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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-09 · Heft 23 (9.6.1905) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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—- 276 —— ■ heute erfahren! — Ich wills mir überlegen — Nat holen — Der Patriarch muß raten. Dies ist sein Fach." „Ich weiß schon vorher, was der raten wird," lachte Steurakius. „Erlasset den Heiligen alle Steuern! Stiftet ihnen Klöster und Güter und Kirchen — ha — ha —" „Ruhig," unterbrach ihn Irene ernst. „Auch das muß sein! Lang genug ist gegen die Heiligen gefrevelt worden, als man die Bilder in den Kirchen niederriß. Jetzt wollen sie versöhnt sein. Dazu paßten allerdings die Güter der Juden ausgezeichnet; aber ob inan's jetzt noch wagen darf —" sie seufzte schwer. Dann befahl sie einem Diener, den Patriarchen zu rufen. Der ließ nicht lange auf sich warten. Eine hohe, nmgere Gestalt mit weißem Haar, stechenden Augen, einer schmalen, gekrümmten Nase und etwas vorstehendem Kinn. Sein purpurnes Gewand lief aus in einer langen, faltenreichen Schleppe, die von einem Knaben ihm nachgetragen wurde. „Die größte Majestät der Erde, hat mich rufen lassen," sagte er, sich verbeugend. „Heiliger Vater," sagte Irene und küßte die Hand des Patriarchen, „wir brauchen Euren Nat." Und nachdem Steurakius ihm seinen Sessel zurecht gemacht und der Knabe das Gemach verlassen hatte, erzählte Irene, was ihr Steurakius berichtet. „Ich fürchte, wir haben die Heiligen gegen uns, sonst könnten die Juden nicht plötzlich so hexen," fügte sie hinzu. „Gebt Rat, heiliger Vater, wie wir sie versöhnen." „Ihr habt nur zu recht, meine hohe Tochter," erwiderte der Patriarch. „Gar ruchlos war das Treiben mit den heiligen Bildern. Doch wollt ihr die Heiligen versöhnen, so rate ich: Erlaßt ihnen alle Steuern! Stiftet ihnen Klöster! Und Güter! Und Kirchen!" „Wörtlich!" murmelte Steurakius höhnisch. \ „Wie meint Ihr, mein Sohn V Die Blicke des Patriarchen schienen den Eunuchen durchbohren zu wollen. . „So denke auch ich," erwiderte der schnell. „Das freut mich! -- Das, meine Tochter, müßt Ihr tun für die Heiligen. Für die heilige Dreifalt aber müßt ihr noch etwas ganz besonderes tun. Dann wird die Macht des Judenzaubers gebrochen sein." „Meint Ihr, heiliger Vater? Doch was könnte ich tun?" „Ich habe schon gesagt," fiel Steurakius ein, „die Juden von Byzanz müßten als Geiseln gefangen gehalten werden. Dann hätte man Sicherheit gegen den Zauber und täte dabei gleich ein gottgefällig Werk. Denn die Güter dieser Gotteslästerer könnten verwendet werden für neue Kirchenbilder." „Nicht übel," murmelte der Patriarch. „Auch gut für die Heiligen, aber nicht groß genug für Gott. Etwas Großes, sehr Großes muß geschehen, denn fürwahr, wenn die Juden, die Feinde der Christenheit, schon mit Untieren haben Bündnis schließen können, dann haben sich Gott und die Heiligen von uns abgewandt. Es wird schwer sein, sehr schwer, sie zu versöhnen. Etwas Großes! Etwas Großes!" . „Aber was?!" „Darüber werden wir beraten, Nachdenken müssen. Vielleicht, wenn die Heiligen unfern guten Willen sehen, Helsen sie uns aus eine gute Idee." „Ja, wenn sie uns doch ein Zeichen geben wollten, die Heiligen." Ein Palastsoldat trat ein. „Hund, Du wagst es mich zu stören, gegen meine Befehle. Aufs Rad laß ich Dich flechten," fuhr, ihn Irene an. „Verzeihung, größte Kaiserin. Doch draußen begehrt die Gesandtschaft von einem fremden Könige Einlaß. Sie kommen gar weit her und bringen Geschenke und wünschen mit Euch zu reden." Erstaunt blickte Irene auf Steurakius. „Von welchem König?" fragte sie dann. . Der Soldat wüßte es nicht. Steurakius ging mit ihm hinaus und kam bald zurück. Verwunderung war auf seinem Gesicht zu lesen. „Vom Chakan Bulan, dem Chazaren!" rief er. „Dem Juden?!" kam es zugleich über die Lippen der andern. Irene war sehr bleich. „Der Fluch! Die Feinde!" murmelte sie. Der Patriarch hatte.sie gehört. „Vielleicht!" sagte er. „Aber vielleicht auch das Zeichen der Heiligen!" Und seine Augen blitzten. Dann befahl er, die Gesandtschaft hereinzuführen. „Doch lasset sie draußen die Waffen ablegen," fügte er noch rasch hinzu. (Fortsetzung folgt.) Merarilchk Mittkilungm. — Der Kampf der Juden um ihre Emanzipation in Bayern. Auf Grund handschriftlichen Quellenmaterials von Dr. A. Eckstein, Rabbiner. Fürth i. B., Verlag Georg Rosenberg. 1905. Der durch seine zahlreichen, in Inhalt und Form sich gleich auszeichnenden Arbeiten über die Geschichte der Juden in Bayern hoch verdiente Rabbiner Dr. Eckstein in Bamberg hat das von ihm bearbeitete Gebiet Mieder mit einer sehr wertvollen Gabe bereichert. Er führt uns in dieser neuesten, aus den Archiven der Gemeinden Fürth, Bamberg, München rc. mit großem Fleiße geschöpften Arbeit mitten in den Kampf hinein, den die bayrische Iudenheit fast fünf Jahrzehnte um ihre bürgerliche Gleichberechtigung geführt hat. Es ist ein ergreifendes, von tiefer Tragik durchzogenes Schauspiel, das uns da entrollt wird. Eine ganze Reihe hochbegabter Männer tritt in die Arena, an der Spitze marschiert meist die Gemeinde Fürth, aber auch die anderen stehen in Reihe und Glied. Und die hier mitgeteilten Quellen sind nicht trockene Aktenstücke, sondern formvollendete Dokumente voll glühender Begeisterung und schwungvollster Beredsamkeit. Das „Edikt vom 10. Juni 1813" sollte ein „Erziehungsgesetz" sein, aber der „Matrikel-Paragraph", welcher sowohl die Eheschließungen wie die Ansässigmachung der Juden in der elendesten Weise beschränkte, wurde von Volk und Regierung mit einer Zähigkeit festgehalten, die zu den traurigsten Erscheinungen des 19. Jahrhunderts gehört. Die Gemeinden, mit Fürth an der Spitze, knirschten vor Empörung, als die Regierung nach Jahrzehnten noch nicht die geringsten Anstalten machte, dieses „Erziehungsgesetz" als den „Mohren" zu behandeln, der „seine Schuldigkeit getan". Immer wieder wird der Kampf gegen die schmähliche Stellung, die den Inden angewiesen wurde, unter rührender Assistenz hochstehender christlicher Persönlichkeiten unternommen, aber immer vergebens: die Macht wird niemals freiwillig auf ihre Vorteile Verzicht leisten und wenn sie auch tausendmal überzeugt ist, daß sie im Unrecht sich befindet. Die Macht wird immer nur der Macht weichen: das lehrt uns nicht nur Rußland, sondern jedes Blatt der jüdischen Geschichte, und das lehren auch die von Eckstein mitgeteilten Aktenstücke. Ecksteins Buch sollte darum große Verbreitung finden, es würde in dem gegenwärtigen Geschlechts das Bewußtsein erwecken, daß es ein falscher Idealismus ist, auf die immanente siegreiche Kraft des Wahren und Guten allzuviel zu vertrauen. Ties Vertrauen muß vorhanden sein, um den Kampf aufzunehmen, aber für das Recht muß immer gekämpft werden; wir dürfen die Hände nie in den Schoß legen. Ermutigung und Begeisterung zum Kampfe gegen die letzten noch immer großen Reste von gesellschaftlicher und staatsbürgerlicher Ungerechtigkeit gegen das Judentum wird jeder Leser aus dem wertvollen Ecksteinschen Buche in reichem Maße schöpfen. . . . Dr. I. Goldschmidt-Offenbach. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich Mr die Redaktton: Max Bauchwitz in Berlin.

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