Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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vorhanden sind, in denen noch die meisten jüdischen Volksschulen bestehen, ist an sich selbst klar. Bemerkenswert ist dagegen, daß an Paritätischen Schulen jüdische-Lehrkräfte in erwähnenswerter Zahl nur in Berlin, Westpreußen, Posen und Schlesien Vorkommen. So kamen von den 47 jüdischen Lehrerinnenan paritätischen Schuten im Jahre 4901 allein 42 auf Berlin. — An den öffentlichen höHeren Mädchensch ulen entfielen im Jahre 1901 von den vorhandenen 21 Lehrern nicht weniger als 19, von den vorhandenen. Lehrerinnen 6 auf Hessen-Nassau (Frankfurt a. M); an den privaten höheren Mädchenschulen von den vorhandenen 3 Lehrern alle 3 auf Hessen- Nassau, von den vorhandenen 31 Lehrerinnen 10 auf Berlin, je 4 auf Posen und Schlesien, 5 auf Hessen-Nassau, 8 auf die übrigen Provinzen; an den privaten Mittelschulen von. -den - vorhandenen 23 Lehrern 15 auf Berlin, 5 auf Sachsen (Halberstadt) und 3 auf Schlesien, von den vorhandenen 16 .Lehrerinnen 10 auf Berlin. Die Zeiten, da der oberste Dezernent des preußischen Schulwesens es für ganz unmöglich hielt, Juden als Lehrer an höheren Schulen überhaupt anzüstellen und an Volksschulen'nur insoweit, als sie rein konfessionelle von Juden unterhaltene Anstalten waren, liegen hinter uns. Aber auch bei den bevorstehenden parlamentarischen Debatten über die Volksschule in Preußen werden die freisinnigen Elemente einen schweren Stand haben. Es wird die Aufgabe der Lehrer selbst sein, durch geeignete Zuschriften jüdische Abgeordnete für die kräftige Vertretung ihrer Forderungen und Wünsche schon j e tz t zu gewinnen, damit eine gründliche allseitige Information erfolgen kann. Für viele jüdische Lehrkräfte handelt es sich um eine Existenzfrage, — noch höher aber steht die Ausgabe, den Gegnern zu zeigen, daß die Juden auf dem Gebiete des Unterrichts allezeit ihre Schuldigkeit auch unter den höchsten persönlichen Opfern getan haben und daß es Aufgabe des Staates sein muß, die jüdischen Steuerzahler ebenso wie die übrigen zu berücksichtigen und die vorhandenen Ungleichheiten in einzelnen Provinzen auszugleichen. „Das Geld in Schulen angelegt — die allerbesten Zinsen trägt." Der Verband für die Statistik der Juden hat sich mit dieser Schrift über den Anteil der Juden am Unterrichtswesen in Preußen,- auch abgesehen von dem bevorstehenden parlamentarischen Kampf um die Schule, ein großes Verdienst erwörben. „Zahlen beweisen", und wir können mit den Fortschritten, die mit der Teilnahme unserer Gemeinschaft an der all? gemeinen Bildung in diesen letzten hundert Jahren gemacht worden sind, wohl zufrieden sein. Dir Woche. Berlin, 12. Juni. 4n den Reichslanden hat man bisher eine andere Art von Politik den Inden gegenüber verfolgt, als iß Preußen. Es geschah dies aus leicht begreiflichen politischen Rücksichten. Der Statthalter v. Manteuffel wußte, welche Stütze er an den Juden hatte. Und die vor wie nach ihm kamen, wußten dies auch. In neuerer Zeit scheint, wie aus gewissen Anzeichen hervorgeht, eine andere Politik eingeschlagen zu werden.' Als ein Symptom/der gegenwärtigen Strömung ist es anzusehen, daß anläßlich des diesjährigen Kaiserbesuchs in Metz die vollständige Uebergehung der jüdischen Gemeinde und ihrer gesetzmäßigen Vertreter dort große Mißstimmung hervorgerufen. In einem, Aufsatz der „Straßb. Bürgerztg!»" heißt es hierüber: > „Es war- .früher, ganz entsprechend der politischen Richtung Lothringens, iii/der der Antisemitismus nichts zu sagen hatte, -Sitte gewesen, zu den Festessenzu denen die Vertreter. der christlichen: Konfessionen eingeladen waren, auch den Oberrabbiner von Lothringen zu bitten. Man hat das dieses Mal nicht getan.. Ja,- man.ist noch einen Schritt weiter gegangen: nicht einmal zur Einweihung - der Denkhalle in < Gravelotte isturder . Vertreter ..der jüdischen ' Gemeinde eingeladen gewesen. Diese Denkhalle ist errichtet zum Gedenken an die Söhne des Vaterlands,' die das zweite Reich mit dem Tode gelöst haben. Und um Mravelotte haben Tausende von Juden gekämpft — niemand hat noch-' behauptet, daß sie. sich weniger tüchtig als ihre christlichen . Kameraden! geschlagen hätten,-7- . Hunderte jüdischer Soldaten sind in diesem Ringen um Metz gefallen. Und die Erde .um Gravelotte und Mars-la-Tour deckt ihre Leiber mit derselben Ruhe wie die. der andersgläubigen Toten. War es da nicht eine Ehrenpflicht gegen die lebenden Nachkommen, war es da nicht eine Dankesschuld den gefallenen Juden gegenüber, daß man zu der Feier, die die Halle zu ihrem Gedenken 'weihen sollte, auch den jüdischen Seelsorger rief? Nichts davon; weder zu dieser Totenfeier noch zu den offiziellen Festessen war jemand gebeten, und hält man die entsprechenden Tatsachen von Straßburg und Metz zusammen, so scheint beinahe ein geflissentliches Uebergehen vorzuliegen, das auf einen Kurs' hindeutet, der unsere Billigung in keiner Weise hat." Dieser Kurs dürfte allerdings gerade in Elsaß-Lothringen am wenigsten gute Früchte tragen. . - Biele glauben, in F rankr e i ch sei, nachdem die Dreyfus- ' Märe nun jetzt auch endgültig begraben werden soll, der Antisemitismus gleichfalls mausetot. Leider ist dies aber ein Irrtum, wie man aus vielen Anzeichen ersehen kann. Zwar in die Kammerverhandlungen über die Trennung von Staat und Kirche hat sich bis jetzt kein Hauch antisemitischen Geistes verirrt; dagegen aber hat, wie man der „Welt" berichtetdie französische Antisemitensöderation lvieder. an ihre Existenz erinnert und auch die antisemitische Presse Frankreichs geht wieder scharf ins Zeug. Bor kurzem fand, in Bordeaux, wo bekanntlich viele Juden wohnen und angesehene Stellungen einnehmen, ein Kongreß der französischen Antisemiten statt. Die Versammlung wühlte mit Absicht diese - Stadt, um die dortigen Juden zu provozieren, doch war man so klug, den Antisemiten nicht aufzusitzen.. Präsident des Kongresses war der Abgeordnete General Jacques, der seine Eröffnungsrede mit den Worten begann: „Ich bin. Katholik, Patriot und Soldat!" Der katholische Sotdatenpatriot entwarf hierauf ein Bild von der Entwicklung der antisemitischen Partei. Dem würdigen Präsidenten folgten noch einige Redner, die mit beweglichen Worten das Ueberhandnehmen des liberalen Geistes beklagten. Aus den der Versammlung - vorgelegtep Berichten ersah man, das die Mitgliederzahl der Föderation im letzten Jahre allerdings nicht gewachsen ist, was immerhin. mit Befriedigung konstatiert werden soll. Vielleicht ist dies auch der Grund, daß die antisemitische Presseim Gefühl, allmählich an Terrain zu verlieren, ihre Leser mit faustdicken Lügen über die bösen Juden bedient. Die Ereignisse in Rußland bieten der „Libre Parole" und ähnlichen Blättern gute Gelegenheit, den gläubigen Lesern abenteuerliche Märchen aufzubinden. Die Kundgebungen der russischen Aerzte und der übrigen russischen Intellektuellen seien nicht ernst 51t nehmen, denn „bekanntlich" seien alle diese Manifestanten ausschließlich Juden, sowie auch die Industrie völlig in- Händen der Juden sei, notabene der „deutschen Juden". Damit glaubt das würdige Blatt die Sache in doppelt schwarzem Licht dargestellt zu haben; man bedenke, nicht nur Juden, also schon darum verabscheuungswürdige Leute, sondern noch dazu deutsche Juden! Und nachdem das Antisemitenblatt solchermaßen die russische Revolution