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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-16 · Heft 24 (16.6.1905) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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281 imns gezogen sehen. Niemals auch soll der Gedanke aufornmen dürfen, als dürfte man die Fehler Einzelner auf die Gesamtheit beziehen. In dem Kampfe ums Dasein, der für Bekenner unseres Glaubens schwerer ist als für andere Menschen, reifen gewisse Früchte, die wir weit weg von uns weisen wollen. Aber Worte wie von gewissen „talentvollen Juden," die sich skrupellos über Gesetz und Recht hinwegsetzen, sich ein angenehmes Dasein sichern, die alles mögliche sind, nur keine Juden, Worte gesprochen und geschrieben zur Erheiterung unserer Feinde, wollen wir nicht belachen, sondern mit der ihnen gebührenden Strafe der schweigenden Verachtung energisch zurückweisen. Wie ein jedes andere Volk, eine jede andere Konfession mit Recht jede Bespöttelung von sich fern halten wird, so ist es Pflicht des Juden, wo und wann immer der Versuch gemacht wird, seine Einrichtungen ins Lächerliche zu ziehen, seine Schwächen zu verallgemeinern, dagegen kräftig zu protestieren. Wir wissen es, daß die Tschechen die Aufführung einer Operette, in der man sich über sie Lustig macht, nicht zulassen, Juden aber lachen über Karrikaturen ihrer Glaubensgenossen, die auf der Bühne der Belustigung des Pöbels preisgegeben werden. Was soll man dazu sagen, wenn im Theater mit Juwelen geschmückte, maßgebenden jüdischen Kreisen sehr nahestehende Damen unbändig, aber auch sehr unartig darüber lachen, wenn ein sogenannter Komiker, dessen Wiege auch nicht im Teutoburger Walde gestanden, über Bestimmungen und Gebräuche unserer Feste die Jauche seiner übelduftenden Witze ausgießt? Selbstachtung ist die erste Bedingung, soll ein Volk oder ein Bekenntnis die Achtung anderer gewinnen. Es wurde viel getan seit den ältesten Zeiten, um diese Selbstachtung in uns zu ertöten. Es ist unsere höchste Pflicht in dieser neuen Zeit, uns diese Selbstachtung wieder zu erobern und die Würdigung der anderen wird dann nicht ausbleiben. Anna honigmami. Von Regina Neisser. ^n der Geschichte der Wohlfahrtsbestrebungen jüdischer Frauen steht es wohl einzig da, daß vier Schwestern, in gleichen Anschauungen von einem hochsinnigen Elternpaare erzogen, auf den verschiedenen Gebieten der Humanität Großartiges auf weithin sichtbarem Posten geleistet haben: Cäcilie Adler gesegneten Andenkens, Lina Morgenstern, Jenny Asch und Anna Honigmann. Das jüngste Glied dieses trefflichen Schwesternkleeblatts, Frau Dr. Anna Honigmann, genießt in ihrer Vaterstadt Breslau die allgemeine Verehrung und der k Juni, an welchem sie, umgeben von ihrem Familienkreise,, in dem auch Frau Lina Morgenstern nicht fehlte, in harmonischer Frische von Körper und Geist ihr 70. Lebensjahr vollendete, wurde ihr von den besten und edelsten Männern und Frauen der jüdischen Gemeinde zu einem hohen Fest- und Ehrentage gestaltet. Die verehrüngswürdige Jubilarin wurde noch zu Lebzeiten ihres Gatten, dessen Andenken hier in den weitesten Kreisen unvergeßlich fortlebt und der den älteren Lesern dieses reuren Blattes durch seine wertvollen Beiträge auch noch in lebhafter Erinnerung ist, im Jahre 1874 die würdige Nachjvlgerin ihrer verewigten Mutter im Vorstande der Industrieschule für israelitische Mädchen, die bereits vor einigen Jahren chre Zentenarfeier begehen konnte. Ebenso gehört sie seit einer langen Reihe von Jahren dem Vorstände des israelitischen Jungfrauenvereins, welcher die Ausbildung junger Mädchen für einen Beruf zum Ziele hat, an. Gleich ihren Schwestern hat Frau Dr. Honigmann bewiesen, daß eine Frau von Geist und Gemüt die Pflichten der Gattin, Mutter und Hausfrau musterhaft erfüllen und dennoch für das/ Gemeinwohl in umfassendster Weise wirken kann. Ihre selbstlose Güte, ihr tiefes Verständnis für alle wichtigen Fragen des Lebens, ihre liebenswürdige Einfachheit befähigen sie vorzugsweise, strebende junge Mädchen zu ermuntern, ihnen mit Rat und Tat beizustehen, und unzählige, die in befriedigender Berufstätigkeit wirken, gedachten der edlen Frau nah und fern dankbar an ihrem Festtage., Mit gleich liebevoller Hingebung widmete sie sich den Neuschöpfungen unter den Wohlfahrtseinrichtungen der hiesigen jüdischen Gemeinde, in deren Vorstand sie sofort bei deren Gründung gewählt wurde, und denen ihre wertvolle Mitarbeit und ihre reichen Erfahrungen zugute kommt, der israelitischen Haushaltungsschule und dem Israelitischen Schwesternheim. Es war nur zu natürlich, daß alle diese Vereine und insbesondere ihre Vorstände wetteiferten, die hochverehrte Jubilarin zu feiern;'Abordnungen erschienen, die in beredtesten Worten die Verdienste der edlen Frau in dankbarer Anerkennung hervorhoben und dem Wunsche Ausdruck gaben, Frau Dr. Honigmanu möge noch lange tatkräftig im Dienste der Menschenliebe, ihre segensreiche Wirksamkeit ausüben dürfen. Es war geradezu erhebend und rührend, die liebreiche/bescheidene Frau in fast demütiger Hochachtung die ihr dargebrachten Huldigungen entgegennehmen zu sehen; allen antwortete sie voll frohen Dankgefühls, überwältigt von der Fülle der Ehrungen. Das trauliche Heim der verehrten Jubilarin glich einem Rosengarten, eine Menge zartsinniger Aufmerksamkeiten erfreute sie von allen Seiten, und der schönste Schmuck des Tages waren die reinen Familienfreuden, die ihr ein gütiges Geschick zu genießen vergönnt. Möchte Frau Dr. Honigmann noch lange dem engeren und weiteren Kreise, der ihr in treuer Anhänglichkeit ergeben ist, erhalten bleiben, noch lange ihrer Ehrenämter in Rüstigkeit und Frische walten dürfen. Jacob U. Lrsndkis. Von Dr. Adolf Kohut. , nicht nur dem Mimen, sondern auch dem Publizisten flicht die Nachwelt keine Kränze. Allerdings hat es große, geistreiche, scharfsinnige, und, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, sensationelle Publizisten in Frankreich, England, Deutschland und anderen Staaten geg'eben, die durch die von ihnen vertretenen Ideen und Gesinnungen, ihre witzige, sarkastische Sprache und die Fülle der vielen neuen Gesichtspunkte, die' sie in ihren Artikeln, Korrespondenzen und Epigrammen zum besten gaben, den Grund der Menschheit aufwühlten und sich gleichsam die Unsterblichkeit sicherten — ich nenne nur Disräeli, Gladstone, Heinrich Heine, Ludwig Börne, Ludwig Kossuth, Franz Pulsky, Armand Carrel und viele andere — aber es waren diese nur Ausnahmen. Am schlimmsten erging es den mit großen Kenntnissen ausgerüsteten, durch ihre Ueberzeugungstreue und ihren Wagemut sich auszeichnenden namenlosen jüdischen Publizisten des 19. Jahrhunderts, die samt und sonders für die Juden-Emattzipation kämpften und für Freiheit und Recht in die Schranken traten. Wenns hochkommt, flochten ihnen die Zeitgenossen die Palme der Anerkennung, aber die Nachwelt nahm von ihnen im großen und ganzen kaum Notiz, selbst dann nicht, wenn sie nicht bloß einfache Soldaten in der Armee der Kämpfer für /Gewissensfreiheit,, sondern selbst 'Generale waren, die ihre _ ■ ■ ■

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