Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Woche.; Berlin, 20. Juni. Tod des ehemaligen badischen'Finanzministers Moritz Ellstätter könnte allen unseren Freunden wie unseren Gegnern in diesen Tagen willkommene Veranlassung bieten, darüber nachzudenken, wie herrlich weit wir cs im Deutschen Reich gebracht haben. Wäre es heute wohl, nur denkbar, daß ein Jude selbst im kleinsten Duodezstaate zum Minister ernannt würde und 25 Jahre lang in dieser Stellung sich behaupten könnte? Eine Antwort auf diese Frage inag sich jeder selbst geben. Daß aber ein Jude zu dieser Stellung nicht geeignet sei, wird selbst die Kreuzzeitung nicht behaupten können, wenn sie das Leben des Verstorbenen an sich vorüberziehen läßt. Wir geben in kurzem die wichtigsten Daten wieder: . Dr. Moritz Ellstätter, der am 14. d. M. in Karlsruhe gestorben ist. wurde am II. März 1827 daselbst geboren, hat also ein Alter' von.78 Jahren erreicht. Er trat 1860 in den badischen Justizdienst und kam 1856 nach Berlin, um hier eine Stellung bei der Diskontogesellschaft zu übernehmen, aus der er drei Jahre später nach Baden zurückkehrte. Er ließ sich als Anwalt in Durlach nieder, siedelte von dort 1863 nach Karlsruhe über und wurde im folgenden Jahre als Assessor bei dem Kreis- und Hofgericht in Mannheim angestellt, wo er 1865 zum Rat befördert wurde. 1866 wurde Ellstätter als Ministerrat in das Finanzministerium berufen und im Februar 1868 bereits zum Präsidenten dieses Ministeriums als Nachfolger Karl Mathys ernannt. Von da ab hat er das badische Finanzwesen ein Vierteljahrhundert lang geleitet und die organisatorischen Umgestaltungen, die der Eintritt Badens in das Deutsche Reich, sowie die neuen Finanz- und Steuergesetze mit sich brachten, in umsichtiger und verdienstlicher Weise durchgeführt. Seit 1881 war auch das gesamte Eisenbahnwesen ihm unterstellt. Dem Bundesrat gehörte er seit 1871 als Bevollmächtigter an und ist in diesem mehrfach, besonders als Referent in. Fragen der Münzversassung hervorgetreten. Im März 803 war Ellstätter in den Ruhestand getreten. Wie der edle Fürst, der ihn zu dieser Stellung berufen, über Ellstätters Wirken dachte, beweist das nachstehende Handschreiben,. das der Großherzog von Baden anläßlich seines 20 jährigen Amtsjubiläums an ihn richtete: Mein lieber Geheimer Rat Ellstätter! Mit d'em heutigen Tage sind 20 Jahre verflossen, während welcher Sie als Präsident meines Finanzministeriums den Staatshaushalt des Landes geleitet haben. In dieser langen Zeit und unter recht schwierigen Verhältnissen haben Sie das Vertrauen, mit welchem Ich Sie auf diese verantwortungsvolle Stelle berufen habe, durch Ihre ebenso geschickte wie umsichtige als gewissenhafte und treue Amtsführung in vollem Maße gerechtfertigt und dem Staat durch die .sorgsame Pflege und Ausbildung seines Finanzwesens die ersprießlichsten Dienste geleistet. Der heutige Rückblick auf diese lange bewährte Tätigkeit legt es mir nahe, Ihnen einen neuen Beweis Meiner Wertschätzung und Dankbarkeit zuteil werden zu lassen. Ich habe mich deshalb bewogen gefunden, Ihnen den Charakter als Finanzminister zu verleihen und erteile gleichzeitig dem Staatsministeriurn' den Auftrag, das zur Ausführung dieser Entschließung Erforderliche vorzukehren. Karlsruhe, 11. Februar 1888. Ihr wohlgeneigter Friedrich. Als Ellstätter 1893 seine Entlassung nahm, geschah dies unter den ehrenvollsten Kundgebungen seitens seines Herrn und des Landes. Moritz Ellstätter, der ein Schwager des früheren Rabbiners und späteren Oberrats Ephraim Millstätter war, ist als Jude gestorben. Er war der erste jüdische Minister in Deutschland! Wann wird er einen Nachfolger finden? : , * - - / ' Die seit einigen Wochen die öffentliche Meinung in England lebhaft beschäftigende Sonntagsbill, ist ein Seitenstück zu der Fremdenbill- Wie man in dieser pon Fremden spricht und ausschließlich .Juden meint, beabsichtigt' die Sonntagsbill angeblich, eine vollständige Sonntagsruhe herbeizuführen, während sie in der Wirklichkeit Tausende von armen Juden treffen wird, die aus dem Handel am Sonntag den größten Teil ihres ärmlichen Einkommens ziehen. Der Leser wird die Berechtigung dieser Behauptung aus nachfolgenden Mitteilungen leicht erkennen. Bekanntlich herrscht in dem frömmelnden scheinheiligen England schon seit jeher eine säst absolute Sonntagsruhe. Sämtliche Geschäfte, Fabriken und Werkstätten haben am Sonntag zu schließen; selbst die Kolonialwarenhandlungen haben von 10 Uhr ab eine strenge Sonntagsruhe zu beobachten und auch die Restaurants dürfen ihre Türen nur von 1—3 und von 6—11 offen halten. Eine Ausnahme bilden die Tabaksläden und der offene Markt in der bekannten „Peticoat Lane" und den benachbarten Straßen, auf welchen es den ganzen Sonntag von Käufern und Verkäufern wimmelt. Die Laue, welche sich im alten jüdischen Ghetto befindet, ist eine ganz eigenartige Einrichtung, wie sie wohl selten in einer andern Stadt Europas oder Amerikas zu finden ist. Sie ist eine spezifisch jüdische Schöpfung und es werden auf ihr Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Stiefel, Mützen, Bücher und allerhand denkbare und undenkbare Dinge feilgeboten. Der allergrößte Teil der Händler, die in Läden, Buden, freistehenden Tischen und auf dem Rücken oder am Halse getragenen Körben und Schachteln ihre Waren seilbieten, sind Juden, englische sowohl als fremde. Da der überwiegende Teil der Juden Englands aus Eingewanderten besteht, so ist die englische Sprache von der Lane vollständig verbannt. An ihrer Stelle herrscht ein Gemisch von jüdischen Mundarten, wie sie in Littauen, Polen, Südrußland, Galizien und Rumänien gesprochen werden. Auf der Lane kann man jüdische Saisonartikel, wie Mohnbarches und Hamanschläger zu Purim, Mazzoth, Merrettig und Charaussoth zu Pessach, Butterkuchen und Kalmus zu Schebuoth, Kinothbücher zum 9. Ab, Wachslichte zu Jom Kippur, Wachskerchzen zu Chanukka und andere jüdische Saisonsachen mehr finden. Selbst- 'Vedend fehlen jüdische, Gebetbücher, Tallessim, Tefillin und Zissis zu keiner Jahreszeit. Die Waren sind zwar nicht prima Qualität, dafür aber so spottbillig, daß die Londoner Bevölkerung von allen Seiten dieser Riesenstadt zu Fuß, zu Wagen und per Omnibus nach der Laue wallfahrtet, um da billige Einkäufe zu machen, oder, wie die Juden sich ausdrücken, „Mezzioth zu chappen". Namentlich ist am Sonntag der Andrang sehr groß, da die Arbeiterbevölkerung Londons nur an diesem Tage Zeit und Geld zum Einkäufen übrig hat. Gegen den Sonntagshandel auf der Lane richtet sich nun stillschweigend die neue Bill. Aus diesem Grunde geht auch die gesamte Agitation gegen die Bill von dem Verband der jüdischen Händler auf der Lane und der gesamten Bevölkerung Ost-Londons, aus. Die Gegner der Bill verlangen, daß der Sonntagshandel mindestens allen denjenigen gestattet wird, die einmal in der Woche, d. h. am Sonnabend, ihren Ruhetag haben. Die jüdischen Gegner der Bill erhielten unerwarteten SuccourA von, der christlichen Partei der Sabbatheiliger. Diese in England, namentlich in London, sehr stark vertretenen protestantischen Christen agitieren lebhaft gegen die Bill, weil sie, gestützt auf die Bibel und in Uebereinllimmung mit dem apostolischen Christentum, das bekanntlich bis znm Konzil von Niecäa in seiner Gesamtheit zusammen mit den Juden den Sonnabend gefeiert hat, der Ansicht sind, daß der wahre heilige Sabbat nicht auf den Sonntag, sondern auf den Sonnabend fällt. Leider hatte der jüdische Board os Deputies, die einzige von der Regierung anerkannte Vertretung der englischen Judenheit, darüber eine andere Ansicht. Aus angeborener jüdischer Aengstlichkeit und mit der im Oberhause herrschenden fremdenfeindlichen Stimmung wohl vertraut, entschlossen sie sich nur dahin zu wirken, daß 1. die Anklage wegen Sonytagsentweihung nur von den Behörden, aber - nicht von privaten Leuten erhoben werden soll. 2. Daß die Anklageschrift dem Angeklagten spätestens sechs. Tage nach erfolgter Uebertretnng zugestellt werden muß. Durch letzteres soll verhütet werden, daß ein armer jüdischer Händler wegen zehn Uebertretungen aus einmal verklagt und dadurch völlig ruiniert werden könnte. Die beiden Amendements werden ganz bestimmt von. dem Oberhause angenommen werden, dadurch aber wird die Ausführung , der neuen