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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-09 · Heft 23 (9.6.1905) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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■■■■/ . ■ -— 269 -— ' , ' i „Gedenke des Sabbattages, daß Du ihn heiligst." Grade in unserer Zeit mit ihrer atemlosen Hast verdient das Wort ernste Befolgung. Wollen wir uns gesunde Arbeitskraft an Körper und Seele wahren, dürfen wir das Ruhebedürfnis nicht mißachten. Freilich müssen wir auch unsere Ruhe durch Erhebung des Geistes zu Gott, dem Urquell unseres Seins, zu einer wahrhaft heilvollen und gesegneten zu gestalten wissen. Nur dann, wenn unsere Rast eine sabbatliche, durch den Frieden der Religion geweihte ist, wird sie die Zeitkrankheit der Nervosität erfolgreich bekämpfen. Wo aber nach der der Arbeit nicht Sammlung, sondern Zerstreuung, nicht Einkehr in unser Seelenheiligtum, sondern Ausgang zu Lust und Lastern die Losung ist, da wird die Unterbrechung der Arbeit nur ein neuer Quell der Ermattung und Erschlaffung. „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter." Man klagt über das Schwinden der Pietät, über den Mangel an Ehrerbietung j vor dem Alter und dem Alten bei der heutigen Jugend. ' Weil uns die rechte Sabbatweihe geschwunden ist, sank auch 1 allgemach der zarte Sinn für das Verehrungswürdige, i Der Sabbat war die Sonne, welche die häuslichen Tugenden > früher so recht eigentlich zur Reife brachte. Uns fehlt solcher - Sonnenschein — vielleicht daß man darum, gleichwie nach einem verlorenen Glück, nach Heimsinn und Heimatsliebe ausschaut — auf allen Gebieten der Kunst. „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen." Sei wahr und wahrhaft, .in Wort und Werk, habe den Mut eigner Meinung, sei frei von Verstellung, sei treu gegen deine Ueberzeugung. In der Erfüllung dieser Forderung zeigt sich dein sittlicher Ernst, bildet sich dein Charakter. Vor allem aber sollen die Männer, die einem öffentlichen Lehramt bienen, dieser Mahnung eingedenk bleiben. Ihnen gilt das strenge Gebot des Propheten: „Wer aber mein Wort hat, der künde mein Wort in Wahrheit." „Du sollst nicht gelüsten." Ins Heiligtum der Gesinnung führt der letzte der zehn Aussprüche. Mit Unrecht hat man Israels Religion der Werkheiligkeit und der Veräußerlichung | geziehen. Ihr Streben ist, das Genrüt zu einem Tempel i Gottes zu gestalten. Alle Satzungen dienen diesem Ziele, sind! Mittel und Wege zur' Herzensheiligung. In der Erfüllung! dieser letzten Gottesforderung liegt der Gipfel der Frömmigkeit. So sehen wir denn, daß Reinheit in Tat und Gedanke, in Wort und Willen das Ideal des Zehnworts ist. Das hat fromme Versenkung in Israel auch schon in alter Zeit richtig gefühlt. Aus solcher Erkenntnis singt der Psalmist: „Wer darf hinansteigen seinen heiligen Berg, wer bleiben an seiner heiligen Stätte? Wer rein an Händen und lauteren Herzens ist, nicht trägt nach Eitlem Lust.und nicht zum Truge schwört. Der empfing Segen vom Ewigen und Liebe vom Gotte seines Heiles." „Du sollst nicht töten." Die Familie ist der Hort des Lebens. Sie muß der Kräftigung auch des leiblichen Lebens durch Mäßigkeit und Abhärtung, durch Körperpflege und Leibesübungen Aufmerksamkeit schenken. Es gilt alle Gewohnheiten und Einrichtungen zu meiden, die zur Verkürzung oder Herabsetzung eines Menschenlebens beitragen könnten. Unsere älteste Religionsquelle gibt wichtige Lehren der Volksgesundheitspflege und ganz im Sinne dieser Satzungen predigen die Späteren: Das Wort: Sorget gar sehr für Eure Gesundheit, ist ein wichtiger Grundsatz der Thora. „Du sollst nicht ehebrechen." Zuchtlosigkeit vor oder in der Ehe, unkeuscher Wandel ist wohl das schlimmste Gift für Volkswohlfahrt. Darum mahnt die Schrift: „Nach den Greueln des Landes Kanaan, dahin ihr kommt, sollt ihr nicht tun." Jüdische Frömmigkeit verstand sich zu allen Zeiten vor allem als Selbstbeherrschung und Lebensheiligung, und noch der letzte unserer großen rabbinischen Gesetzesforscher, der von allen Richtungen wegen seiner sprudelnden Gedankenfülle und urwüchsigen Geisteskraft verehrte Verfasser des Choreb, schreibt: „Nur im heilig-starken Körper lebt heilig-stark der Geist und kräftig!" „Du sollst nicht stehlen." Wie ein Leuchtturm steht dieses Wort auf dem wogenden Meer unseres sozialen Lebens. Eigentum ist Gottesordnung; doch bei Erwerbung und Wahrung des Besitzes darf der heilige Gottesgeist der Gerechtigkeit nicht fehlen. Auch in dieser Hinsicht läßt sich von Mose und den Propheten viel lernen und Einsichtige preisen denn auch die Vorzüglichkeit unserer alten wirtschaftlichen Gesetzgebung und huldigen demutsvoll der sozialreformatorischen Weisheit der biblischen Gottesmän'ner. Iüdilchk Organilationsideen. Von Dr. I. Lewy-Danzig. 11. H^ir kommen nunmehr zu der Hauptmaßregel politischer Natur, die jetzt im Vordergründe des Interesses steht, — zu der Auswanderungsfrage. — Bekanntlich ist durch die Jnitative hochherziger Phitantropen wie z. B. Consul Simon, ein Kongreß der wichtigsten Hilfsvereinigungen, des deutschen Hilfsvereins, der Alliance-Jsraelite, des Weltordens Bnai-Brith, der „Jka", zusammengetreten, um die dringende Auswanderungsfrage der Juden ans Osteuropa in Angriff zu nehmen. Die russische Negierung hat durchaus kein Hehl daraus gemacht, daß sie ihre Millionen jüdischer Untertanen, denen sie keine Menschengeschweige denn Bürgerrechte einräumen kann oder will, zu einem Drittel zur Taufe, zu einem andern Drittel zur Auswanderung zwingen will. — Europa sieht sich hiermit vor einer Aufgabe, die ihresgleichen in der Weltgeschichte nicht hat. Denn was. ist der Exodus von Aegypten gegen die viel gewaltigere Masse von Millionen Russen, Rumänen und Galiziern, die evakuiert werden und noch dazu unbekannt wohin! Freilich stehen uns heute auch andere Verkehrsmittel und -wege zu Gebote. Trotzdem ist diese Aufgabe eine schier verzweifelte und es gehört schon ein jüdischer Optimismus dazu, überhaupt anzufangen. Die Emigration soll nun reguliert, einheitlich, zielbewußt und erfolgreich gestaltet werden. — Es war zuerst der Bnai-Brithorden, der auf Betreiben des Konsul Simon in Hannover eine internationale Konferenz der großen jüdischen Verbände ins Auge faßte, dazu Einladungen ergehen ließ und dann zusammen mit dem deutschen Hilssverein, der schon selbst aktionslustig bereits zur selben Zeit einen eigenen Vorstoß unternommen hatte, für Deutschland das Mandat erhielt, die Auswanderung, zu regeln. Es sind zunächst ein internationales Komitee, ein deutsches Zentralkomitee, Grenzkomitees und Auskunftsbureaus für zweckmäßige Reiseausstattung gebildet

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