Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-• 273 -- Schutzlose angegriffen und zu Boden geschlagen. In staatlichen Verkaufsstellen wurden diese Bestien mit Branntwein bewirtet, und die Truppen nahmen den Juden die Waffen fort, um sie leichter töten und quälen zu können. Mit folgenden, von edler Entrüstung glühenden Worten schließt Professor v. Reußner seine Darstellung: „Ich weiß nicht, was sich dem noch hinznfügen ließe. Mich wundert es nur, daß der Himmel über Europa sich nicht aus Scham über den russischen Absolutismus gerötet hat. Mich wundert es, daß es in Europa noch Juden gibt, die nicht fluchen, die vor Schmerz bei den Nachrichten über diese Mordtaten nicht weinen, daß es hier in Europa noch Freunde und Verbündete desrussischen Selbstherschertums gibt. Das eine weiß ich: dieser schreckliche Schandfleck, der die Blätter der russischen Geschichte besudelt, kann durch nichts ausgelöscht werden und wird in alle Ewigkeit nicht verschwinden . . Lrtrschtungen über Milche Lyrik. Von Dr. S. Apfel-Barmen. as Judentum hat zu allen Zeiten in seiner wechselvollen Geschichte gleichsam den Kulturpegel für jedes Land, in welchem Inden lebten, abgegeben, oder besser gesagt, leider abgeben müssen. Wir können diese Tatsache ebensogut an der traurigen mittelalterlichen Geschichte der Juden, wie auch an der Geschichte der jüngsten Vergangenheit Nachweisen. Wir setzen diese Tatsache voran, weil wir darin eine der Hauptursachen erblicken, daß das jüdische Volk nach seiner Zerstreuung infolge dieser passiven, traurigen Rolle keine große, selbständige Kunst hervorbringen konnte. So dankbare und zahlreiche Motive auch die dunkle, wechselreiche jüdische nachexilische Geschichte den Dichtern und Künstlern aller Gattungen darbot, dem Judentum selbst, seinem durch fremde Schuld geschwächten Volksorganismus war das schönste Ziel der nationalen Arbeit, große, künstlerische Persönlichkeiten aus seinem Schoße hervorznbringen, bis in das vorige Jahrhundert hinein verwehrt worden... Aber stets ruhte im Grunde der jüdischen Volksseele eine starke, oft unbewußte Sehnsucht nach künstlerischer Betätigung, welche, unterbunden, fast immer in dem Gebiet des Religiösen Ersatz suchte und fand. Hier hatten unsere Altvordern allerdings eine große, vorbildliche Kunst geschaffen, die über alle Zeiten in unvergänglicher Kraft hervorragte, die religiöse Lhrik, die zugleich eine Naturpoesie von seltener Schönheit und Schlichtheit ist. So wie die Religion des alten Israel, trotz Delitzsch, wohl einer der mächtigsten und einflußreichsten Kulturfaktoren für alle Zeiten gewesen ist und bleiben wird, so vorbildlich und unzerstörbar wirkt auch die altjüdische Lyrik nach, deren Pathos, deren elementare Bildkraft und ethische Weihe von keinem besser gewürdigt worden ist, wie von Johann Gottfried von Herder, und die wir in Nietzsches „Zarathustra" klopfenden Herzens wieder begrüßen können. Wenn wir von Jehuda Halevi und Heinrich Heine, den wir getrost als jüdischen Lyriker ansprechen dürfen, und von dem ich behaupte, daß man Jude und Deutscher zugleich?ein muß, um feines, dichterischen und menschlichen Wesens tiefster und bester Art gerecht zu werden, absehen, ist die Ausbeute auf dem Gebiete der spezifisch-jüdischen Lyrik bis vor wenigen Dezennien eine sehr geringe. Erst die letzten Jahrzehnte haben die Vorbedingungen geschaffen, um heute mit einer gewissen Berechtigung von einer jüdischen Kunst und damit zugleich auch von jüdischer Lhrik, die einen wesentlichen Teil derselben darstellt, sprechen zu können. Das jüdische Naturell ist von jeher gerade für diese Kunstgattung besonders empfänglich gewesen, und man darf behaupten, daß der Grundton der jüdischen Volksseele mit ihren zahllosen Stimmungswerten ein vorwiegend lyrischer ist. Gerade die Gegenwart aber, welche, parallel mit dem allgemeinen Kulturstrom, das Judentum in lebhafte soziale und nationale Strömungen hineingezogen hat, welche wieder ein starkes historisches Gefühl innerhalb des Judentums, ein kräftiges, jüdisches Selbstgefühl erweckt hat, hat uns, wie auf fast allen künstlerischen Gebieten, so auch in der Lhrik Männer geschenkt, welche ebenso selbstbewußt ihre Kunst, wie ihr Judentum betrachten und behandeln und letzterem wertvolle ästhetische Anregungen entnehmen. Vor allem auf dem Gebiete dieser subjektivsten aller Künste mußten die zahlreichen Empfindungs- und Stimmungsskalen unserer Zeit, zumal die beiden, das Judentum hauptsächlich aufwühlenden Bewegungen, der Antisemitismus aus der einen, der Zionismus auf der anderen Seite, kraftvoll zum Ausdrucke drängen. Wohl keine Zeit hat so viele Lyriker von spezifischjüdischer Art hervorgebracht, wie die Gegenwart. In erster Linie ist es der Zionismus, der mit seinen etwas unklaren, romantischen Zielen eine besonders starke Anziehungskraft auf die junge, künstlerische Phantasie ausübte und derselben ein altehrwürdiges Symbol sowohl, wie ein neues Ideal darbot. Es liegt etwas durchaus Typisches in der jungjüdischen Lhrik, welche stolz auf den alten Adel des Judentums von heißer Sehnsucht nach dem Lande und Besitze der Urväter erfüllt ist. Wenn ich aus der überreichen neuzeitlichen Literatur nur das folgende Gedicht von Heinrich Grünau^ herausgreife, so geschieht es nur, weil in demselben die Tendenz weniger scharf, aber doch deutlich und allgemein bezeichnend genug hervortritt. Jung-Juda! O du des alten Stammes zarte Blüte Im neuen Frühling zauberhaft ersprossen! In deinem reinen, knospenden Gemüte Liegt unser künftiges Geschick verschlossen . . . Seit Zions leuchtend Morgenrot erglühte, Blühst du empor, von Hoffnungsglanz umflossen, Und kündest stolz ein herrliches Entfalten, Ein neues Werden, Keimen und Gestalten! Du kündest, daß ein junger Mai gekommen, Des Hauch die eisige Erstarrung bannte — Daß schon die morsche Rinde weggenommen, Die Judas Baum jahrtausendlang umspannte — Daß neue Blütensehnsucht rings erglommen. Daß alles sich zum neuen Leben wandte. Und daß der ganze Stamm, der tot geschienen! Aufs neu' beginnt zu sprießen und zu grünen! Die Einpfindungen und die Gefühlswelt des westeuropäischen Judentums scheinen mir aber vollkommener, geschlossener und männlicher aus den Dichtungen des in Hamburg lebenden und wirkenden Jakob Lö we n b e rg entgegenzuklingen, der sich bereits durch Werke verschiedener Art eine allgemeine literarische Anerkennung und Beachtung in Deutschland erworben hat. Der Dichter, ein Sohn der roten Erde und eines frommen, einfachen, jüdischen Ehepaares, hat in seiner Dichtung und durch diese glücklich jene Harmonie gefunden, welche so mancher deutsche Jude schmerzlich vermissen muß. In seinem Werke „Aus jüdischer Seele",?) das y Aus: Gedichte und Lieder von Heinrich Grünau. Antwerpen. 1900. 2) In zweiter Auflage erschienen Hamburg 1904.