Zug, der sich bald vom Palast zum Tempel bewegte. Allen voran der König, bekleidet mit Purpur und Krone, auf schneeweißem Roß, der lange, wallende Bart die Mähne des Tieres berührend. Rechts, links und hinter ihm die byzantinische Gesandtschaft. Dann die Edlen des Landes und zum Schluß die Geiseln, die die Wjatitschen gestellt hatten zum Zeichen ihrer Unterwerfung. Auch sie waren Edle in ihrem Lande, .und gar bitter mag es für sie gewesen sein, schmachbedeckt in dem Zuge mitzugehen. Der gute König Bulan hätte ihnen aber diese Schmach sicherlich erspart, wenn nicht auch sie behauptet hätten und fest dabei geblieben wären, Byzanz habe sie aufgewiegelt zum Kriege. Dem gerechten König war jede Verleumdung und Lüge gleich einem Dorn im Auge und so mußten die. armen Wjatitschen den Weg zmn Tempel zurücklegen, der für sie die Schande bedeutete. (Hättest Du, o großer König Bulan die Wahrheit geahnt, wie anders hättest Du gehandelt. Doch bitte ich Dich hier: laß nicht falsche Reue einziehen in Dein Herz. Du hast nur menschlich gehandelt, ja menschlich richtig. Du konntest nicht ahnen die Tücke Deiner Feinde, die sich ausgaben als Deine Freunde und hast sie auch nicht geahnt bis auf den heutigen Tag. Nun Du aber alles weißt oder wissen wirst, sobald Du alles gelesen, was ich hier für Dich niedergeschrieben habe in der Geheimschrift, und Dü erkannt haben wirst, wie Dich Gott gerettet aus gar großer Gefahr, von der Du gar nichts ahntest, bitte ich Dich: Laß nicht Rene Dein Herz beschleichen. Du hast immer gehandelt wie Dein Gewissen Dir gebot und mehr kann kein Mensch, selbst wenn er ist wie Du drei große Dinge in einem: Ein Jude, ein Mann und ein König!) Es jubelte das Volk und rief Halleluja und Jungfrauen in rote Gewändern streuten Blumen her vor dem König, und Knaben sangen und Sklaven trugen Palmenzweige dem Zuge voraus und doch schien etwas Unsichtbares zu lasten auf dem ganzen Volke wie eine schwere Hand die niederdrückt. Und auch der König blickte nicht so heiter drein wie sonst. Denn dort, wo die Chakun sonst gewesen wäre, getragen von Sklaven auf hohem Podium, dort war der Platz leer. Die Königin war krank und wurde immer kränker und alle weisen Männer des Landes konnten ihr nicht helfen. Als Kaiserin Irene dieses hörte, hatte sie ihren Leibarzt geschickt, aber auch er war machtlos. Manchmal ging es etwas besser, dann bald wieder viel schlechter und langsam siechte die junge Königin dahin. Und da das ganze Volk sie sehr liebte ob ihrer Wohltaten, so herrschte ein Druck auf allen trotz des großen Jubels. Und als gar die Geiseln vorüberkamen, da verfinsterte sich manches Gesicht. Denn war nicht die gute Königin aus dem Stamme der Wjatitschen? Zum erstenmal verstand das Volk seinen Chan nicht und instinktiv wurde mancher Fluch nachgeschleudert der byzantinischen Gesandtschaft. Und während in Tempel, Kirche und Moschee Dankgesänge emporstiegen zum Himmel und im Tempel Opfer dargebracht wurden und um die Heilung der Königin gebetet wurde, lag diese selbst näher dem Tode als dem Leben, auf ihrem Lager im Palaste und lauschte, während ihre Augen glänzten in unnatürlichem Glanze und ihr Antlitz sich verzerrte ob der Schmerzen, den Erzählungen ihrer byzantinischen Sklavin, die ihr berichtete von der Schmach, die widerfahren war den Edlen ihres Stammes. Zuerst wollte sie es nicht glauben, und ließ die Sklaven kommen und fragte sie aus. Aber auch diese konnten ihr nur dieselbe Mär berichten und auch die Frauen des Palastes bestätigten es. Da weinte die Königin gar bitterlich und als der byzantinische Arzt, den Kaiserin Irene ihr gesandt, ins Gemach trat, da sagte sie zu ihm: „Ich weiß es, daß mein Tod nahe. Deshalb bitte ich Dich, Du weiser