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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-09 · Heft 23 (9.6.1905) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 hier allein für uns in Betracht kommt, ringt der der Konflikt zum Ausdrucke, welcher in der-Seele des modernen jüdischen Deutschen entsteht, dem Haß und ein überhitztes/ verzerrtes Rassegefühl das Recht bestreiten will, Deutscher zu sein und sich Deutscher zu nennen. Vor allem bildet in dem ersten Teile „Lieder eines Semiten^ diese eben gekennzeichnete' Gefühlsskala das Leitmotiv. Im zweiten Teile läßt Löwenbergernste-und liebliche Gestalten aus der jüdischen Vergangenheit erstehen und widmet Pietätvoll seinen Kranz den Manen Heines, während der dritte Teil von echt-jüdischem Familiensinne belebt ist und Stimmungsbilder von. ergreifender Innigkeit bringt. Der Versuchung, von den zahlreichen Gedichten Löwenbergs, die sich ebenso mannhaft wie formvollendet - gegen „die größte Schmach des Jahrhunderts"' wenden, eines zu bringen, will ich-um der Tendenz willen widerstehen und lieber das folgende, tendenzfreie, gemütvolle Poem als Stichprobe geben: Sabbatruh. In meines Lebens wilde Stürme' Bricht oft ein Friedensklang herein, Da muß ich meiner Mutter denken, " Und alle. Schmerzen schlafen ein. 'Und mild seh' ich's von ferne leuchten, Ich ziehe aus die Wanderschuh' . Vor meiner Kindheit heil'gem Boden — Willkommen, süße Sabbatruh! Vom kleinen Zimmer strahlt die Lampe, Die siebenarn^ge, hell hinaus, Und vor ihr steht die Mutter betend ' : Und breitet ihre Arme aus. Des Lebens staubbedeckte Sorgen . Verschloß sie in des Werktags Trnh,; Und frei und fröhlich jauchzt die Seele: O Licht und Freud' und Sabbatruh! So hoffte sie von Woch' auf Woche, -- So ging sie ihren Pilgerpfad, So trug sie leicht die schwerste Bürde; ■ Und als der Tod sich ihr genaht, Ein Lächeln überflog ihr Antlitz, Sie schloß die müden Augen zu Und sang — tat sich schon auf der Himmel? — „O Licht und Freud und Sabbatruh!" In meines Lebens wilde Stürme - Vriäst oft ein Friedensklang herein. t. Da muß ich Dein, o Mutter denken, Und alle Schmerzen schlafen ein. Und ^mir aufs Haupt, wie einst vor Jahren, Legst linde Deine Hände Du, Und mich umfängt wie Muttersegen Ein Ahnen ew'ger Sabbatruh. Löwenberg fühlt sich eben so sehr als Deutscher, wie als Jude. Bei ihm ist, wie er selbst sagt „Jude und Deutscher nie in Zwiespalt geraten." Er fühlt sie „als eine Einheit, wie ein Wasser, das aus zwei Quellen entsprungen, als Ganzes dahinfließt." Er gibt in seinen Dichtungen die Gefühle und Bestrebungen des mit der westeuropäischen Kultur groß gewordenen und verwachsenen Judentums wieder. Ganz anders tritt uns der im Jahre 1862 in Russisch- Polen geborene Morris Rosenseld, wohl der bedeutendste lebende jüdische Lyriker, in seinen „Liedern des Ghetto"') gegenüber. Rosenfeld ist der typische Vertreter des osteuropäischen V Lieder des Ghetto von Morris Rosenfeld. Autorisierte Uebertragung aus dem Jüdischen von Berth. Feiwel, mit Zeichnungen von E. M. Lilien. Berlin 1902. Judentums, das fester und treuerin der Tradition wurzelt, dessen ganzes Fühlen und dessen ganze Weltanschauung erschütternd und tragisch aus seinen wuchtigen, leiderfüllten Gesängen uns entgegentönt. Rosenfeld leidet noch unter'dem Drucke des Ghettos, dessen Misere er in Rußland sowohl wie in Amerika voll ausgekostet hat. Sein schon erwähntes Werk „Lieder des Ghetto", vor einigen Jahren im Jargon erschienen und von dem Schriftsteller Berthold Feiwel in kongenialer Weise ins. Deutsche übersetzt', ist unter Schmerzen, Arbeit und Ent? behrungen geboren und stellte den Dichter mit einem Schlage in die erste Reihe der jüdischen Lyriker. Es ist das Werk eines Dichters, dem die Gottheit die Gabe verlieh, zu sagen, was er erlebte'und erlitt. Das einleitende Gedicht gibt das Leit- und Grundmotiv der Gesänge, ihr dunkles, schwermütiges Kolorit, ebenso ergreifend wie erschöpfend wieder. " Mein Lied. O glaubt, kein goldnes Instrument Stimmt meine Kehle zum Singen. O glaubt, kein Wink von oben läßt Meiner Leier Saiten erklingen. Doch der Sklave, der seufzt, und der Sklave, der stöhnt, Der weckt in mir die Lieder, , ltnd flammend erwacht in mir ein Sang Für meine armen Brüder. Dafür vergeh' ich vor meiner Zeit, Dafür verbrauch ich mein Leben, Was können mir für einen Dank Die armen Leute geben? Sie geben für-Tränen Tränen her, Sie können nicht anders mich lohnen, Ich bin ein Tränen-Millionär Und beweine die Millionen. Wir Juden verstehen ohne weiteres, daß aus dem Boden des osteuropäischen Judentums nur ein Dichter entstehen kann, dessen Leier Töne der Klage, der. Anklage, der Wehmut entströmen können. Lieder, die Wein, Weib und Gesang zum Gegenstände haben, die erfüllt und berauscht sind von dem farbigen Reiz und Wechsel des vielgestaltigen Lebens, suchen wir vergebens bei Rosenseld. Aber Lieder von der Arbeit, der Mark und Seele verzehrenden Arbeit, Lieder des Volkes, welche in schwermütigen Weisen den melancholischen Reiz der jüdischen Feste feiern und der Sehnsucht nach Zion ergreifenden Ausdruck verleihen, Lieder der Wehmut und der Resignation über das trübe Geschick der Glaubensgefährten finden wir. Doch diese Lieder sind stark, sind ursprünglich, das schwere Leid, die Empörung, welche den Dichter ob all der Quäl itnb des unverdienten Unrechtes, die ihn und seine Brüder treffen, scheinen oft den Deckel des Buches zu sprengen. Es klopft und glüht ein warmes Dichterherz in jedem Worte. Diese Ausführungen über die zeitgenössische jüdische Lyrik können nur andeutend, hinweisend und anregend sein. Sie sollten dartun, daß jetzt, wie auf verschiedenen anderen Gebieten der Künste, auch in der Lyrik tüchtige Kräfte am Werke sind, welche den ästhetischen Erzgehalt des Judentums'ausmünzen helfen. Und ich meine, daß wir Juden, die jedem ehrlichen künstlerischen Streben und Können stets Anerkennung, Teilnahme und Förderung, oft über das richtige Maß hinaus, zuwandten, den lebenden und strebenden jüdischen Künstlern gegenüber, besonders denen, die Künstler und Juden zugleich sind, in besonderem Grade zu dieser Teilnahme und Förderung verpflichtet find. - „

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