Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Sonntagsbill ausschließlich der Willkür der Polizeibehörden anheimgegebenMn. Sehr interessant sind die Verhandlungen, welche seit einigen Wochen vor einer aus Mitgliedern des Oberhauses bestehenden Sonntagskommission geführt werden. Dieselbe nimmt zahlreiche Zeugenvernehmungen vor. Als Zeugen erscheinen nicht nur jüdische Händler, sondern auch viele christliche Privatmänner, christliche Pfarrer, jüdische Reverends und sonstige hervorragende Persönlichkeiten. Auch drei Vorstandsmitglieder des Board of Deputies sind vor der Kommission erschienen. Die gesamten Zeugenaussagen drehen sich hauptsächlich um den Handel auf der Lane, wobei es oft zu äußerst aufregenden Scenen kommt. Zahlreiche fromme aber arme Juden, welche den Sonnabend streng beobachten, wollen und können es nicht begreifen, daß ihnen ein zweiter Ruhetag aufgezwungen werden soll. Ein 91 jähriger Jude beteuerte unter Tränen, daß er seit 70 Jahren auf der Lane gehandelt und kein einziges Mal den Sabbat entweiht hat. Soll er nun, um der Konkurrenz gewachsen zu sein, in seinen alten Tagen, den Sonnabend auf den Sonntag verlegen! Selbstredend verfehlen die sich verschämt Anti-Alienisten nennenden Antisemiten nicht, dabei zu sein. Ein Pfarrer Pohnder war kühn genug, offen Farbe zu bekennen und aus der^Sonntagsbill eine Fremdenbill zu machen. Er behauptete, daß 30 000 fremde Juden auf der Lane den armen Christen das Brot aus dem Munde nehmen. Dieser aus den Verhandlungen vor der Fremden- Kommission wohl bekannte Einwurf ist natürlich in diesem Falle auch vollkommen erlogen. Auch die Christen, welche auf der Lane am Sonntag „Mezzioth chappen" ziehen von dem Sonntagshandel die größten Vorteile. Daß der ganze Sonntagsrummel nichts weiter als antisemitische Mache ist, welche auch dieses Mal die Religion wie immer als Deckmantel für ihren Menschenhaß mißbraucht, beweist die mit überwiegender Mehrheit im Oberhause jüngst erfolgte Ablehnung eines Antrages, daß während des Sonntags sämtliche Branntweinbuden und Bierrestaurants geschlossen bleiben sollen. Wer Christen gestattet, am heiligen Sonntag, statt Gott zu dienen, sich dem Schnapsteufel zu opfern, hat wirklich kein Recht, armen und frommen, den Sonnabend heilig haltenden Juden den Handel am Sonntag zu verbieten. Aber die Spiritusbarone, von denen eitr großer Teil einen erblichen Sitz im Oberhause hat, sowie die Schnapsbudiker, welche bei den Wahlen ihre Gäste zu Gunsten der Konservativen bearbeiten, sind mächtiger als Gott und sein Gebot. Die armen Juden von der Lane werden gut tun, am Sonntag statt Nahrungsmittel und anderen nützlichen Sachen, Schnaps und Bier feilzuhalten und dieselben zu Spottpreisen zu verkaufen. Sie würden sich dann der Protektion der Mächtigen dieser Erde erfreuen. Glücklicherweise hat die Bill, wenn sie das Oberhaus passieren sollte, nicht die geringste Aussicht, im Unterhause angenommen zu werden. Dieses wurde in einer von den Gegnern der Bill am 6. Juni abgehaltenen Protestversammlung von mehreren Mitgliedern des Unterhauses bestätigt. Nebst dem großen Interesse, das die gesamte Bevölkerung Londons an dem Fortbestehen des Handels aus der Lane hat. wird dazu auch die Tatsache beitragen, daß die von den großen konservativen Herren eingefädelte Bill den Anfang zur Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden in England bedeuten würde. So antisemitisch ist aber England gottlob nicht, daß man bereits daran denken könnte, die Gleichberechtigung der Juden auch nur .anzutasten. Zu den inneren russischen Angelegenheiten erfahren nach einer Meldung aus Petersburg die „Nowosti" zuverlässig, der Entwurf Vulhgins bezüglich der Schaffung einer Volksvertretung schließe die Juden von jeder Beteiligung daran aus, weil es nicht folgerichtig sein würde, sie bei dem Bestehen die Rechte der Juden beschränkender Gesetze zur Ausübung des Wahlrechts oder gar zur Mitarbeit in der Volksvertretung zuzulassen. Es ist begreiflich, daß die russische Judenheit sich in voller Aufregung wegen dieses Projekts befindet. Die jüdische Gemeinde zu Petersburg hat das Signal gegeben, indem sie in einer großen Versammlung folgende Erklärung angenommen und dem Ministerrat übersandt hat: „Die Gemeinde erhebt Einspruch gegen die Absicht der Regierung," sechs Millionen russische Untertanen mosaischen Glaubens vom aktiven und passiven Wahlrecht, somit von der Teilnahme an der Volksvertretung auszuschließen. Diese Maßregel würde die revolutionäre Bewegung im westlichen Gebiet zu neuen Flammen emporlodern lassen. Die russische Gesellschaft aller Schichten wird aufgefordert, für die gerechte Sache einzutreten." In der Tat heißt es denn auch bereits, daß man in den maßgebenden Kreisen schwankend geworden sei. Ja, einzelne, sonst gut unterrichtete Blätter wissen sogar zu melden, daß der Finanzminister den Juden die Beteiligung an den Wahlen nun doch erwirkt habe; doch soll die Zahl ihrer Vertreter gegenüber den christlichen proportional herabgesetzt werden. Wie wir seiner Zeit gemeldet haben, hat der russische Staatsrat, welcher nicht die Courage besaß, an die heikle Judenfrage heranzugehen, die Beratung des betreffenden Punktes des Zarenerlasses dem kommenden Semski Sobor überlassen. Wie wenig die aus Alterschwäche oder allgemeiner Unfähigkeit in dem Staatsrat kaltgestellten ehemaligen hohen russischen Tschinowniks auch fähig sind, mit der für das Leben des gesamten russischen Reiches so ungemein wichtigen Judenfrage aufzuräumen, beweisen die Mitteilungen, welche ein Mitglied des Staatsrats einem Vertreter der Petersburger' „Ruß" gemacht hat. Danach sind die meisten Mitglieder dieser Körperschaft noch derart in alten Vorurteilen befangen, daß sie von den Maigesetzen nicht ein Tüpfelchen beseitigen wollen. Andere Mitglieder sind zwar der Ansicht, daß die bestehenden Judengesetze in ihrem vollen Umfange nicht mehr aufrecht zu erhalten sind, meinen jedoch, daß die Ausnahmegesetze gegen die Juden im Laufe der Jahrhunderte zu einem Grundpfeiler der russischen Staatsordnung geworden sind,-an dem man ohne Gefährdung der Existenz des gesamten russischen Reiches nicht rütteln darf. Aus diesem Grunde sind sie nur für eine sehr langsame allmähliche Aufbesserung der Lage der Juden in Rußland. Sie möchten mit dem verflossenen Herrn von Plehwe alljährlich den Juden einige Städtchen und Dörfer eröffnen und damit solange fortfahren, bis eines Tages, sagen wir nach- 200 Jahren, das gesamte russische Reich den Juden offen stehen werde. Nur sehr wenige Mitglieder dieser höchsten russischen gesetzgebenden Körperschaft sind für sofortige und vollständige Gleichstellung der Juden mit den übrigen Einwohnern Rußlands zu haben. Allein diese werden im Staatsrat wegen ihrer unerhörten liberalen Gesinnung nur wenig beachtet, ja ihre Zugehörigkeit zum Staatsrat wird selber als Ungehörigkeit angesehen. Auch besser, daß nicht eine veraltete und impotente Körperschaft, sondern eine junge Institution, die wie der Semski Sobor mit der Vergangenheit nichts zu schaffen und auf veraltete Vorurteile keine Rücksicht zu nehmen hat, sich mit dieser wichtigsten russischen Frage befassen wird. Inzwischen gehen die Judenhetzen ungehindert durch das ganze Reich. Große antisemitische Ausschreitungen sind am Pfingstsonntag in der im Gouvernement Grodno gelegenen Festung Breft-Lit ewsk von zur Fahne einberufenen russischen Reservisten begangen worden: sie legen wiederum Zeugnis ab von dem traurigen Geist, der diese zur Bekämpfung eines musterhaft disziplinierten Feindes bestimmten Mannschaften beseelt. Auch die russische Polizei wußte ihres Amtes nicht anders zu walten, als indem sie die wild gewordene Soldateska ruhig gewähren ließ und den schwachen Versuch einer Gegenwehr der schmählich Angegriffenen blutig niederschlug. Ueber diese nur noch in Rußland möglichen Vorgänge berichtet man folgende Einzelheiten:' Brest-Litewsk, 13. Juni. Sonntag mittag waren etwa 2600 Reservisten, die zumeist aus Bessarabien, aus der Gegend von Kischinew mmssBSssm