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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-23 · Heft 25 (23.6.1905) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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Es gibt nur e i n Mittel, die israelitischen Elementarschulen > iin Orient wahrhaft nützlich zu machen und zugleich die Lage der dortigen Juden zu verbesiern: man muß mehr Gewerbeschulen und man muß vorzüglich Fortbildungsschulen und eine jüdische Hochschule gründen. 1; Nur durch Fortbildungsschulen können die Heranwachsenden der Bildung und der guten Sitte erhalten, können sie mit den Kenntnissen und dem Streben ausgestattet werden, die sie höheren bürgerlichen Berufen zuführen, können sie aus dem tiefen Bildungs- und sozialen Niveau ihrer Familie austauchen. Selbstverständlich müßten diese Fortbildungsschulen vorzugsweise höhere Handels-? und technische Schulen sein, die in praktischer Weise die Zöglinge für die besseren Beschäftigungsarten vorbereiten, und zugleich Gymnasialkurse zur Ausbildung für die Hochschulen enthalten. Der Besuch müßte kostenfrei sein, ja zahlreiche Stipendien müßten zur Frequenz anlocken — sonst würden die Eltern oder Verwandten zweifelsohne die jungen Leute zum sofortigen Erwerb anhalten und der Fortbildungsschule entziehen. Man halte endlich die jüdische Hochschule — Universität und technische Hochschule — nicht für eine Utopie. In Beyrut haben sowohl die Jesuiten wie die amerikanischen Protestanten je eine Universität errichtet, an denen europäische und amerikanische Gelehrte dozieren, und die von zahlreichen orientalischen Christenjünglingen besucht werden. Die Folge dieser Einrichtungen ist, daß in allen diesen Ländern die Intelligenz und die liberalen Berufe ein Monopol der Christen sind, daß diese die geistige, und mehr und mehr auch die pekuniäre und agrikole Herrschaft für sich in Besitz nehmen. Will man die Juden des Morgenlandes intellektuell und materiell heben und mit Griechen, Armeniern und Syrern konkurrenzfähig machen, so muß man zu demselben Mittel greifen, das diese anwenden: Fortbildungs-bezw. Sekundär- und endlich Hochschulen. Freilich wären das recht kostspielige Unternehmungen, aber an Geld dazu kann es ja nicht fehlen. Die vielen Millionen, die. das Haus Rothschild, die Alliance und die I. C. A. für unsere orientalischen Glaubensgenossen ausgegeben haben, bisher ohne besonderen Erfolg, würden eine weit bessere Verwendung in dem angegebenen Sinne finden. Möchte doch endlich der praktische Sinn, den die Juden für ihre persönlichen Angelegenheiten betätigen, auch für die Interessen der östlichen Juden sich wirksam erweisen. Drr Lsntorentsg. Berlin, 14. Juni, er seitens des Vorstandes der „Hilfskasse sür jüdische Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen" einberufene und sowohl vom Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde, als auch vom Deutsch-Jsraelitischen-Gemeindebund subventionierte erste Kantorentag hat vorgestern und gestern im Repräsentanten-Saale der jüdischen Gemeinde stattgesunden. Der derzeitige Vorsitzende der „Hilfskasse", Oberkantor Schönberger- Potsdam, begrüßte die Erschienenen und bewirkte die Konstituierung des Bureaus. Zum Leiter der Verhandlungen wurde Nußbaum-Wiesbaden, zu dessen Stellvertreter Zivi-Elberfeld, gewählt. Justizrat Timendorfer-B erlin entbot namens der jüdischen Gemeinde der Versammlung den Willkommengruß und wünschte den Bestrebungen des Kantorentages, denen der Gemeindevorstand volle Sympathie entgegenbringe, gutes Gedeihen. Einen gleichen Gruß und Wunsch überbrachte der' Delegierte des D.-J.-G.-B. Seminar-Oberlehrer Rosenthal- Berlin. Hierauf erhielt Kalischer-Berlin das Wort zu seinem Referat über „Gründung eines allgemeinen Kantorenverbandes". Die sich anschließende Debatte nahm einen erregten Verlauf. Es war nämlich die Meinung entstanden, als ob die aus Südöeutschland in größerer Anzahl erschienenen Lehrerkantoren der Gründung eines allgemeinen Kantorenverbandes neben der bestehenden „Kantoren-Sektion" des Lehrerverbandes abgeneigt seien. Dubowsky-Berlin wies darauf hin, daß die Kantoren- Sektion nur einen kleinen Teil der Kantoren Deutschlands umfasse und die überwiegende Mehrzahl derselben auf Grund der Satzungen des Lehrerverbandes gar nicht aufnehmen könne, wie auch die Statuten der Pensionskasse des Lehrerverbandes die meisten Kantoren, die doch nicht . Lehrer sind, ausschließen, indem sie in ihrem 8 6 bestimmen, daß „Mitglieder, welche aus dem Lehrerberufe aüsscheiden, hierdurch gleichfalls aus der Kasse ausscheiden." Schließlich wurde folgende von Fabisch- Göttingen beantragte Resolution einstimmig angenommen: „Der Kantorentag beschließt, einen allgemeinen Verband der jüdischen Kantoren in Deutschland zu errichten. Ein Anschluß an den Lehrerverband ist erstrebenswert." , Die hierauf vorgenommene Wahl eines Komitees zur Ausarbeitung des Verbandsstatuts fiel auf die Herren Schönberger-Potsdam, Dubowsky-Berlin, Belack-Frankfurt a. O., Hofstein-Dresden und Ziegelroth-Posen. Sodann erstattete Dubowsky-Berlin ein Referat über „Reliktenversorgung". Der zweite Tag begann mit dem ^Referat Schönbergers- Potsdam über „Gründung einer Kantorenschule". In der ausgedehnten Diskussion über die Ausführungen, welche in der Forderung gipfelten, daß eine Kunstschule für Kantoren errichtet werden 1'oll, bezeichnete Friedmann-Berlin eine solche Kantorenschule für überflüssig, da eine solche am hiesigen Lehrerseminar besteht. Rosenthal-Berlin hält die Ausbildung, welche dort erlangt werden könne, für ungenügend und wünscht, daß insbesondere die Lehrer bessere Kantoren werden möchten. Goldschmid-Königsberg i. Nm. erklärte in Uebereinstimmung mit anderen Rednern die Errichtung einer Kantorenschule überhaupt nicht als Aufgabe des Kantorenverbandes. Frommermann-Berlin meint, daß eine gute Ausbildung von Kantoren nur in einer Spezialschule, die von der Berliner Gemeinde errichtet und reichlich fundiert würde, zu erreichen sei. Ziegelroth-Posen weist darauf hin, daß die sogenannte Kantorenschule in Posen die kantorale Ausbildung mit der ausgesprochenen Absicht vernachlässige, damit die „Ausgebildeten" nicht die Fähigkeit besitzen, nach den ersten Pflichtjahren in den kleinen Gemeinden der Provinz anderweit Stellen zu bekommen.' Dubowsky-Berlin sieht die Ausbildung von „Luxuskantoren" nicht als Aufgabe des Kantorenverbandes an. Die Ausbildung müßte in einer ausschließlich zu dem Zwecke errichteten Schule durch Kräfte, welche in diesen Disziplinen praktisch bewährt sind, geschehen. Das sollte eine der Hauptaufgaben des D.-J.-G.-B., der einzigen Zentralbehörde der deutschen Juden, bilden. Eine dahinlautende vom Redner eingebrachte, mit einem Anträge von Fabisch-Göttingen verschmolzene Resolution wurde angenommen und die weitere Behandlung einer Kommission überwiesen. — Der vorgerückten Zeit wegen wurde die Durchberatung der Statuten auf die im nächsten Jahre stattfindende Generalversammlung vertagt, nachdem der Statutenentwurf verlesen und dessen Annahme im Prinzip beschlossen wurde. Auf Antrag Henle-Hamburg wurde deshalb ein provisorischer Vorstand von vier Mitgliedern gewählt. Zum Schluß hielt Oberkantör Heule einen sehr interessanten Vortrag über Rück- und Ausblicke auf die Entwicklung des Synagogengesangs, der die Verhandlungen des ersten Kantorentages in würdiger Weise zum Abschluß brachte.

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