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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-16 · Heft 24 (16.6.1905) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 280 (sequence 4)
Language
German
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nächsten Zusammentritt Vorschläge zu einer Einschränkung der Einwanderung zu unterbreiten. Wie-bereits berichtet wurde, wird zunächst die Einführung einer' Kopfsteuer in Höhe von 25 Dollars für jeden Einwanderer im Hafen von Newhork geplant. Neben weiteren Maßnahmen zur Beschränkung der Einwanderung wird ferner beabsichtigt, eine bestimmte Einwanderungsziffer, vielleicht diejenige des Vorjahres, festzulegen, die in keinem Jahre überschritten werden soll. Die Ursache dieser Beschränkungsbestimmungen liegt in dem starken Anwachsen der Einwanderungszahl. Man erklärt, daß die Einwanderung aus Ländern wie Deutschland, England und Skandinavien stark abnimmt, während die Einwanderung aus Italien, Rußland und Ungarn riesig anwächst. Sekretär Metcalf vom Departement für Handel und Arbeit meinte, wenn es gelänge, die Einwanderung in paffende Kanäle zu lenken, würde das Problem leicht gelöst werden können. Der größte Teil der Einwanderer wolle aber leider nicht aufs Land gehen, sondern lasse sich in der Stadt Newhork nieder. Lriek aus Oesterreich. Ende Mai. ie Tschechenkrise ist nun teilweise überwunden, es lebe die Ungarnkrise, also können wir in Oesterreich ausrüfen. Ein österreichischer, im Auslande lebender Schriftsteller und Theaterdirektor hat leicht reden, wenn er vonr höheren Standpunkte des Leitartiklers, recht weit vom Schüsse, aus der Vogelperspektive, gleichsam sud speeie aelerniimis schwungvolle Reden über österreichische Zustände in der Osternummer eines großen Wiener Blattes vom Stapel ließ und sich fast in einen Enthusiasmus über unser mit Nationalitäten reich, gesegnetes Vaterland hineinredete, es höher preist als den gefestigten nationalen Einheitsstaat. Freilich gilt dieser Preis mehr der Zukunft, in der sich hoffentlich die Nationalitäten versöhnen und einsehen werden, welchen Selbstmord sie begehen, wenn sie diesen Staat, in dem sie durch Jahrhunderte neben und miteinander leben, zu zerstückeln sich bemühen. Vielleicht, daß man in dieser erhofften Zukunft von einem Oesterreichertum sprechen wird; vorläufig ist nichts davon zu verspüren. Die Tschechen kann man, jetzt wenigstens, mit manchen nationalen Zugeständnissen abspeisen, mit der Einführung ihrer Sprache an einigen Gymnasien, mit Richter- und anderen Beamtenstellen. Aber die Ungarnkrise bedeutet für Oesterreich mehr. Diese Herren verlangen nichts mehr und nichts weniger als vollständige Loslösung von Oesterreich, ein Verhältnis etwa, wie es zwischen Schweden und Norwegen bestand. Man fragt vielfach, wie es so weit kommen konnte. Aufmerksame Beobachter politischer Dinge mußten dies voraussehen. Wir wollen den ungarischen Chauvinismus nicht verteidigen, aber, wenn man die Hetze betrachtet, die seit Jahr und Tag, namentlich von Seite der Wiener Herren Luegers und seiner Gefolgschaft gegen, wie sie es nennen, Judaeo-Magyarien betrieben wurde, kann man sich nicht wundern,, wenn die Kosfuths und Apponyis, übrigens zwei verschiedenen Politischen Richtungen ungehörige Männer, des nicht ganz trockenen Tones satt wurden und dem grausamen Spiele ein Halt zurufen: bis hierher und nicht weiter. Judaeo-Magyarien, man möchte über das Wort lachen, wenn das Wort nicht gar so traurig wäre. Lueger und Genossen scheinen Ungarn als eine Art Neu-Palästina zu betrachten, das für die Juden die schönste und beste der Welten umfaßt. Als gäbe es ist Ungarn keinen Antisemitismus, als wären die Magyaren die vorurteilsloseste aller Nationen! Doch wozu den Antisemitismus in der Ferne suchen, den wir, ach, so nahe haben. Freilich, was unser Abgeordnetenhaus betrifft, so läßt man hier seit einiger Zeit die Juden in Ruhe. Man hat eben andere Sorgen) und die wirtschaftliche und andere Krisen, die bedrohlich an die Tore Oesterreichs pochen, falls Ungarn Ernst machen sollte, lassen die Herren ein wenig im eigenen. Hause Umschau halten, so daß man nicht Zeit hat, sich mit den Juden zu befassen. Die Antisemiten sind jetzt ganz auf den Wiener Gemeinderat und auf den niederösterreichischen Landtag, auf ihre ureigenen Domänen, verwiesen. Dort hat Bielohlawek, der Naturbursche in der Lueger- Komparserie, sein Votum über die Schächtfrage abgegeben, und dort kann ein frisches, aber nicht fröhliches .Kesseltreiben gegen die Juden wieder losgehen. Wir aber haben die Pflicht, unausgesetzt Wache zu halten und ja nicht in den traurigen Fehler zu verfallen, mit sehr billigen Witzen uns über unsere traurige Lage hinwegzutäuschen. Es ist mit Recht darauf aufmerksam gemacht worden, wie wenig es am Platze ist, wenn heute, nicht allein in Witzblättern, sondern auch auf dem Theater und in öffentlichen Versammlungen über jüdische Einrichtungen, über allerdings nicht wegzuleugnende Schwächen mancher jüdischer Persönlichkeiten gespöttelt und gewitzelt und dadurch die Meinung erweckt wird, als haften gewisse Eigenschaften dein Judentum und seinen Bekennern überhaupt an. Wir wollen nicht jeden Witz tragisch nehmen, der über gewisse Fehler, die im Laufe der Zeiten sich in nmnche unserer Einrichtungen eingeschlichen haben, gemacht wird, aber es beschleicht uns immer ein nicht ganz behagliches Gefühl, wenn wir es sehen und hören müssen, wie Juden über derartige Spötteleien unserer Feinde und sogenannten Freunde sich vor Lachen nicht fassen können. Dies kann nicht energisch genug getadelt und zurückgewiesen werden. In Theaterstücken, namentlich in Possen Und Operetten, die an Blödsinn den höchsten Gipfelpunkt erreichen, wird über Einrichtungen des Judentums gespottet, und die löbliche Corona, leider meist aus unseren Glaubensgenossen bestehend, bricht in ein unbändiges, homerisches Gelächter aus. Die sogenannten „jüdischen Witze" lassen gar oft die Meinung aufkvmmen, als gäbe es im Judentume nur i Dummköpfe und Betrüger, als wäre das Judentum ein solches, daß man es dem Spotte preisgeben müsse. Dies ist doch wirklich unseres erleuchteten Jahrhunderts unwürdig. Da fiel mir vor einiger Zeit eine Broschüre in die Hand, in der die Entwicklung eines jüdischen Rechtsanwalts in satirisch-hunwristisch sein sollender Art und in sehr schlechten Versen behandelt wird. Es mag ja sein, daß die traurigen Verhältnisse, in denen wir leben, derartige Erscheinungen zeitigen, aber der Dichter (?) jenes humoristischen (?) Epos hätte doch auch bedenken sollen, daß sein Machwerk von nichtjüdischen Lesern einer gewissen ihm nicht zukommenden Beachtung werde gewürdigt werden, und daß dadurch dem Judentum mehr geschadet werden könnte, als durch die wütendsten Angriffe antisemitischer Blätter. Man mißverstehe uns nicht. Es ist wohlbekannt, daß auch wir uns kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn es gilt, Uebelstände im Judentum zu geißeln. Wir werden es auch weiter tun, so sehr es auch manchem davon Betroffenen unangenehm sein mag. Wir tun dies, erfüllt von der Anschauung, daß alles menschliche fehlerhaft ist. Schon unsere Ahnen haben gesagt: Wenn man einen Fehler hat, soll man ihn offen zeigen. Aber ein solcher Hinweis auf Gebrechen hat mit Ernst und Würde zu geschehen. Uns ist es um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu tun. Ins Lächerliche aber wollen wir auch nicht die geringste Einrichtung des Juden-

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