Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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b i'ii - abscheulichen^ deutschen Jud en in " die -Schuhe ' gesch oben hat, glaubt; es^den französischen Patrioten die Augen über die wahre Natur'dieser Revolution geöffnet zu haben. : > - - / ' - Wie wir bereits in der' vorigen Woche mitteiten konnten, habenes zahlreiche jüdische Gemeinden in Englandunternommen, durch Deputationen :■ an die Parlamentsmitglieder ihrer Distrikte einige besonders harte Bestimmungen der Fremdenbill, durch die namentlich die jüdischen Einwanderer aus Rußland schwer betroffen werden dürftenzu beseitigen, oder doch wesentlich zu mildern. So ist die jüdische Gemeinde von Birmingham am 15. V.:M. bet ihrem Deputierten Mr. Joe Chamberlain deswegen, vorstellig geworden und ersuchte ihn, in der zur Beratung der Fremdenbill eingesetzten Kommission dahin zu wirken, daß Einwanderer, welche durch religiöse Verfolgungen gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und in England Schutz zu suchen, der gleichen Begünstigungen wie die politischen Flüchtlinge sich erfreuen sollen, auf welche bekanntlich die neuen Bestimmungen der Fremdenbill keine Anwendung .finden. Die Antwort Mr. Chamberlains lautete: 40. Princes' Gardens, 19. Mai '1905. Sir. Ich bin von Mr. Chamberlain beanftragt, den Empfang Ihres Brieses vom 15. er. zu bestätigen, und Sie zu versichern, daß er Ihre ihm vorgeschlagenen Amendements zur Fremdenbill ernstlich in Betracht ziehen wird. Indessen möchte er hervorheben, daß nach seiner Ansicht, die infolge religiöser Verfolgung nach England auswandernden/Personen auch nach Annahme der vorgeschlagenen Fremdenbill bei ihrer Landung auf keine Schwierigkeiten stoßen werden. Der Sekretär I. Wilson. Eine weniger diplomatische Antwort hat das Unterhaus-' Mitglied für West-Harttepool, Mr. Christopher Furneß, gegeben, indem er in seinem Schreiben cm Herrn A. Latinga versicherte, daß er alles aufbieten werde,: um das Asylrecht all den Fremden' zu erhalten, die nichts Unrechtes getan haben. In gleichem Sinne äußert sich das konservative Unterhausmitglied für Bradford, Sr. Ernest Flower, in einem Schreiben an den Rabbiner Tribich. In diesem Schreiben versicherte er, daß er in der Kommission alles aufbieten wolle, .um zu verhindern, daß den verfolgten russischen Juden durch die Bill Unrecht geschehe. .Auf ein von Rabbiner Daiches im Namen "der jüdischen Gemeinde von Sunderland an die beiden Mitglieder ihres Distrikts gerichtetes Schreiben find folgende Antworten eingelausen: „Hochgeehrter Herr! Besten Donk für' Ihr Schreiben in betreff der Fremdenbill nebst beigeschlossenem Memorandum, das ich sorgfältig prüfen werde. Im allgemeinen bin ich mit dem Inhalt Ihres Schreibens sehr einverstanden. Ich will sehen, was ich in der Kommission tun kann, um Ihren Amendements zum Siege zu verhelfen. Ihr ergebenster John Pamberton." Auch Pamberton gehört nicht zur Opposition, sondern ist Unionist. Das andere Mitglied dieses Distrikts, Mr. Theodore Doxsord, schrieb folgendes: . Bestell Dank für Ihr Schreiben, und will ich. dem n: demselben hervorgehobenen Punkt in der Fremdenkommissioi: meine sorgfältige Beachtung schenken. Die. von den jüdischen Gemeinden in die Wege geleitete Agitation nimmt immer größere Dimensionen cm. Aber auch von anderer, nichtjüdischer Seite wird gegen die in England anscheinend keineswegs so populäre Fremdenbill mobil gemacht. So haben die Trades Unions scharfe Resolutionen gegen dieselbe gefaßt. Auch die englische Friedensliga ist in die Agitation gegen die Bill getreten. In dem von ihr erlassenen Protest wird hervorgehoben, daß die von den Befürwortern' der Bill' in so grellen Farben geschilderten - Gefahren der. Fremden- . einwandcrung im hohen Grade übertrieben sind, ferner) daß die Einwanderer keineswegs den öffentlichen Wohltätigkeitsanftalten'zur Last fallen. Die Bill bedeute eine Abkehr von den alten englischen Traditionen, welche allen in ihrer Heimat^ verfolgten Personen ein nnbeschränktes Asylrecht' gewährt- Diese Gastfreiheit bildet einen Glanzpunkt in der englischen Geschichte und den Stolz der englischen Nation. Da die Bill endlich nur auf Deckpassagiere Anwendung findet, so dürfte sie nur die ' ehrlichen arbeitswilligen Einwanderer? treffen, während Falschmünzer. Prostituierte und sonstige Verbrecher) von ihr verschont bleiben. Aber auch ganz andere, überaus einflußreiche Elemente beginnen sich gegen die.Fremdenbill zu erheben. Die Wilsons Canard Line und andere große Reederfirmen haben sich" zusammengetan, um ihre von der Bill bedrohten Interessen zu wahren. Sie haben, . wie Mr. H. Messingham, der parlamentarische Korrespondent der Daily News, in der Nummer dieses Blattes vom 30 Mai mitteilt, es vermocht, dem englischen Minister des Innern Akers-Douglas das Versprechen abzutrotzen, daß die Sichtung der Immigranten ganz und gar ihnen überlassen bleiben soll. Schon dadurch allein wird die Bill bis zur Unkenntlichkeit abgeändert werden. Und auch andere-Kräfte sind hinter den Szenen tätig, um. der „kleinen armen Fremdenbill" den Todesstoß zu versetzen. Mr^ Messinghain ist der Ansicht, daß die Fremdenbill in. der Kommission selig entschlafen wird. Demgegenüber, aber heben , wir hervor, daß Mr. Akers-Douglas in der Sitzung des Unterhauses vom 30. Mai dem Führer der Opposition Sir Henry- Campbell-Bannermann gegenüber erklärt hat, daß die Bill noch in dieser Session zum Gesetz erhoben werden soll. - Große Schwierigkeiten bereitet den Gegnern der Bill die Tatsache, daß von 12 jüdischen Parlamentsmitgliedern bei der Beratung der Bill 4 sich der Abstimmung enthielten, während die übrigen 8 durch entgegengesetzte Abstimmung vollständig die Wage hielten. Dieses Arguments bedient sich ein Mitglied des Unterhauses für Bradford, der dem Rabbiner Reuben Tribich auf seine Kritik der Fremdenbill vorhielt, daß ja auch vier Juden für die Bill gestimmt hätten. ) 'V,',. - # In Rußland soll ein neues Paßgesetz gegeben werden, das den Paßzwang so gut wie völlig aufheben wird — nur nicht für die Juden! Selbst die ausländischen Juden sollen im Gegensatz zu ihren russischen Glaubensgenossen in Rußland unbeschränkte Bewegungsfrelheit genießen und damit auch das unbeschränkte Wohnrecht in Rußland erwerben. Nur die russischen Juden betrifft, wie gesagt, der neue Gesehesentwurs nicht. Die Vorschriften über ihr Wohnrecht bleiben zu Kraft bestehen. Es ist wirklich unglaublich, in welch' - Unerhötser Weise die russische Bureaukratie die Juden reizt und hetzt ^ünb förmlich in die Arme der Revolution hipeintreibt. Und nichts, absolut nichts, hat sich durch die letzten Ereignisse darin geändert. Die JuhssNPolitik der russischen Regierung bleibt unwandelbar di.e gleich gehässige und törichte, bis das ganze System einmal znsammenbrechen wird. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird die Zahl be-jf Einwanderer in Amerika in diesen: Jahre die einer Million weit übersteigen. Das Washingtoner Kabinett geht nun ernstlich mit der Absicht um, dem Kongreß bei seinem