Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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oben besprochen, Garantie leisten wollen. Allerdings, ob wir wollen, ob sich die Verbände und gar die Gemeinden^ dazu bereit finden werden, solchen Zuzug überhaupt zu wünschen und womöglich zu dulden, das ist noch eine sehr zu untersuchende Frage. Es gibt Engherzige, Egoisten, Aengstliche und Indifferente genug in unseren Reihen, Leute, die alle Ausländer nach den Schnorrern beurteilen, sie wie die Pest weit von sich halten möchten, ferner solche, die für sich und ihren Kreis Konkurrenz fürchten, wieder andere, die eine Vermehrung des Antisemitismus fürchten, und so denken nicht wenige — kurz-, es ist uns durchaus noch nicht geläufig, daß wir den armen Flüchtlingen von den jenseitigen Grenzen, denen wirMitleid und auch sonstige Unterstützungen entgegenbringen, auch bei uns selbst Obdach und Heim anbieten und nicht möglichst weit von uns fort transportieren sollen. Unsere Anzahl sinkt, daher müssen wir uns ergänzen, — unser religiöser Hält wird schwach, daher müssen wir uns verstärken. Treiben wir großzügige Politik, wenden wir uns an die. doppelt dankbare Aufgabe des Imports von Glaübensbrüdern, von Leuten, die sich in ihren Heimatsländern nicht ernähren können und hier wieder ohne unsere Verwendung und ohne unfern Einfluß nicht ernähren dürfen. Wir entlastend die Juden in den überhäuften Ländern, ohne uns sonderlich zu belasten. Im Gegenteil, wir ziehen von den Neuzukommenden noch Nutzen, indem wir uns verjüngen und auch materiell — durch eventuelle Mehreinnahmen von Gemeindesteuern, denn es ist durchaus nicht gesagt, daß nur arme Leute zu uns kommen sollen und werden,- und unter den Auswanderern, denen aus verschiedenen Gründen ihr älter Wohnsitz verleidet ist, befinden sich viele Begüterte; außerdem würde auch das andere gute Material sich voraussichtlich anständig ernähren und zur Steuerkraft der Gemeinden beitragen, die dadurch für viele sonstige Zwecke leistungsfähiger gemacht werden. ' Was die Befürchtungen wegen des etwa durch die Fremdartigkeit und Konkurrenz der fremden Juden steigenden Antisemitismus betrifft, so hat der letztere so viele und verwickelte Ursachen und Scheingründe, daß wir füglich beinahe aufhören sollten, allzuviel Gewicht darauf zu legen; denn Uebelwollenden würden wir es doch nie zu Recht machen. Handeln wir nur nach unserem Ermessen und so, wie wir es vor uns rechtfertigen können und unternehmen wir nur ruhig das, was uns nützlich erscheint. Es gibt Antisemiten in zahlreich, aber auch gering oder gar nicht mit Juden besetzten Ge-' genden und Orten, ja in letzteren die allerschlimmsten Judenfresser, weil sie die Juden mehr vom Hörensagen kennen und geneigt sind, alle Ammenmärchen und gruseligen Fabeln über Juden zu glauben. Eher könnten noch Vorurteile wegen vermeintlicher körperlicher Arbeitsscheu beseitigt werden, indem man den Gegner das Gegenteil ad veulus zu demonstrieren Gelegenheit hätte. Ich lege einen Hauptwerk darauf, gerade die deutsche resp. preußische Regierung mit den obigen Argumenten zu befreunden, und fordere deshalb die deutschen Juden zu dieser Arbeit auf. Deutschland ist das Zentrum, das Herz Europas, der Hauptsitz der Zivilisation. Hat sich hier die richtige Erkenntnis in der Behandlung der Judensrage und der Auswanderungsfrage Bahn gebrochen, folgen die anderen Länder sofort nach. Wenngleich in anderen Neichen Europas die Einwanderung lange nicht so erschwert ist wie in Deutschland, und der Import dorthin also beginnen könnte, so ist Deutschland auch schon als Durchgangsland hierbei von d'er größten Bedeutung. Ohne die Mithilfe und die Organisation der deutschen Juden ginge dieses Werk überhaupt nicht. Sodann würden eventuell 284 die Regierungen der anderen Länder bald Front dagegen machen, wenn Deutschland von.diesem Hilfswerk ausgeschlossen bliebe. Es wäre überhaupt zu erwägen, ob es nicht das Richtigste wäre, eine Großmacht, am besten Deutschland, auf irgend .eine Weise zu veranlassen, einen internationalen Kongreß zur Regelung der ganzen Frage zu berufen. Wichtig genug ist die Frage, um den Stoff zu solchem Konzert zu bilden. Freilich wird man mehr auf der Hut sein müssen, als bei dem Berliner Kongreß, um nicht ähnliche Ueberlistungen, wie von Rumänien, zu erleben. Erfahrung witzigt. Deutschland ist ja auch ohnedies allein schon deswegen dazu berufen, hier eine führende Rolle einzunehmen, weil es erstens den osteuropäischen Brandherden am nächsten ist und zweitens mit Rußland immer und auch jetzt liiert ist, und daher Einfluß auf dieses hat. Es wird ein Interesse haben, einmal die beunruhigenden Vorgänge in seiner Nachbarschaft und an seinen Grenzen verschwinden zu sehen, und zum andern aus Freundschaft für Rußland ihm zum Guten, zum Einsehen zu raten. Denn wenn Rußland wirklich jenes wahnsinnige undverbrecherische Rezept gegen seine jüdischen Untertanen zur Anwendung bringen wollte, nämlich ein Drittel zur Auswanderung.- ein zweites zur Taufe zu zwingen, — würde bei der Anwendung dieses Mittels nicht so viel Zeit vergehen, daß wieder eine Generation für die zu vernichtende herangewachsen sein, somit die ganze Arbeit der Verfolgung eine vergebliche gewesen sein wird? Täte da dieses Reich nicht besser, die unendlichen Strecken seines dünn bevölkerten Areals mit richtig verteilten Mengen von Juden zu besetzen, und sich so eine Anzahl Pioniere zu sichern und viele Teile erst aufzuschließen? Man denke nur an die Ungeheuern Terrains im Amurgebiete, wo auf zehn Quadratkilometer -- — ein Mensch kommt! Ist es da ausgeschlossen, daß die deutsche Regierung der russischen einen diesbezüglichen Rat gibt und letztere ihn befolgt? — — Jedenfalls würde der Staatsmann, der die Initiative zu einer solchen rettenden Tat ergriffe, zu den Wohltätern der Menschheit gerechnet werden, da er dazu beitragen würde, eine offene Wunde Europas zü schließen. Und sollte es keinen Staatsmann reizen, sich diesen Lorbeer und vielleicht einmal nicht so mühevoll zu erwerben? Wie groß würde jener Politiker dagestanden haben, der anläßlich des Haager Friedenskongresses es verstanden oder wenigstens versucht hätte, den Zar, den Urheber der Friedensbewegung, dazu zu veranlassen, den Krieg im eigenen Lande, gegen bestimmte Bevölkerungs- und Religionskategorien einzuschränken oder aufzugeben! Aber das damals so Naheliegende geschah leider nicht, ja selbst die Presse verstummte ebenfalls. Umsomehr ist es unsere Pflicht, jetzt zu wachen und die Augen offen zu halten. Die an den Grenzen errichteten Komitees für Auswanderer könnten das brauchbare Material sichten, aber die Gemeinden bei uns und den anderen Verfassungsländern sollten einen bestimmten Teil bei sich unterzubringen trachten und mit Hilfe der vorhandenen Wohlfahrtsvereine, der Chewrahs, Logen für das gute Fortkommen sorgen und womöglich den Kommunen und Regierungen Garantien, soweit sie erdenklich sind, für das tadellose Verhalten der Zuzügler bieten. Dieses Erziehungswerk wird sich durch die während einer gewissen Karenzzeit immer drohende Ausweisung noch leichter gestalten, als sie es bei der Assimilationskraft von Juden ohnehin ist. Nach der Karenzzeit aber müßte die Naturalisation erfolgen, da sich nur darauf eine sichere Existenz aufbauen läßt. — So würde Deutschland um vielleicht eine Million Juden reicher werden, wofür unsere Grenzen entlastet würden. Zu diesem Werke muß uns die Regierung die Hand reichen, der