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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-23 · Heft 25 (23.6.1905) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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stammen, hier eingetroffen. Sie sind zur Komplettierung des >9. Armeekorps bestimmt, das nach dem Kriegsschauplatz abgehen soll. Die Reservisten begannen hier ihre Tätigkeit damiü daß sie über die jüdische Bevölkerung, die sich vollständig ruhig verhielt, Hersielen, in sechs Gassen deren Läden und Wohnungen demolierten und Üe Warenvorräte raubten. Bis dahin blieb die Polizei durchaus passiv. Als sich schließlich eine Anzahl Juden gegen die andrängenden, betrunkenen Reservisten zur Wehr setzen wollten, ließ ein Polizeilommissar, der eine Patrouille von zwölf Infanteristen befehligte, ohne jede Warnung zwei Salven auf sie abgeben. Die Wirkung war furchtbar. Neun Personen wurden sterbend in die Spitäler gebracht, 15 Schwerverletzte nahmen die Hilfe von Privatärzten in Anspruch, außerdem werden noch etwa 30 leichter verwundete Personen gezählt. Ein junger Jude, Daretzki mit Namen, der tödlich verletzt uiedersank und in einer Droschke nach dem Hospital gebracht werden sollte, wurde noch auf der Fahrt von Reservisten mißhandelt und starb infolge dieser Ruchlosigkeiten. Gestern wurde er unter gewaltiger Teilnahme seitens seiner Glaubensgenossen auf dem jüdischen Friedhofe veigesetzt. Die Beraubung der Wohnungen und Läden wurde bis in die Nacht hinein fortgesetzt, ohne daß die Uebeltäter daran gehindert oder festgenommcn wurden. — Heute mittag ist der Bizegouverneur Osnobischin aus Grodno hier eingetroffen. Er wohnte der Sitzung der städtischen Duma bei, nahm alle Klagen entgegen, die ihm von der Bürgerschaft cingereicht wurden, und versprach, daß das Militär die Stadt baldigst verlassen werde; auch gestattete er die Organisation einer Bürgermiliz. Später besuchte er die Verwundeten in den Spitälern und besichtigte die von den Reservisten angerichteten Verwüstungen. Die gerichtliche Untersuchung der Vorgänge vom Sonntag ist bereits eingeleitet. Eine Deputation der Bürgerschaft reichte einen Bericht ein und erhob Klage wegen mangelnder Verteidigung durch die Polizeibehörden. Sie bittet um Schutz des Lebens der Bürger und des Eigentums. Die Juden im Orient. Von Professor Dr. Martin Philippfon. er abendländische Israelit, der sich bei einer längeren Anwesenheit im Orient mit dem Schicksal und der Lage seiner dortigen Glaubensgenossen beschäftigt, wird sich eines Gefühls unbehaglichen Staunens nicht erwehren können. Er ist daran gewöhnt, die Juden, trotz aller Zurücksetzung,, Veri fvlgungen und Nöte als ein geistig gut veranlagtes, mit Tatkraft und Ausdauer ganz hervorragend ausgerüstetes Element zu betrachten, das, sobald ihm nur einiger Raum zur Entfaltung gegönnt ist, allerorten sich eine bedeutsame Stellung zu erringen weiß. Welche erstaunliche Kraftfülle wohnt in den geknechteten Polnischen und russischen Juden! Anders im Morgenlande. Die einstige Blüte der Gelehrsamkeit ist für sie in den der Herrschaft des Islam unterworfenen Ländern längst verwelkt. Weder geistig noch auf industriellem oder kommerziellem Gebiete spielen sie irgend eine wichtige Rolle. Freilich, in Aegypten und zumal in Kairo gibt es einige hervorragende Großkaufleute, Rechtsanwälte und Aerzte unter den Juden; aber es sind meist aus Griechenland oder Italien oder Rumänien eingewanderte. Die weit überwiegende Mehrzahl, und fast alle in Aegypten, Syrien und Kleinasien gebürtigen Juden sind Kleinhandwerker oder Kleinkrämer oder wenn es hoch kommt, Luxusarbeiter, wie die Verfertiger eingelegter Möbel in Damaskus. Seit vielen Jahrhunderten sitzt Generation auf Generation in schmutzigen Straßen, in kleinen Kaufläden und Werkstätten oder treibt sich als Hausieren auf den Gassen herum. Die Juden bilden im Orient kein Kulturelement; sie haben sich allerorten von den Armeniern und ganz besonders von den Griechen überflügeln und zurückdrängen lassen. - Eine. Ausnahme macht Konstantinopel, aber auch nur infolge besonderer und vielleicht vorübergehender Umstände. Die Pforte nüstraut den Griechen und sie haßt die Armenier seit den bekannten Vorgängen vor einem Jahrzehnt, wo sie einen allgemeinen Aufstand ihrer armenischen Untertanen fürchtete und durch dieentsetzlichen Metzeleien zu verhüten suchte. Seitdem entzieht sie die Vertrauensstellungen, die Griechen und Armenier früher als Pfortendotmetscher, Hofbankiers, Hofärzte, Agenten aller Art inne hatten,, diesen Volksbestandteilen und überträgt sie konsequent an Juden, die getreuen Untertanen des Sultans. Aber abgesehen von dieser, immerhin für uns erfreulichen Tatsache, gehören die orientalischen Juden überall zu den unteren, nur selten zu den mittleren Klassen der Bevölkerung. Sie vegetieren seit einer langen Vergangenheit, und ein Geschlecht folgt in diesem dumpfen Dasein dem anderen. - Von den Juden in Jerusalem schweige ich einstweilen. Ihre überaus traurigen Zustände verdienen eine besondere Schilderung. Vielfach hat man sich bemüht, die Lage der orientalischen Juden zu heben, und zwar besonders durch Schulen. Einige derselben, wie die Schulen der Alliance in Kairo und Smyrna, sowie die Lämmel-Schule in Jerusalenr, leisten ganz Vorzügliches. Wohlgeschulte und einsichtige Lehrer erreichen mit dem intelligenten Schülermaterial treffliche und solide Ergebnisse. Man kommt von der einseitigen Ausbildung in Sprachen ab, die nur formalen Wert besitzt, und wendet sich dem Unterricht in Geographie und Geschichte, sowie in den Naturwissenschaften zu. Schüler und Schülerinnen beweisen, daß es auch unseren östlichsten Glaubensgenossen an natürlicher Begabung nicht fehlt. Und trotzdem müssen wir zu unserem großen: Schmerze, nach eingehenden Unterweisungen seitens der Direktoren und Lehrer selbst, sowie zahlreicher anderer gut unterrichteter Glaubensgenossen feststellen, daß diese ebenso wohlgemeinten wie kostspieligen Schuleinrichtungen in ihrer jetzigen Gestalt und Begrenzung nahezu wertlos sind. Es gilt das nicht von den Gewerbeschulen (eeoles prvkessio-! nelles), der Alliance und der I. C. A., die nur nicht zahlreich und ausgedehnt genug sind, aber an sich sehr günstige Wirkungen herbeiführen — es gilt nur von den vielen eigentlichen Schulen. Gewiß, so lange die Kinder diese besuchen, werden sie zur Reinlichkeit, zu gesittetem Betragen, zürn Turnen angehalten, und es wird ihnen eine Menge nützlicher, wohl geordneter und klar ausgefaßter Kenntnisse beigebracht. Einige wenige Schüler gehen dann ins Ausland, bereiten sich dort auf die Lehrerlaufbahn vor oder studieren. Diese haben von dem Elementarunterrrcht dauernden Vorteil. Aber die ungeheure Mehrzahl kehrt nach absolvierter Schule in den Schoß der Familie zurück, und hier vergessen sie nach einigen Jahren alles wieder, was sie gelernt haben. Unter der Einwirkung ihrer Umgebung gewöhnen sie sich von neuem an niedrige Lebenshaltung, geistige und soziale Bedürfnislosigkeit, gänzliche Abwesenheit jedes, auch des gerechtesten Ehrgeizes und Strebens. Sie werden wieder Kleinhandwerker oder Kleinkrämer oder Hausierer in ben kleinen dunklen Höhlen der schmutzigen Straßen. Armenier und Griechen sind inzwischen Großgrundbesitzer, Großkaufleute, Fabrikanten, Gelehrte geworden, bewohnen glänzende Paläste in breiten, wohlgesäuberten Straßen und schicken sich an, die Erbschaft der Osmanen anzutreten — was für die dortigen Israeliten das furchtbarste Unheil bedeuten würde. Was ist da zu tun?

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