Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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W«»-" * *.'j*wm niT-wgr^p) worden. Wenn man den mächtigen Auswandererstrom betrachtet, der in den letzten zehn Jahren allein eine Million Juden exportiert hat, der jetzt aber ein rasendes Tempo - angenommen hat, das ewige Hin- und Herfluten, die Willkür, den Zufall, das Planlose dabei, und sich nun vorstellt/ daß hierin Ordnung geschaffen werden soll, so kann man diese hochherzige Idee nicht freudig genug begrüßen. Wohltuend berührt einen dabei die Zentralisierung, das Zusammengehen der verschiedenen Verbände, und in der Tat kann nur auf diesem Wege etwas Positives geschehen. Die Auswanderungsorganisation wird sich wohl vornehmlich auf die Emigration nach Amerika, d. h. nach den Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien rc. richten, und da wäre allerdings zu bedenken, ob nicht ein schwerer Fehler hiermit gemacht wird, ob die zu große Anhäufung von Juden in einem Gebiete, einem Erdteil, und wäre er noch fo groß, nicht wieder zu einer so erheblichen Massenkontingentierung wie in den Ansiedlungsrayöns Polens und Rußlands führen wird. Man bedenke, daß Newhork jetzt schon die größte Judenstadt der Welt ist! mit 700 000 Juden. Jetzt schon herrscht dort unbeschreibliches Elend, wachsende Not auf der einen Seite, steigende Erbitterung der einheimischen Bevölkerung andererseits, die zurückgedrängt und in ihrem Berufe und Erwerbe durch eine unterbietende Konkurrenz ä 'tont prix geschädigt und bedroht wird. Wie leicht können, ja müssen Rückschläge eintreten! Schon jetzt werden die Einwanderungsbestimmungen schärfer ängezogen und ähnlich wie in England Fremdengesetze d. h. Verbote geplant. Und, wenn es sich verwirklichen sollte, daß, wie es heißt, jeder Eingewanderte nach zwei Jahren ausgewiesen werden kann, wenn er unterstützt worden war, so wäre ja in der Tat eine solche Rechts- und Existenzunsicherheit einem förmlichen Einwanderungsverbot an Wirkung völlig gleich. Die Vereinigten Staaten, die an den 10 Millionen Negern einen schwer verdaulichen Bissen haben, können an halbzivilisierten Juden, dazu meistens Paupers, nicht so sehr vielmehr in ihren Wirtschaftskreis aufnehmen. — Kanada sperrt bereits jetzt die Grenzen. — Südamerika kommt wegen klimatischer Uebelstände und Rückstände in der Kultur nicht sehr in Betracht. — Die von Baron Hirsch mit so großen Kosten und Mühen inszenierte , Argentinienbewegung ist nicht die Opfer wert gewesen. Vielleicht vegetieren dort zehntausend Juden; das ist alles in Jahrzehnten. Soviel hat Palästina mit erheblich kleineren Kosten und mit kleinem Apparat auch ausgenommen. — Einen Teil werden die englischen Kolonien in Afrika und Australien beherbergen. Doch kann es sich nur um einen kleinen Bruchteil handeln, also die brennende große Frage auch nicht annähernd lösen. Wohin also? — Es ist nun wunderbar, daß an das Nächstliegende, an Europa selbst, garnicht gedacht wird. Betrachten wir die winzigen Bevölkerungsziffern in den skandinavischen Reichen, in England, Frankreich, gar Italien und auch Deutschland, wo den Juden doch verhältnismäßig große Freiheiten und Bildungsmittel und nicht zuletzt auch Existenzmittel zur Verfügung stehen könnten, so muß man sich mit Recht fragen, warum die armen Emigranten Tausende von Kilometern in gefahrvollen, strapaziösen und kostspieligen Reisen nach fernen Weltteilen und Zonen verschleppen, wo für viel geringere Kosten viel Näherliegendes vorhanden ist. —- Hier muß die Organisation der Auswanderungssrage einsetzen. Hier kann ein zweckmäßiger Verteilungsmodus unter die verschiedenen Staaten Europas stattfinden, hier kann man die Erfolge auch besser kontrollieren als in einem fernen, unbekannten Argentinien. Die Sprache dürfte kein Hindernis sein; es ist an. und für sich gleich, ob die Emigranten italienisch, französisch, spanisch oder englisch lernendeutsch oder jüdisch-deutsch verstehen.sie meistens sowieso. — Natürlich darf man nicht den Fehler machen, die Aus- Wanderer einfach in Atome zu teilen, indem man sie etwa einzeln überall hin versprengt und ihr Glück -versuchen heißt. Der Jude ist durch Gewohnheit und seine- Zeremonialgesetze' auf ein gemeinschaftliches Zusammenleben mit anderen Juden angewiesen, er muß, um als Jude zu existieren, Anschluß' haben an Glaubensgenossen, deswegen drängt er sich zu den ' bereits vorhandenen Kontingenten, weil er sich da z. B. in Newyork oder London wie zu Hause, in seiner Ghettoheimat fühlt. Mit diesem Instinkt und dieser Notwendigkeit muß man rechnen. ' Man muß daher in Gegenden, wo Juden fast gar .nicht vorhanden sind, nur ganze Kolonien verlegen, - Juden aller möglichen Berufe und Stände, Handwerker, Kaufleute, Akademiker, wie Aerzte und eventuell Landwirte; die finden dann an einander einen Halt und können sich in der neuen Heimat leichter einleben. Deren nachfolgende Generation wird sich dann schon allein mit den anderen ' amalgamieren. - ' - Europa kann mehr als 7 Millionen Juden beherbergen, die jetzt in falscher Anhäufung in Osteuropa soviel Beschwerden und Unzuträglichkeiten verursachen. Auch' Deutschland ist noch lange nicht übersättigt. Durch die planmäßige Verteilung in Europa vermeiden wir zunächst nur die Uebersüllung Amerikas,, die sowieso schon durch die natürliche Vermehrung der dorthin eingewanderten droht. Sodann entlasten wir natürlich Osteuropa, dessen .Halbkultur in der Tat nicht der geeignete Boden zu sein scheint, für die tatkräftige, geistig rege . Volksmasse der Juden und deren ungehinderte Entwicklung auf Kosten der roh und knechtisch hinvegetierenden stavischen Einwohner vor sich gehen würde. Schließlich aber verjüngen wir die stark assimilierten Juden Westeuropas, die ohne diesen Nachschub sich allein überlassen, in absehbarer Zeit für das Judentum aussterben, d. h. sich austaufen würden. Tatsächlich geht hier die jüdische Bevölkerungsziffer zurück, die Geburten bleiben hinter denen in anderen Konfessionen erheblich zurück; nur durch das Lebenbleiben der sorgfältiger behandelten Säuglinge und Greise ist die Kopfzahl nicht zu erheblich herabgemindert. Die Anzahl der wirklich erwerbsfähigen Juden sinkt dabei natürlich und zudem sind sie noch belastet mit der Sorge und Fürsorge für die hilflosen Kinder und Greise. Dies ist teils ein physisches Degenerationszeichen, teils eine Folge des wachsenden Wohlstandes. Durch Mischehen (in Berlin 15 Prozent), durch Kindertausen und Selbstübertritie geht eine .große Zahl verloren; der Jndifferentismus wächst mit der zunehmenden Bildung, die Entfremdung von dem eigentlichen Wesen der jüdischen Religion droht immer stärker. zu werden. Ein Phantom wie das zionistische Programm ist für die Gebildeten, speziell die akademische Welt, der einzige positive Halt, die jüdische Religion und deren Bräuche für Akademiker und besonders den jüngeren Nachwuchs so gut wie gar nicht mehr. '■ Nur die starren Dogmen der herrschenden Religionen, die der Jude nicht annehmen kann oder will, halten ihn noch vom Abfall zurück. Da, ist Nachschub von dem urwüchsigen Boden der halbasiatischen Juden dringend notwendig, der dann eventuell seiner Zeit in spätern Generationen wieder Nachschub bedürfen wird. Denn die Assimilation oder nach andern Dissoziation (Auflösung) ist zwar eine prangende Blüte, aber selten bringt sie eine Frucht für das Judentum hervor, meistens wird sie von Fremden gepflückt, oder welkt und fällt bald ab. — Natürlich brauchen wir bei der Aufteilung nicht Palästina mit Syrien, zu vergessen, wohin überhaupt die Neigungen der Exulanten Hinweisen, und wo bereits eine große Menge lebensfähiger Kolonien entstanden sind und die verwilderten, von früher her