Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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mit dem Rabbiner in feierlichem Ornat an der Spitze den hohen Gast an der Synagogenpforte empfängt und begrüßt. Es hat sich, seitdem sich in'der Pfalz solche feierliche Empfänge wiederholt haben, gewissermaßen eine Art Liturgie, oder wenigstens doch eine gewisse Form herausgebildet, die erfahrungsgemäß nicht ohne Eindruck auf den hohen Gast und dessen Umgebung geblieben ist. Sie besteht darin, daß der Rabbiner, umgeben von der Vorstandschaft, aus dem freien Platz vor der Synagoge, oder in der Vorhalle eine Begrüßungsansprache, welche mit Segensworten schließt, hält und dann die Vorstellung der Gemeindevertretung vollzieht. Hierauf wird der hohe Gast in die geöffnete Synagoge geleitet unter den Klängen der Orgel. Sobald diese das Präludium beendet, öffnet der Rabbiner mit Genehmigung des hohen Gastes die „heilige Lade", um auf Wunsch über die dort befindlichen Thorarollen Auskunft zu erteilen. Bei dem diesmaligen Besuche des Prinzen Rnpprecht in der Synagoge zu Kaiserslautern bedurfte es nicht einer solchen Auskunft seitens des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Landsberg, da der hohe Gast über alles informiert zu sein schien. Ja, noch mehr, er teilte dem Herrn Rabbiner mit, daß er in Damaskus auf seiner Reise die älteste Thorarolle zu sehen Gelegenheit hatte, die er aber, wie er lächelnd bemerkte, „leider nicht zu lesen imstande war." Ueberhaupt konnte während der Anwesenheit des Prinzen in der Synagoge und aus seinem leutseligen, durchaus liebenswürdigen Wesen geschlossen werden, daß der Prinz frei von jedem Vorurteil mit allen Bürgern ohne Unterschied der Konfession zu verkehren sich verpflichtet fühlt. Es muß das konstatiert werden gegenüber den Aeußerungen mancher Tagesblätter, die früher ein Liebäugeln dieses Prinzen mit der antisemitischen Partei bemerkt zu haben glaubten. Auch nach der feierlichen Ansprache des Herrn Dr. Landsberg vor dem Eintritt in die Synagoge auf freiem Platze in Gegenwart der ganzen illustren Begleitung des hohen Gastes ließ sich nicht bloß des Prinzen Dankbarkeit, sondern auch seine offenbare Wertschätzung dessen, was ihm geboten wurde, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Konfession, deutlich wahrnehmen. Wir lassen die eindrucksvolle Ansprache des Bezirksrabbiners Dr. Landsberg, welche Prinz Rupprecht freudig und mit ernster, andächtiger Haltung entgegennahm, hier folgen: Königliche Hoheit! Zu wiederholten Malen ist mir die, hohe Ehre zuteil geworden, einen Sproß unseres erhabenen Herrscherhauses hier an dieser Stätte begrüßen zu dürfen. Da war's zunächst Se. Kgl. Hoheit, unser erhabener Regent, Prinz Luitpold, der wiederholt die Ehre seines Besuches auch diesem Gotteshause gönnte. Dann Se. Kgl. Hoheit Prinz Ludwig, Ew. Kgl. Hoheit erlauchter Vater, zu dem ich im Namen unserer Religion Worte des Segens sprechen durfte. Und auch heute ist's wiederum ein edler Sproß der glorreichen^Wittelsbacher, der dieses Gotteshaus mit seinem hohen Besuche beehrt. Ich gestatte mir, namens der israelitischen Gemeinde hiesiger Stadt hierfür Ew. Kgl. Hoheit den tiefgefühltesten Dank auszusprechen.^ Als Bayern und als Israeliten stehen wir treu und fest zu^unserem^erhabenen Regenten und zu unserem teuren Vaterlande. Dieser unserer ^Anhänglichkeit und unerschütterlichen Treue an unser engeres Vaterland geben wir allsabbatlich Ausdruck, indem wir zu Gott beten für das Glück und Heil, für das Leben und die Gesundheit unseres erhabenen Regenten. Dieser Moment, in welchem es luir^vergönnt ist,, Worte der Dankbarkeit und der Ehrerbietung Ew. Kgl. Hoheit'auszusprechen, wird unvergeßlich bleiben in der Geschichte der hiesigen^Gemeinde. ^Gestatten Kgl. Hoheit, ehe wir eintreten, die Worte auszusprechen,^ die..einst der Hohepriester in Israel zu künden hatte und die jetzig und in; aller Zukunft an Ew. Kgl. Hoheit sich, erfüllen mögen,die.; Worte: „Es segne Dich der Herr und behüte Dich, es laste Dir leuchten der Herr sein Antlitz und sei Dir gnädig, der Herr wende sein Antlitz Dir zu und gebe Dir den Frieden." Amen. Nach diesen Worten reichte der Prinz dem Herrn Rabbiner die Hand mit Worten des Dankes, indem er hinzufügte: „Ich habe schon von Meinem Großvater und Meinem Vater von Ihnen und von ihrer schönen Synagoge gehört." Daß auch beim Empfang eines so hohen Gastes am Bahnhof, wo die Spitzen der Behörden sich zu versammeln haben, zum Zweck der Vorstellung, der Rabbiner unter den Geistlichen mit befohlen wird, ist wohl ein Beweis dafür, daß der bayerische Staat bei solcher Gelegenheit die Parität der Konfessionen anerkennen will. Indes scheint man trotzdem auch hier bei anderen sozialen und beruflichen Anlassen den veralteten Standpunkt des „christlichen" Staates den jüdischen Staatsbürgern gegenüber leider immer noch aufrecht zu erhalten. Davon ein andermal. Es gehört immer noch, auch in Bayern, zu den frommen Wünschen, daß nach jeder Richtung hin nicht blos auf dem Papier, sondern auch in der Praxis beachtet werde der Satz: „Gleiches Recht für alle." J.D. Dir grkundenr Hand schritt. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. XII. ipine§ Morgens, ungefähr eine Woche später, betrat der Patriarch das Gemach der Kaiserin. Sein Gesicht strahlte vor Freude. „Gute Botschaft, hohe Tochter," rief er ihr schon vorn Eingang entgegen. „Soeben ist ein Sklave unserer Gesandtschaft zu Belendscher eingetroffen. Er meldet, daß weder Rachel noch der Patrizier Belendscher erreicht haben. Man erzählt sich, zwei Leichen seien gefunden worden, ein Mann und eine Frau, von Wölfen zerrissen. Niemand kennt sie. Also find's wahrscheinlich die beiden, sonst hätten sie längst in Belendscher sein müssen. Auch den Leo scheint kein Mensch dort zu kennen. An: Hofe und in der Stadt ist er jedenfalls bestimmt nicht, sonst hätten ihn unsere Leute entdeckt, da sie ihn alle kennen und scharf Ausschau nach ihm halten." Freudig küßte die Kaiserin die Hand des Patriarchen. „Frohe Botschaft fürwahr! Dank, heiliger Vater! Sv sind denn die Heiligen mit uns. Der Bann scheint gebrochen und wir haben gewonnenes Spiel." Joseph hielt erschöpft inne. Zum erstenmal hörte er aus freien Stücken auf, ohne erst dazu ausgefordert werden zu müssen. Er war völlig erschöpft, nicht nur von der Anstrengung, sondern auch vor Aufregung. Den andern ging es nicht viel besser. Der einzige ruhige war, wie immer, der Großvater." „Es wird ein kompletter Roman," rief Maria erregt. „Wie wird er wohl enden?" „Gut für die Guten, wie alles enden muß, inein Kind," erwiderte der Großvater ruhig. Maria errötete tief und blickte auf ihre Papiere. Josephs Augen leuchteten freudig auf, Ludanyi aber machte eine ungeduldige Bewegung. „Mein Herr —" Der Alte unterbrach ihn.