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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-16 · Heft 24 (16.6.1905) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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■■'•■■'"■> ■■■• •■—-^ ■ -2NB7 ■ ■—— ' „Es Hst gilt," sagte der Sprecher, sich tief Verneigend. „Und dort,, wohin der Sklave uns führt, werden wir Benoni finden und dessen Tochter Rachel. Ist es nicht so? „Wie sollte ich das wissen," erwiderte der Patriarch. „Bin .ich Benonis Hüter?" Die Kaiserin war aufgesprungen, hatte sich aber auf einen Blick des Patriarchen wieder gesetzt. „König Bulans Worte waren: Wohnet bei Benoni. Doch sollte dieser brave Mann gefallen sein, gemordet durch die Verfolgungen der Byzantiner, so verlangt die Herausgabe dessen Tochter Rachel. Und so auch die gefallen, verlanget ihre Leiche. Und so sie bestattet, lasset sie ausgraben und überbringet sie mir. Aber nicht morgen, auf das; man sie erst morden könnte — sofort vom Palast aus lasset euch zu ihr führen, oder zu ihrer Leiche und bringet sie mir, denn sie steht unter - meinem Schutze. Und deshalb bitten wir im Namen unseres Chakans: So Benoni tot, gebet uns seine Tochter Rachel heraus, führet uns zu ihr!" „Benoni und Rachel sind beide tot, erschlagen im gerechten Zorn von den Gläubigen," antwortete der Patriarch. „Dann führet uns zu ihrer Leiche." „Unmöglich. Alle Erschlagenen sind verscharrt." „Dann lasset sie alle zusammen ausscharren. So lautet der Befehl unseres Chakan." Nun packte auch den Patriarchen der Zorn. „Juden, was wagt Ihr!" schrie er. „Hinaus mit Euch! Aufs Rad mit Euch!" „So wollt Ihr denn den Krieg?" fragte der Sprecher. Da.erhob sich Irene und schob den Patriarchen zur Seite. „Nein," sagte sie. „Keinen Krieg. Höret, ihr Männer, Gesandte des Königs Butan. Benoni fiel, doch Rachel ist entkommen. Sie weilt nicht mehr in Byzanz. Aus ihrem Kerker entwich sie vergangene Nacht durch Zauberkraft. Und niemand hier weiß, wo sie weilt. Mein' kaiserliches Wort darauf. Jst's nun genug?" „Genug! -- Und doch — wir zweifeln nicht an Eurem Wort, o große Kaiserin; aber als Gnade erstehen wir: lasset die Verscharrten ausgraben, auf daß wir befolgen können den Befehl unseres Königs." „Ihr seid brave Männer," erwiderte Irene. „Es sei Ein Sklave wird Euch begleiten. Und wohnet, wo Ihr wollt. Ich geb Euch . frei Geleit. Doch morgen holet die Antwort für Euren König Bulan. Und nun geht." Jetzt verneigten sich die Gesandten und verließen das Gemach, begleitet von Steurakius, der in der Vorhalle den Sklaven die nötigen Befehle erteilte. Irene und der Patriarch blieben allein im Gemach zurück. Ein Sklave erschien und entfernte die Reste des Mahles. Plötzlich Hub die Kaiserin an, mit zornbebender Stimme: „Schmach und Schande! Ungläubige, gemeine Juden, haben es gewagt so zu sprechen zu mir, zu Irene von Byzanz, und leben noch! Noch vor einigen Tagen, und die Frechen lägen jetzt mit gebrochenen Gliedmaßen und stöhnten ihren bösen Geist aus! Und heute?! Ich, die Kaiserin, wage es nicht! — wage es nicht! — die Elendenzu bestrafen! Denn das bedeutete Krieg mit Juden. Und das die Erfüllung des Fluches. Zum erstenmal in meinem Leben fürchte ich! O Schande, Schande!" Und sie vergrub ihr Gesicht in beiden Händen. Doch ruhig antwortete der Patriarch, „Gemach, meine hohe Tochter, gemach. Zwar viel ist gesündigt worden in diesem heiligen Reiche, doch wird/ alles vergeben werden. Ich weiß es. Haben doch die Heiligen unfern Wunsch erfüllt."! Die Kaiserin blickte erstaun empor. -!" „Wie meint Ihr das, heiliger Vater?" „Ihr habt ein schlecht Gedächtnis, höhe Tochter. Baten wir nicht die Heiligen um ein Zeichen?" „Gewiß. Jedoch —" „Es kam keins, wollt Ihr sagen. Ich aber sage Euch: - Es kam. Denn kaum hatten wir ausgesprochen, als die Gesandtschafteintrat." „Die Juden?!" „Ganz recht. Das war die Antwort." „Doch, heiliger Vater, ich begreife nicht!" „Tut nichts, hohe Tochter. Doch — Ihr wolltet meinen Rat, wie der Juden Fluch und Zauberei zu brechen, Gott und die Heiligen zu versöhnen seien." „Und Ihr sagtet: Durch eine große Tat." „Gewiß, das sag' ich noch. Und diese große Tat wird Euch sogar gefallen." „Wißt Ihr das so genau, heiliger Vater? Was wäre diese Tat?" Die Kaiserin betrachtete ihr Gegenüber mißtrauisch. „Ich glaube, ja. Ihr seid noch jung, meine hohe Tochter, und schön und geistreich. Ihr dürft nicht so allein durchs Leben ziehen. Ihr müßt Euch — verehelichen." „Das also," sagte Irene nach einer Pause. „Wohl mit jenem großen Frankenkönig Karl, den ich nur einmal gesehen, der mir aber sogleich die Ehe angeboten. Und dann zu Felde ziehen gegen Bulan. Meint Jhr's so?" Ein verächtliches Lächeln spielte um seine Lippen. „Nein, gar nicht so, hohe Tochter," sagte er. „Wozu wäre das gut. Ein alter Mann, den seine Sachsen noch auffressen werden. Das wäre ein ewiger Krieg, solange Witukind und Albion, die Sachsensührer, leben. Und die Hhazaren sind eine große Macht. Verbündet mit den Sachsen waren sie Euer beider Verderben. Und wo wäre das gottgefällige Werk?" „Wohl sprechet Ihr recht, heiliger Vater. Doch wen sollte ich heiraten und damit zugleich eine große Tat vollbringen?" fragte die Kaiserin verwundert. „Jemanden, den Ihr bereits kennt — wenigstens im Bilde — einen gar stattlichen Mann." „Chakan Bulan?!" rief Irene aufs Höchste überrascht. „Eben ihn." „Den Juden?!" „Das sagte ich. Gefällt er Euch nicht, hohe Tochter?" Irene errötete. Der Patriarch bemerkte es. j „Er ist sehr schön; der schönste Mann, den ich je geschaut. Aber er ist Jude." „Und die Kaiserin von Byzanz ist die schönste Frau und die mächtigste. Um ihren Besitz wird der Jude Christ — wenn nicht vor, dann nach der Hochzeit," fügte er hinzu. Irene richtete sich empor. Ihre Wangen glühten. „Ah, ich fange an zu begreifen!" flüsterte sie. „Endlich! Seht Ihr die große Tat, hohe Tochter: Ihr gewinnet ein ganzes Volk dem lvahren Glauben. Das versöhnet Gott. Und Ihr verbündet Euch mit einem gar mächtigen Nachbar, sichert Eure Grenzen, erhöhet Eure Macht und brecht der Juden Fluch und Zauber. Denn auf der Juden Fluch kann nur vom Juden Gefahr drohen und wenn dieser Jude Euer Gemahl —" „Und Christ „Ganz recht." „Doch wenn er mich verschmähte?" „Verschmähen? Die Kaiserin von Byzanz? Unmöglich! Auch wird er seiner Vorteile gedenken. Ist er doch Jude." I „Aber wenn er die heilige Taufe verschmäht?"

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