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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-09 · Heft 23 (9.6.1905) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 Die grkundkne tzgndlchrikt. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. X. ■ MVZ llein saß die Kaiserin." — H- „Halt," unterbrach hier der Großvater, „Schluß für heute. Wir wollen unsdoch vor Aufregung nicht krank machen." „So gern ich die Erzählung weiter verfolgen möchte, muß ich Ihnen doch recht geben," stimmte Ludanyi bei. „Es ist schon sehr spät, übrigens — Menschen müssen das damals gewesen sein — ganz unglaubliche Bestien!" „Wieso?" meinte der Alte. Der Chazarenkönig zum Beispiel ist mir sehr sympathisch." „Ja, ja! Aber Irene. Ein menschliches Scheusal!" „Nicht doch! Nur ein weiblicher Antisemit der damaligen Zeit." ' „Aber erlauben Sie, mein Herr! Antisemit sein heißt doch nicht gleich ein — eine Irene sein." „Ich meine doch ja! Irene war die Verkörperung des Antisemitismus in allen Stadien. Sie haßte, die Juden, weil sie sie fürchtete, wie ein Teil der Antisemiten heutzutage, sie haßte die Juden aus Geschäftsgründen, wie ein anderer Teil unserer Modernen und schließlich läßt sich ihr Haß auf Fanatismus zurückführen, wieder wie heute. Nur aus Ueberzeugung haßte sie nicht : ganz und gar modern." Ludanyi sah den Sprecher groß an. „Sie glauben, Antisemiten aus Ueberzeugung gibt es nicht?" fragte er. „Das glaube ich! So wahr mir Gott helfe!" versetzte der Alte feierlich. „Zeigen Sie mir einen! Ich glaube Herr Graf, Sie selbst gehören zur sogenannten „Antisemitischen Partei." Und ich glaube, nein, ich bin überzeugt, Sie glauben, Sie sind überzeugt. Sie sind, wenigstens ein ehrlicher Antisemit, glauben Sie. Doch sagen Sie mir offen: Warum sind Sie Antisemit?" - Mariä und Joseph waren zu gleicher Zeit auf den Beinen. „Aber nicht doch solche häßliche Diskussion," sagte sie und Joseph fügte hinzu : ' „Ich gehe schlafen, kommst Du mit Großvater?" Er ging natürlich mit und so wurde eine Unterhaltung abgebrochen, die anfing, gefährlich zu werden. Dennoch machte der Alte dem Enkel heftige Vorwürfe deshalb; der Vater aber meiute zur Tochter: „Es war ganz gut, daß Du dazwischen kamst. Denn wie dem Alten seine Frage ehrlich zu-beantworten, das hätte ich wirklich kaum gewußt." „Aber warum bist Du wirklich Antisemit?" fragte Maria. „Jetzt fang' Du auch noch an," ineinte ihr Vater ärgerlich. „Beinahe weiß ich's selbst-nicht. Ich war immer überzeugt davon, daß die Juden nichts taugen. Man hört soviel —und liest soviel,'— na — und so. Aber alles was wahr ist, diese beiden sind ganz nette Kerls. Und namentlich der Alte. Der, weißt Du, Maria — der imponiert mir." Am nächsten Tage war alles beim Alten und die Lesung nahm ihren. Fortgang. „Allein saß Kaiserin Irene von Byzanz beim Mahle. Ein finsterer Ausdruck lag auf ihrem schönen Gesicht, ihre hohe Stirn zeigte tiefe Falten. Da schreckte sie empor. Laute Stimmen,'streitend, drangen an ihr Ohr. Aergerlich verließ sie ihrerr Sitz und eilte zum Vorhang, der den Eingang zu ihrem Gemach verdeckte. „Wer wagt es, mich zu stören, wenn ichallein sein will?/' rief.sie in die Halle hinein. „Bei meinem Zorn, laßt ihn herein, Soldaten. Dann kann er schauen, wie er wieder hinauskommt!" Wenige Minuten später trat Steurakius ein. „Sieh' da, mein Freund Steurakius. Wäret Jhr's vielleicht, der den Höllenlärm vollführte?" „Verzeihet, großmächtige Kaiserin, wenn ich es wagte,' trotz Eures Verbotes zu Euch vorzudringen. Ich mußte Euch sprechen, sofort!" Ich bringe wichtige Nachricht." „Schon gut, schon gut, Steurakius. Doch ist es gut, daß gerade Ihr es seid. Jeden andern hätte es seine Ohren gekostet. Was ist die Nachricht?" „Nicht sehr gut. Unser Plan ist mißlungen." „Welcher Plan?" „Der mitdem Untier, der Rachel und dem Patrizier." „Was sagt Ihr? Will das Untier sie nicht zerreißen?" „Schlimmer denn das. Ein Zauber, ein unverständlicher. Doch laßt Euch berichten, große Majestät. Es fiel mir heute ein, mich nach unseren Gefangenen umzusehen. Denn der Sklave hatte mir täglich berichtet und täglich ward sein Bericht unliebsamer. Es schien, das Untier wolle den Gefangenen nichts zu Leide tun. Gestern nun nahm der Sklave eine Eisenftange mit und geißelte das Untier, um es zu reizen. Er glaubte bestimmt, es würde dann endlich seine Pflicht erfüllen. Daher sah ich mit Spannung seinem heutigen Bericht entgegen, Aber er kam nicht, ließ sich nicht blicken. In Zorn sandte ich einen Boten in seine Behausung; er war nicht da. Ueberall ließ ich nach ihm forschen; er war nicht zu finden. Da nahm ich denn zwei'von den Leibsoldaten mit mir und stieg hinunter in das Gewölbe. Ich wollte mich mit eigenen Augen von dem Stand der Dinge überzeugen. Unten angelangt, steckte ich den Schlüssel in das Schloß, es gab meinem Druck nicht nach. Und allen Heiligen danke ich dafür! Als es auch einem der Soldaten nicht besser erging, untersuchten wir und fanden, daß das Gewölbe gar nicht verschlossen, sondern die Tür nur von außen mit der eisernen Kette befestigt war. Einer der Männer öffnete. Doch noch ehe wir andern wußten, was geschah', hatte sich etwas auf den Eintretenden gestürzt; wir hörten ein gräßliches Geschrei und ein Stöhnen, dann spritzte Blut im Bogen auf unsere Kleider und ins Gesicht. Schnell hatte der andere Soldat sein Schwert gezogen und hieb ein auf den Gegner, der von seinem Opfer allließ. Noch ein Stich und er rollte auf den Rücken. Es war das Untier. Auch der Soldat war tot, fürchterlich verstümmelt. Zitternd vor Schrecken drangen wir ins Innere des Gewölbes. Der Käfig war leer, die Tür offen, die Kette gesprengt und von Rachel und dem Patrizier — keine Spur zu entdecken." - Irene war sehr bleich geworden. „Das ist Zauber, das ist Hexerei," sagte sie mit leiser, bebender Stimme. „Das alte Weib; der Fluch! Und jetzt dieses Wunder! Können sie denn alle hexen, diese Juden?! Sogar mit Untieren stehen sie im Bunde! Steurakius, mir wird bang!" „Auch mir!" gestand Steurakius. „Dürste ich einen Rat erteilen, ich würde sagen: Ergreift wiederum alle Juden zu Byzanz" — Irene schüttelte lebhaft das Haupt — „und behaltet sie als Geiseln gegen die Zauberei der Juden," fuhr Steurakius unbeirrt fort. „Ja so! Das wäre! Doch ists immer sehr gewagt. Denn daß sie mit dem Teufel im Bunde stehen, das haben wir doch

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