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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-23 · Heft 25 (23.6.1905) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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1. Der X. Gemeindetag des D.-J. G.-B. erklärt: Es ist' für die Paritätische und zweckmäßige Behandlung und Erziehung der israelitischen Schuljugend erforderlich, daß an allen Schulanstalten des Staates wie der Städte, an denen die Mindestzahl von zehn israeli- . tischen Schülern vorhanden ist, ein geordneter israelitischer Religionsunterricht erteilt werde; ' 2. daß im Aufträge der Regierung durch geeignete Fachmänner dieser Religionsunterricht beaufsichtigt werde. Hingegen wurde ein dritter Satz Kroners, daß der an den Anstalten eingeführte israelitische Rengionsunterricht in allen Stücken ganz so wie der an denselben bestehende christliche Religionsunterricht gehündhabt werde, abgelehnt. Die ebenfalls von gestern zurückgestellte Resolution Cohen-Seligmann: ' „Der X. Deutsch-Israelitische Gemeindetag erklärt es für wünschenswert, daß der Ausschuß des D.-J. G.-B. sein Augenmerk auf die Ausbildung akademisch und theologisch gebildeter Männer richte, die, mit der Befähigung zum Rabbinat, vorwiegend zum Religionsunterricht an höheren Lehranstalten verwendet werden", " fand die allgemeine Zustimmung der Versammlung. / : Nach einer halbstündigen Frühstückspause begann Amtsgerichtsrat Levh-Beuthen mit seinem Referat über die religiöse Fürsorge für jüdische Strafgefangene. Redner führte aus, daß die Fürsorge durch die seit 1897 stattfindende Dezentralisation der jüdischen Strafgefangenen ganz bedeutend erschwert werde. Die Fürsorge müsse aber eine der Hauptaufgaben unserer Geistlichen bilden, um die Strafgefangenen nach Verbüßung ihrer Strafzeit wieder zum Eintritt in die Gesellschaft zu befähigen. Als Mittel der Fürsorge für die Strafgefangenen empfiehlt Referent vor allem geistlichen Zuspruch, ferner gemeinsamen Gottesdienst, wozu besondere zweckdienliche Gebete auszuwählen seien (ganz besonders eigneten sich hierfür das Kaddisch und Hazur Tomim), Gewährung ritueller Kost, zum mindesten cm den Pessachtagen, obwohl das Gebot für diese Festtage nicht etwas strenger zu nehmen sei als im allgemeinen, aber die Behörde erlaube einstweilen nicht mehr. Ein weiteres Mittel liege in einer kleinen Bücherei, die leicht aus Gemeinde- oder Privatmitteln zu beschaHn sein wird. Referent stellt zusammenfassend folgende Anträge: -' 1.. Es ist die Pflicht einer jeden Shuagogengemeinde, in deren Bezirk eine Strafanstalt, ein Zentralgefängnis, ein Arbeitshaus, Erziehungs- oder Besserungsanstalt sich befindet, die religiöse Fürsorge für die in diesenAnstalten befindlichenjüdischenHäftlinge zuübernehmen. 2. Im Verwaltungswege ist anzustreben, daß die Leiter und Vorsteher der erwähnten Strafanstalten von der Internierung eines Juden zum Zwecke der Ausübung der religiösen Fürsorge dem Vorstand dsr Gemeinde Mitteilung machen. 3. Im Bundestag und Reichstag bei der bevorstehenden Beratung .des Strafvollzuggesetzes durch Eingaben und Denkschriften dahin 'zu wirken, daß die religiöse Fürsorge der jüdischen Strafgefangenen unter Berücksichtigung der Religionsgesetze der Juden ebenso wie bei denen der Katholiken und Protestanten stattfinde. In der Diskussion teilt Philippson-Berlin mit, daß ihm von Geheimrat Krohne die Zentralisation der jüdischen Strafgefangenen wieder versprochen worden sei. Hauptsächlich komme es auch bei dieser Frage aus den finanziellen Gesichtspunkt an, und man müsse zu erreichen suchen, daß der Staat die Kosten der Fürsorge ganz oder teilweise auf sich nehme. Er beantrage, daß da, wo ein jüdischer Gefängnisseelsorger vom Staate gar nicht oder nicht hinreichend belohnt wird, die Heimatsgemeinde, oder, wenn sie dazu nicht imstände ist, der D.-J. G.-B. ergänzend eintritt. Rabbiner Tr. Doctor-. Bruchsal beklagt den Mangel eines entsprechenden Gebetbuches sowie das Fehlen geeigneter religiöser Lektüre, insbesondere für jugendliche' Gefangene. Dr. Vogelstein-Stettin glaubt, daß der Staat gertü die Kosten der Herstellung eines Gebetbuches für Strafgefangene auf sich nehmen wird, wie er auch die Kosten des Militärgebetbuches tragen wolle. Dr. Krön er-Stuttgart betont die staatliche Unter-' stützungsPflicht, Professor Schäefer-Berlin empfiehlt die Einsetzung von Fürsorge-Kommissionen bei den einzelnen Gemeinden für die entlassenen Sträflinge, wie sie in Berlin und Köln mit Erfolg wirken. Nachdem Amtsgerichtsrat Levh in seinem Schlußwort nochmals alle - behandelten Punkte zusammengesaßt hatte, brachte der Vorsitzende die drei Resolutionen Levy und die Resolution Philippson zur Abstimmung. ' Alle vier Vorschläge wurden einstimniig angenommen. In Anbetracht der vorgeschrittenen Zeit perzichtete Herr Professor Philippson- Berlin auf seine Referate zu Punkt 3Gründung eines Gesamtarchivs der deutschen Juden, Punkt 9 : Zusammenschluß jüdischer Handwerkervereine und Punkt 11: über die Verwendung der Zunz-Stiftung des D.-J. G.-B. Nachdem eine Satzungsänderung rein formaler Natur bewilligt war, ergriff Dr. Neu m ann-Berlin das Wort zu seinem Vortrage über die Fürsorge für geistesschwache Kinder. Redner setzte auseinander, daß auch diese Fürsorge zu den sozialen Aufgaben des D.-J.- G.-B. gehöre. Es wies an der Hand statistischen Materials nach, daß der Anteil der Juden an den geistig Erkrankten viel höher sei, als es ihrem prozentualen Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zukomme. Die/Gründe dafür liegen hauptsächlich in dem vielleicht überschätzten Nachteil derVerwandtschaftsehen, ferner in der größeren Pflege schwacher Kinder bei den Juden, die ein frühzeitiges Ausscheiden durch den Tod verhindert und drittens und ganz besonders in der starken geistigen Inanspruchnahme und dem Aufenthalt in den Städten. Diese Tatsachen weisen uns sehr nachdrücklich auf Bodenkultur und Handwerk hin. Auch sei durchaus davon abzuraten, daß gerade weniger gut begabte jüdische Knaben sich einem gelehrten Berufe widmen, wodurch nur das geistige Proletariat vermehrt werde. Mit gewisser Befriedigung könne man konstatieren, daß das äelirium potatorum nur in ganz geringem Maße bei jüdischen Kranken als Ursache von Geisteskrankheit festzustellen sei. Aber aus der großen Anzahl jüdischer Geisteskranken ergebe sich die Notwendigkeit, der Frage der Errichtung einer Heilanstalt für speziell jüdische Geisteskranke und ganz besonders für geistesschwache Kinder näher zu treten. Eine große Anzahl von Gesuchen um Aufnahme pon Kindern in eine jüdische Heilanstalt, die dem D.-J. G.-B. zugegangen sind, habe man abschlägig bescheiden müssen, weil eben eine derartige Anstalt noch nicht existiert. Eine solche müßte in der Nähe einer Großstadt angelegt werden, einmal, damit die Versorgung mit ritueller Kost erleichtert ist, und dann, um die Gelegenheit zur Gartenarbeit zu geben. Der letzte Punkt der Tagesordnung, die Wahlen, ist schnell erledigt, indem auf den Antrag des Herrn Rabbiner Dr. Lazarus-Frankfurt die bisherigen Mitglieder des Ausschusses ebenso wie die Revisoren en bloe durch Akklamation wiedergewählt werden. Professor Dr. Philippson-Berlin erklärt nunmehr noch, da er, wie erwähnt, auf sein Referat verzichtet hatte,-mit kurzen Worten Zweck und Bedeutung eines Gesamtarchives der deutschen Juden. Das Gesamtarchiv soll diejenigen Akten und Dokumente der jüdischen Gemeinden, die für die laufenden Geschäfte nicht mehr von Belang sind, sammeln, um sie als Unterlagen für geschichtliche, juristische u. a. Forschungen zu benutzen. Die einzelnen Stücke bleiben dabei Eigentmn der Gemeinden, und diesen steht das Recht zu, ihre Archivalien jederzeit zurückzufordern. Die Gründung des Archivs ist durch namhafte Beiträge finanziell bereits gesichert, da die Gemeinde Berlin jährlich 2500 Mark, die Loge und der D.-J. G.-B. jährlich 3500 Mark und die Baronin Oppenheimersche Stiftung in Berlin 500 Mark jährlich gezeichnet Haben. Nachdem nunmehr die Tagesordnung erschöpft war, ergriff Amtsgerichtsrat Levy-Beuthen das Wort, um im Namen der Versammlung dem Vorsitzenden, Dr. Blau, für seine geschickte, taktvolle, energische und schneidige Leitung der Tagung herzlichst zu danken. Die Versammlung stimmte begeistert in ein dreifaches Hoch auf den verehrten Führer ein. Dr. Blau wies darauf hin, daß ohne die trefflichen Vorarbeiten des Ausschusses des D.-J. G.-B. niemals das hätte geleistet werden khnnen, was in der Tat geleistet worden ist, und daß diesem und vor allem seinem Vorsitzenden, Professor Philippson, der Dank gebühre. 'Dr. Apfel-Köln forderte zu einem Hoch aus die Frankfurt-Loge aus, in deren schönen Räumen sich alle vom ersten Augenblicke an so behaglich und heimisch gefühlt hätten, und zum Schluß gab Professor Philippson dem Wunsche Ausdruck, daß die große Zahl wackerer Männer, die auch heute wie immer ihre Krast in den Dienst der Interessen der Judenheil gestellt hatten, uns auch ferner erhalten bleiben möge. Um 3^2 Uhr schloß dann der Vorsitzende den X. D.-J. Gemeindetag.

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