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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-16 · Heft 24 (16.6.1905) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 283 (sequence 7)
Language
German
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283 wiederholt durch Anerkennung und Dankschreiben gewürdigt. Möchte es dem Jubilar noch lange vergönnt sein, sich der süßen Gewohnheit des Daseins zu erfreuen und in völliger geistiger und Physischer Kraft wie bisher segensreich fortznwirken im Dienste des Judentums und der Menschheit! Jüdische Orgsnilationsidern. Von Dr. I. Lewy-Danzig. III. an wird meinen Betrachtungen entgegenhalten, gibt es in diesen für Juden erstrebenswerten Ländern nicht Armut, Proletariat genug, können die Länder die Einwanderer auch ernähren? — Müssen nicht sogar viele Einheimische ihrem Vaterlande aus Not den Rücken kehren, weil sie nicht Existenz finden können, z. B. Italien mit seiner, großen Zahl Auswanderer, Spanien mit seiner stupiden, verarmten Bevölkerung, Skandinavien mit seiner zum großen Teil spröden Natur, die das Land so gering bewohnbar werden läßt. —- Nun, die Be-! völkerung würde sich in diesen so in Mißkredit stehenden Ländern ja ohnehin vermehren, allmählich verdoppeln, und da wird ja auch nicht gefragt, da wird eben die Ernährung durch Fortschritt, Fleiß und Intelligenz aus dem alten Boden wieder für mehr Einwohner herausgeschlagen werden, warum sollte also nicht diese Vermehrung schon jetzt durch Juden erfolgen, die, durch Not erfinderisch, der neuen Heimat nicht Lasten, sondern wahrscheinlich Segen und Aufschwung bringen würden? — Ein anderes viel triftigeres Bedenken ist die Erschwerung des Fremd enzülassens in manchen Ländern, z. B. in Deutschland, wo jeder Ausländer mit großem Mißtrauen empfangen und kaum geduldet und fast nie naturalisiert wird. Sicherlich liegt hier ein großes Hindernis vor, aber keineswegs ist es unüberwindlich. Hier .in Deutschland ist es Leuten, die sich politisch nicht lästig machen, die den Kommunen,, dem Handel, dem Handwerk Nutzen bringen, immer noch gestattet, Wohnsitz zu nehmen, auf Erlaubnisschein zwar, aber sonst ziemlich ungehindert Gewerbe und Handel zu treiben, Grundbesitz erwerben, sich und seine Nachkonunen zu bilden. Nur das Proletariat findet keinen Zulaß und, wenigstens in den Ostprovmzen, wo die Polenbekämpfung auch auf alles Fremdländische übergreift, der ausländische Student, der von den: Lande nur Nutzen ziehen will und dem Staate durch Beanspruchung der teuern Bildungsstätten und Bildungsmittel Lasten auferlegt. Gewiß, Engherzigkeit in großem Maßstabe ist eines so großen Reiches unwürdig und an die alten Vorzeiten erinnernd, da jeder Fremde ein Barbar, ein Rechtloser, Vogelfreier war. — In der Tat könnte aber doch eine ganze Anzahl russischer, galizischer oder rumänischer Allswanderer sich in Deutschland niederlassen und fände hier eine dauernde Existenz. — Außerdem verhalten sich nicht alle Domänen des deutschen Reiches gleich exklusiv, nur im Osten wird so rigoros gehandelt, wo die leidige Polenpolitik auch den Knüppel für die Juden dem Antisemitismus liefert. Es ist also eine Einwanderung und eine provisorische Existenzbegründung in Mittel-, Süd- und Westdeutschland wohl möglich. Aber es ist auch für die deutschen Ostmarken denkbar, — und was denkbar ist, ist auch möglich, — die Machthaber von dem Nutzen des Zuzugs kleiner Leute zu überzeugen, für die eine geschlossene, wohlsituierte einheimische Genossenschaft quasi garantiert, daß jene nicht zur Last fallen würden weder materiell, noch geistig oder moralisch. Z. B. fehlen in Deutschland erheblich viele jüdische Handwerker, die sich sehr gut ernähren könnten und schon deswegen nicht konkurrenzdrückend sein würden, weil besonders im Osten der Monarchie, der industrialisiert werden soll, allgemein Handwerker aller Branchen stark gesucht und verlangt werden; auch gute Feldarbeiter mangeln. Man hat sich mit vorübergehend aus Russisch-Polen angeworbenem Matarial in der Landwirtschaft behelfen müssen und im Baugewerbe hat man in der Verlegenheit vielfach mit minderwertigen, kaum eingelernten Kräften vorlieb nehmen müssen, wodurch die Gewerbe mit der Zeit zu Pfuscherarbeiten herabzusinken drohen, gewiß zum Schaden der Allgemeinheit. Für die Juden, die in Yen zivilisierten Ländern sehr wenig Handwerker besitzen, bedeutet diese Einseitigkeit in der Berufswahl einen schweren Schaden und Vorwurf zugleich; es hat daher auch nicht an Eifer gefehlt, diese Lücke auszufüllen. Aber trotz aller Bemühungen, aller Schulen und Anstalten, trotz aller Lockungen und Mahnungen ist kein nennbares Handwerkermaterial heranzuziehen. Es fehlen die greifbaren Vorbilder in den Gemeinden und Familien. Theoretisch lassen sich keine Stände und Berufe konstruieren, sie müssen aus dem Leben erwachsen, und nur durch wirklich vorhandene, in unserer Mitte in ausreichendem Maße wohnende Handwerker als Vorbilder läßt sich ein Schüler- und Lehrlingsmaterial heranbilden, das in absehbarer Zeit uns ausreichend mit Handwerkern versorgt. Dasselbe gilt von der Landwirtschaft. Auch" hier hat es mehr Sinn, bereits ausgelernte, wirkliche Ackerbauern von jenseits der Grenzen zu importieren — die Zulassung natürlich vorausgesetzt — als Eleven, einzelne Haradebauern heranzübilden. So könnte man ganze Güterkomplexe mit Juden besetzen, hier aber nur einige Kleinwirtschaften, einzelne Inspektoren rc. erzielen. Die bisherige Arbeit ist deswegen nicht zu verachten, aber sie ist zu langsam und unsicher, denn wie viele, mühsam aus dem Handels- und Trödelstande zur Landwirtschaft oder Gärtnerei gepreßte Elemente springen wieder ab — ähnlich wie bei den Handwerksversuchen. . Der Weg, bei den Regierungen wegen Zulassung von brauchbarem Arbeiter-, Handwerker-, und Banernmaterial vorstellig zu werden, ist noch gar nicht beschritten worden, somit kann man auch nicht von einer Aussichtslosigkeit a priori sprechen. Man fußt immer darauf, daß hier und'da ein ausländischer Kantor oder ein überzähliger Handwerker oder ein kleiner Kaufmann oder ein verdächtiger Student rc. ausgewiesen wird und dabei mitunter große Härten und Schikanen unterlaufen, je nach der Lokalbehörde, aber man bedenkt nicht, daß alle diese Einzelfälle bei dem jetzt herrschenden System ganz selbstverständlich, ja natürlich sind, daß aber bei einer auf Grund gewisser Ueberlegung geänderten politischen Anschauung in den maßgebenden Kreisen wohl eine ganz andere Behandlung von Einwanderern oder bestimmten Kategorien derselben Platz greifen könnte. Es kommt eben nur darauf an, dieser Ueberlegung in den leitenden Schichten zum- Siege zu verhelfen. Wenn man der Judenheit Einseitigkeit im Berufe, Trägheit und Scheu vor körperlicher Arbeit vorwirst, so darf man ihr auch die beste Gelegenheit, aus diesen Uebelständen herauszukommen, nicht versagen, das gilt es, den Negierungskreisen beweiskräftig vorzustellen. Die Regierung muß der jüdischen Arbeiter-, Bauern- und Handwerkerheran- -bildung schon im Jnteresie der Allgemeinheit, zur Entlastung der einseitig überhäuften Berufe, zum harmonischen Ausgleich der verschiedenen Gesellschafts- und Glaubensschichten, kurz zum Wohle des Vaterlandes ihre Aufmerksamkeit und ihr Wohlwollen zeigen. Wenn wir die Notwendigkeit des Imports betonen werden, wird sie sich diesen Vorstellungen nicht verschließen, vorausgesetzt, daß wir ihr für gutes Material, wie

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