Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
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285 es nurvon Vorteil sein kann, wenn sich die Verhältnisse an den Grenzen sanieren, und die dortige Stagnation ausgepoverter Massen und die drohende wirtschaftliche und moralische Verschlechterung mit. der Rückwirkung auf das deutsche Gebiet vermieden oder beseitigt wird. — Aehnlich müßte es sich in den anderen Verfassungsländern abspielen und so über die ganze zivilisierte Welt eine planvolle Aufteilung der Juden vorgenommen werden. Das ist, was ich unter, Organisationspolitik verstehe. Freilich gehört eine gewisse Beherztheit dazu, nicht jenes ängstliche Erwägen aller wenn und aber, und vor allem eine große, starke, von Zuversicht getragene Liebe zum Judentum und seinen Bekennern, in welcher Form sie auch erscheinen mögen. Not aber tut Eile, denn jeder Tag des Zögerns verursacht namenloses Elend für Tausende und. Abertausende. Quidquid agis, cilo agas, et respice finem! Möchten doch diese Ausführungen eine Stätte finden in den Herzen der Glaubensgenossen und auch anderer - Kreise. Segen Zeitigen für das Judentum und seine bedrängte Lage und überhaupt zum Frieden in der Glaubenswelt beitragen! jme Schiller, Juden und flntilemitrn. ie Antisemiten suchen mit außerordentlicher, bei ihnen selbst außerordentlicher Unverfrorenheit, Geistesfürsten und Dichtergrößen für sich zu reklamieren, d. h. als Antisemiten abzustempeln. Einzelne gelegentlich gemachte unbedeutende Bemerkungen, aus dem Zusammenhang gerissene und dadurch oft in das Gegenteils verwandelte Sätze sind ihre Mittel, die Unbildung oder die Verblendung ihrer Hörer und Leser die Möglichkeit solcher Fälschungen. Wie weit die antisemitische Dreistigkeit in dieser Beziehung geht, ersieht man wohl am besten daraus, daß die Herrschaften selbst einen Lessing, den unsterblichen Dichter des „Nathan der Weise", für einen Antisemiten ausgegeben haben. Das Schillerjubiläum durfte natürlich nicht vorübergehen, ohne daß die Antisemiten sich auch an Schiller vergriffen und ihn ihren Leuten als einen Antisemiten vorstellten. So hat Herr Zimmermann, eine hervorragende antisemitische Kapazität, am Gedenktage selbst den armen Schiller heruntergezerrt, und nachher hat noch ein Herr Haase den „Beweis" geführt, daß Schiller Antisemit gewesen sei. In erster Reihe muß zu diesem Zweck herhalten der Charakter des Spiegelberg in den „Räubern". Weil Schiller diesem einige biblische Worte und Zitate in den Mund legt, soll er diesen schofelsten unter den Räubern sich als Juden gedacht haben. Nun hat aber Professor Geiger bereits vor Jahren in diesem Blatte nachgewiesen,- daß Schiller nicht nur Spiegelberg, sondern auch andere Personen in den Räubern die bilderreiche Sprache der Bibel reden läßt, und auch andere Schillersche Dramen zeigen, daß Schiller seinen Charakteren gern Reminiszenzen aus der Bibel in den Mund legte. Der bei den Antisemiten so beliebte Schluß aus der Figur des' Spiegelberg auf Schillers Antisemitismus ist sonach ein ganz verfehlter. Aber die Antisemiten kriegen noch mehr fertig. Der oben genannte Herr Haase beispielsweise macht Schiller sogar zu einem Rassenfex. Das hat doch der Autor des „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt" wahrhaftig selbst nicht von den Antisemiten verdient. Doch lassen wir Herrn Haase seine These beweisen: Im Tell — so sagt er — rührt Schiller nun ganz positiv ein Rasseyproblem an. ' Die Rütlileute erinnert Stauffacher an ihre gemeinsame Abstammung: ... Wisset, Eidgenossen! Ob uns der See, ob uns die Berge scheiden Und jedes Volk sich sür sich selbst regiert. So sind wir eines Stammes doch und Bluts, Und eine Heimat isUs, aus der wir zogen ... Es war ein großes Volk hinten im Lande . , Nach Mitternacht, das litt von schwerer Teurung. , In dieser Not beschloß die Landgemeinde, Daß je der zehnte Bürger nach dem Los Der Väter Land verlasse — Das geschah! (Sie ließen sich in verschiedenen Gegenden der Schweiz nieder, dann:) Doch blieben sie des- Ursprungs stets gedenk; Aus all den fremden Stämmen, die seitdem In Mitte ihres Lands sich angesiedelt, Finden die Schwhtzer Männer sich heraus, Es gibt das Herz, das Blut -sich zu erkennen. Die freiheitsliebenden Schweizer — die Einwohner andren Stammes halten sich der Freiheitsbewegung fern — also läßt Schiller, wie heute alle Rassentheoretiker die Germanen, ans Norden kommen und einerseits die Stammesverwandten über Kantongrenzen hinweg anerkennen, andrerseits zwischen sich und Leuten andren Stammes, mit denen sie im selben Kanton wohnen, Unterschiede machen. Mit diesem vermeintlichen Kronzeugen gegen die Rassenlehre ist es aber so wie mit allen anderen. Als wenn schon jemandem ein Vorwurf gemacht worden wäre, daß er seines Ursprungs stets gedenk sei, und als ob schon jemand geleugnet, daß auch das Blut sich zu erkennen gebe. Jedes Kind weiß, daß Landsleute, Stammesgenössen, Provinzgenossen, Personen aus einer Stadt mehr oder weniger gern Zusammenhalten. Es ist nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß Bayern, Ostpreußen, Pofener, Juden mit größerer oder geringerer Vorliebe miteinander verkehren, sich gegenseitig unterstützen rc. Nur wenn dieses Zusammenhalten zur öffentlichen oder privaten Benachteiligung anderer 'benutzt wird, dann ist es von Uebel und kann bis zum Verbrechen, ja bis zum Antisemitismus ausarten. Dann ist es Zeit und ist man gezwungen, ihm entgegenzutreten. Die Schweizer sind die letzten, die der Antisemitismus für sich als Kronzeugen in Anspruch nehmen kann. Obwohl ihr Kantönligeist sehr stark entwickelt ist, kann man sich noch über ihren Mangel an Gastfreundschaft allen Völkern gegenüber nicht beklagen. Eher hat man sich über ihre allzu große Gastfreundschaft beschwert. Indessen schon die Schillerschen Verse sagen jedem, der überhaupt zu lesen versteht und nicht von der Sucht des Unterlegend oder Hineinlegens geplagt wird, daß sie mit Ariertum und Herrenrassigkeiten nicht das geringste zu tun haben, am allerwenigsten mit der antisemitischen Ausartung des Rassendünkels und der Rassentorheit. Der größte Trumpf, den die mit Schiller krebsenden Antisemiten ausspielen, ist seine „Sendung Mosis." Nun wird kein Historiker Schillers historische Aufsätze und Werke, weder seinem „Abfall der Niederlande", noch seine „Geschichte des dreißigjährigen Krieges" und am allerwenigsten seine „Sendung Mosis" als grundlegende Arbeiten ansehen, fast ebensowenig wie man die Helden seiner historischen Dramen, gleichviel ob „Maria Stuart" oder „Die Jungfrau von Orleans" oder „Don Carlos", „Wallenstein" rc. als geschichtlich wahr geschildert hält. Schiller hat in seinen historischen Dramen von dem Recht der poetischen Lizenz sehr ergiebigen Gebrauch gemacht, oft mehr als nötig und selbst vom Standpunkte des Drama- M