Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
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Liters angebracht, und er hat auch in seinen historischen Arbeiten von der poetischen Lizenz nicht' gerechtfertigten Gebrauch gemacht, zumal in der „Sendung Mosis", zu welcher ihm damals auch das nötige Material fehlte. Doch darüber wollen wir nicht einmal mit Schiller besonders rechten, daß er in jener Arbeit den Juden im allgemeinen Unrecht getan hat. Wir können sehr wohl begreifen, daß dem Aesthetiker Schiller das Treiben der -Juden im 18. Jahrhundert, in welchem sie noch nicht einmal in Frankreich Menschenrechte genossen, nicht Zusagen konnte. Er war zu sehr in den höheren Regionen zu Hause, er war zu heinrisch im Reiche Apollos und aus dem Olymp, als daß er Geschmack hätte finden können, die Straßen der schmutzigen' Ghettos, die Häuser der jüdischen Trödler aufzusuchen und eingehender zu studieren. Wissen wir ja, daß auch jüdische Dichter und Aesthetiker noch zu einer späteren Zeit nicht gerade Gefallen fanden an dem Schacher und Kleinkram, den die Juden übernommen hatten und sortzusetzen gezwungen wären. Wenn aber solche Juden trotzdem gerechter und liebevoller ihre Stammesgenossen beurteilten und beurteilen, so geschieht dies nicht etwa, weil sie ihr eigenes Nest nicht beschmutzen wollen, sondern weil sie intimere Einblicke gehabt haben und wissen, wie viele menschliche und bürgerliche Tugenden bei den jüdischen Krämern zu finden find, weil sie voll Bewunderung sind, daß trotz zweitausendjührigen Drucks, trotz der unerhörtesten Verfolgungen die Juden sich so außerordentliche geistige und moralische Vorzüge bewahrt haben und sehen, wie selbst ihre physischen Mängel schnell ausgeglichen werden in Ländern, die erleuchtet genug sind, die Juden sich frei entwickeln zu lassen, ganz besonders aber, weil sie ganz genau wissen, daß der schlimmste Jude nicht so schlimm sein kann als selbst der beste Antisemit. Schiller, den Herold der Humanität, dürfen die Antisemiten, diese Vorkämpfer der Inhumanität nicht vor ihren Schmutzkarren spannen, denn er, der sich von der französischen Revolution aus ästhetischen und sentimentalen Gründen zuletzt abgewandt hat, w.ürde sich dem heutigen Antisemitismus nicht einen Augenblick zugewandt haben, weil dieser schon im Prinzip ungeheuerlich ist, während die französische Revolution nur in ihren Ausschreitungen einen Manu wie Schiller abstoßen konnte. Im übrigen wünschen wir nichts mehr, als daß die Antisemiten solche Antisemiten sein mögen, wie ihre vermeintlichen oder wohl bloß angeblichen Gesinnungsgenossen Goethe, Schiller und Lessing. L.■ K. D. Dir grkundenr hsndlchrikt. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. XI. Gesandtschaft trat ein. Alles bärtige Männer, schlanke Figuren, angetan mit der schönen Tracht der chazarischen Krieger. Tief verneigten sie sich vor der Kaiserin. Dann breiteten sie die Geschenke aus zu ihren Füßen. Kostbares -Geschmeide war da und Edelsteine die feinsten. Und goldgestickte Damastdecken und wohlriechende Hölzer. Das Bild ihres Chans aber legten sie ehrerbietig auf den Marmortisch, vor dem die Kaiserin saß. Irene betrachtete es aufmerksam. Auch der Patriarch-und Steurakius, die sich hinter die Kaiserin gestellt hatten,, blickten voller Bewunderung darauf. „Ein gar schöner Mann, Euer König," sagte die Kaiserin. „Der schönste im Lande der Chazaren," erwiderte der Sprecher der Gesandtschaft. „Ein stattlicher Mann," murmelte auch Steurakius. Der Patriarch aber starrte nur fortwährend aus das Bild. „Und was begehrt Euer König von mir?" „Eine Botschaft haben wir zu überbringen von ihm an Euch, o Kaiserin von Byzanz. Unser großer König Butan spricht also zu Euch: Dieweil ich angenommen habe den einzig wahren Glauben an den einzigen Gott, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, gelobt sei sein Name, der mir den rechten Weg gewiesen hat im Traume, so bin ich aus einem Diener Baals ein Diener des wahren Gottes geworden. Für solche große Gnade aber muß ich danken meinem Gotte und mich würdig zeigen und solches kann ich nur dadurch, daß ich mich zeige als rechter König der Juden und unter meinen Schutz stelle alle die Bekenner Israels, die schutzlos sind in ihrem eignen Lande und verfolgt wegen desselben Glaubens, den auch ich glaube und der der einzig wahre ist. Und da mir zu Ohren gekommen sind Erzählungen von den Verfolgungen der Juden zu Byzanz, deshalb spreche ich, Bulan, König der Chazaren, ^zu Euch, große Kaiserin von Byzanz, heute durch meine Gesandtschaft: Nicht nur bin ich König der Chazaren, sondern durch die Gnade des Herrn König der Juden, und alle Juden der Erde stehen unter meinem Schutz. Also, o große Kaiserin Irene, verfolgt nicht mehr die armen Juden und bedrängt sie nicht mehr. Denn wer sie bedränget und verfolgt, der bedränget und verfolgt auch mich." Der Sprecher verneigte sich. Irene blickte schweigend auf Steurakius, dann auf den Patriarchen. ' „Und wenn es der Kaiserin lieb .ist, in ihrem eigenen Lande zu tun, wie sie will und die Juden geißeln lassen und verfolgen so viel ihr beliebt?" fragte der. „Dann," erwiderte der Sprecher ruhig, „verfolgt sie auch unfern König und sein ganzes Volk und dann werden wir uns wehren müssen, wie sich Verfolgte wehren!" „Es ist gut," erwiderte die Kaiserin nach einer Pause, „ich v werde mich mit meinem Rate besprechen. Morgen sollt ihr Bescheid haben, die Antwort für Euren König Bulan. Indessen wird man Euch bewirten, wie es einer Gesandtschaft geziemt." Und sie machte eine Bewegung mit ihrer Handj um anzudeuten, daß sie entlassen seien. ' Doch der Sprecher Hub wieder an: „Gestattet uns nur noch ein paar Worte zu sprechen, o große Kaiserin. Wir Männer, die wir hierher kamen auf Geheiß unseres Königs, sind alle Juden. Wir dürfen Eure Speisen nicht essen und Eure Getränke nicht trinken. Daher gestattet, daß wir Wohnung nehmen, bei unfern Glaubensbrüdern. Gebet uns einen Sklaven, auf daß er uns führe zu dem reichen Juden Venoni, dessen Tochter Rachel uns mit Freuden bewirten wird." Irene wurde bleich vor Schreck und Zorn. „Ist denn die Hölle im Spiel!" schrie sie. „Wollt Ihr mich verhöhnen? Die Ohren laß ich Euch abschneiden—" „Auch das wäre eine Antwort," meinte der Sprecher. „Unser König würde sie verstehen und danach handeln." Noch ehe die Kaiserin antworten konnte, trat der Patriarch vor. „Meine Freunde," sagte er, „zieht Euch jetzt zurück. Geht, wohin ihr wollt und kommt morgen. Euch Bescheid zu holen. Ein Sklave soll Euch begleiten."