Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 288 „Ich sagsis ja schon," erwiderte der Patriarch ungeduldig. „So heiratet Ihr den Juden. Nach der Ehe wird er sie dannschon annehmen," und seine Augen funkelten listig. „Jedoch, wenn nicht?" „Hohe Tochter, ich erkenne Euch nicht wieder," sprach jetzt der Patriarch mit unterdrücktem Zorn. „Seid Ihr wirklich Irene, Kaiserin von Byzanz, die Furchtlose?! Oder hat der Juden Fluch so aus Euch gewirkt? Warum die vielen Bedenken? Er wird Christ nach der Hochzeit, wenn nicht schon vorher. Traut Ihr'Euch so wenig zu? Ihr! Vor der sich alle Männer beugen in Bewunderung und Verehrung." Die Kaiserin erhob sich und blickte dem Patriarchen fest ins Gesicht. „Warum es leugnen? Ja, er gefällt mir, dieser Chazarenkönig. Gar lange hab> ich den Mann entbehrt an meiner Seite, den wirklichen Mann; und dieses scheint einer zu sein, — ein ganzer! Und deshalb, hauptsächlich deshalb sei's! Ich heirate ihn, wenn nicht den Christen, so. den Juden. Doch wird er dann nicht Christ, — so liebt er mich nicht. Und liebt er mich nicht, — dann wehe ihm!" Der Patriarch rieb sich vergnügt die Hände. „Doch wie, wenn er verheiratet ist. Wenn er beweibt ist?" „Dann stirbt das Judenweib!" erwiderte ohne Besinnen Irene. „Oder wäre das Sünde?" „Sünde?! — Was man begeht zü Gottes Ehren, ist niemals Sünde!" „Dann wohl. So lasset uns beraten!" Und noch lange saßen Patriarch und Kaiserin beisammen in geheimer Beratung, und als sie von einander schieden, da wußten sie, daß die Königin der Chazaren, aus dem Stamme der Wjatitschen, übergetreten war zum Judentum gegen den Willen ihres Stammes und ihrer Sippe; wußten von der drohenden- Kriegsgefahr im Chazarenland -- denn Spione hatten es ausgekundschaftet bei der Gesandtschaft, — und ihre Pläne waren gemacht. Nur warum die Gesandtschaft grade Rachel Benoni hatte schützen wollen, konnten sie nicht erfahren. Jedoch ahnten sie den Zusammenhang. Am nächsten Morgen erschienen die Chazaren vor Irene, um die Antwort für ihren König zu vernehmen. „Saget eurem Könige, dem großen und mächtigen Chakan Bulan, daß ich sein Recht anerkenne, die Juden meines Landes zu beschützen und fortan die Juden von Byzanz gesichert sein sollen gegen alle Verfolgungen und saget ihm, daß in. meinem Rate beschlossen wurde, ein Bündnis einzugehen zwischen eurem Reiche und meinem, zum Schutz und und Ruhm unserer Länder. Deshalb sende ich eine Gesandtschaft, die besteht aus Edlen. von Byzanz, zwanzig an der Zahl mit euch zu eurem König, auf daß sie Unterhandlungen pflegen wegen des Bündnisses. Und zum Zeichen meiner Freundschaft sende ich eurem Chan allerlei Geschenke, die vorder Tür eurer harren, auf Mauleseln gepackt. Auch eine Anzahl Sklaven sende ich.. Und dieses, mein Bildnis aus Oelfarben — ihr seht, es ist gut — habe ich aus meinem Schlafgemach genommen und sende ich auch mit zum Dank für das Gemälde eures Herrn. Denn fürwahr — und das berichtet eurem Könige — gar wertvoll und lieb waren mir seine Geschenke, aber am liebsten und wertvollsten die Abbildung seines edlen Gesichtes. Und ich hoffe, er hält es ebenso. Und nun ziehet mit Gott und die Heiligen beschützen euch." Die Gesandten verneigten sich und der Sprecher sagte: „Wir danken Euch, große Kaiserin für Eure Gastfreundschaft. Unser König wird Euch wohl selber danken." Dann verließen sie das Gemach. In der Vorhalle stand der Patriarch. „Und haben meine Freunde die Rachel Benoni oder ihre Leiche entdeckt?" fragte er wohlwollend. „Nein. Und wir erwarteten es auch nicht. Eine Kaiserin lügt nicht." „Da sprecht ihr richtig, meine Freunde. Doch sagt: warum suchtet ihr just diese Rachel? Es sielen doch so viele." „Ein Freund ihres Vaters, der glücklich entflohen, bat unfern König darum." . - „Sieh da! Und dieser Freund; darf man fragen, wer der war?" Der Sprecher schwieg ein Weilchen, dann sagte er: „Wir kennen nicht seinen Namen." „Jedoch war's ein byzantinischer Krieger!" ’ „Nein, der Mann ist Jude!" ' „So, so. — Und weilt nicht ein byzantinischer Krieger an eurem Hof?" „Gewiß nicht!" ' > „Kennt ihr nicht Leo?" „Nein doch!" - Würden wir^s denn sonst nicht sagen? Wer ist Leo?" . „Ein Fahnenflüchtiger, den wir suchen. Verzeihet die vielen Fragen. Nehmet meinen Segen mit aus den Weg." „Lüge gegen Lüge, es ging nicht anders," murmelte der Sprecher. Der Patriarch aber trat in das Gemach der Kaiserin. „Und- Leo ist doch nicht in Belendscher, wir täuschten uns," sagte er vergnügt. „Die Nachforschungen hat irgend ein entronnener Jude, ein Freund Benonis, veranlaßt." Irenes Gesicht erhellte sich. „Ist das gewiß?" „Ich glaube ja. Sie ahnten nicht, weshalb ich fragte." „Und nun?" „Schnell Fußläufer und Reiter ausgeschickt, Rachel und den Patrizier zu verfolgen. Einen hohen Preis auf ihre Köpfe ausgesetzt. Sie dürfen Belendscher nicht erreichen." „Ja," erwiderte die Kaiserin. „Erreicht der Patrizier Belendscher, sind unsere Pläne vereitelt, denn er kennt —" „Er darf es nicht erreichen," unterbrach heftig der Patriarch. Und während sich vor dem Palast die beiden Gesandtschaften, die zahlreichen, mit Geschenken bepackten Maulesel und die Sklaven zu einer glänzenden Kolonne vereinigten und in Bewegung setzten, verließen vom hinteren Eingang her Reiter und Fußläufer in Scharen den Palast, um ganz Byzanz und alle Landstraßen zu durchsuchen nach Rachel Benoni und-ihrem Beschützer, dem Patrizier. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Vor kurzer Zeit erschien die erste Nummer des von der Großloge des Ordens U. O. B. B. unter der Redaktion des Herrn Dr. M. Spanier, Magdeburg, herausgegebenen „Wegweiser für die Jugendliteratur". Der Redakteur bringt an seiner Spitze einen Aufsatz, welcher klar und überzeugend den Zweck des, Blattes darlegt. Dasselbe tritt danach für die Schaffung einer allgemeinen, insbesondere aber jüdischen Jugendliteratur ein, welche den pädagogischen, ethischen und künstlerischen Ansprüchen der Gegenwart gerecht wird. Es ist ein dringendes Bedürfnis, dessen Befriedigung hier angestrebt wird, und man kann nicht nur die Großloge zu . diesem Unternehmen beglückwünschen, sondern auch lebhaft wünschen, daß unsere tüchtigen pädagogischen Kräfte sich mit liebevoller Hingebung in seinen Dienst stellen. Dr. Grzymisch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.