Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWWWAM ansässigen Juden veredelt haben. Leiderverbieten bereits die Befehle des Sultans trotz aller Liebenswürdigkeiten für zionistische Führer die Einwanderung. Ja selbst in Rußland ist noch eine andere. Verteilung möglich und anzustreben. Einmal werden die Grenzen des Rayons doch erweitert werden, wofür ja schon Anzeichen vorhanden sind. Es wird nach den äußern und innern Krisendie. dieses Reich jetzt durchzumächen hat, auch dort allmählich zu einer .Art von Verfassung und damit zu einer gewissen Emanzipation der Juden kommen, und dann werden sich von selbst die Berufe und die Wohnplätze der Juden erweitern. Aber auch jetzt ist es möglich, Akademiker, Handwerker, frühere Soldaten als Privilegierte aus den Rayons herauszubringen in das übrige Reich, nur muß man sie nicht isoliert unter eine erdrückende Anzahl Andersgläubiger werfen, sondern auch hier kolonieweise Vorgehen und einen jeden durch den anderen widerstandsfähiger, existenzfähiger machen. (Schluß folgt.) „haut die Juden!" So lautete die Parole des frommen Rußlands am Osterfeste, so wird sie auch am lieblichen Pfingstfeste lauten. Und unsere unglücklichen Brüder, die in den Pessach-Tagen gezittert, die in den Sefirahwochen gebangt und geklagt, sie werden auch das Schewuotfest nur mit schwerer Sorge seiern können. Was nützt es ihnen, daß die ganze Kulturwelt die schweren Niederlagen Rußlands als ein Weltgericht der Weltgeschichte mit sittlicher Genugtuung begrüßt? Ihre Lage wird dadurch nicht besser, sondern eher noch schlechter. Wann wird ein Retter kommen diesem Volke? so lautet unsere Frage in den Rüsttagen zum Feste der Wochen. Um aber diese Frage, und jene Sorge in ihrer vollen Bedeutung zu erfassen, muß man sich auch die Lage der Juden in Rußland vergegenwärtigen können. Noch nie ist dies mit solcher Sachkenntnis und Schärfe geschehen, wie in einem Aufsatz, den die Wiener „Zeit" aus der Feder eines der besten Kenner russischer Verhältnisse, des Professors M. v. Reußner, jüngst gebracht hat. Ein .Auszug aus dieser vortrefflichen Uebersicht soll unfern Lesern ein getreues, scharf umrissenes Bild der Lage geben und in ihnen gerade am Feste den Gedanken der Hilfsbereitschaft wecken. Nachdem Professor v. Reußner in einer Einleitung die früheren Verhältnisse geschildert, kommt er zur Betrachtung der gegenwärtigen und sagt u. A.: Das russische Polizeigesetz rechnet alle Juden zu den ehrlosen, unsittlichen und verbrecherischen Elementen; aber es kennt auch Ausnahmen. Eine besondere Tugend kann einen Juden sogar zu einmn „nützlichen" Bürger machen, und dann werden ihm die- Fesseln des Pferchs genommen. Der Name dieser Tugend ist Reichtum. Es braucht bloß ein reicher Jude den Titel eines Kaufmanns erster Gilde zu kaufen und dafür jährliche Abgaben zu leisten, so erhält er die Bewegungsfreiheit, die in Rußland Pferden und Hunden ohne Gegenleistung geschenkt ist; es braucht weiter ein Jude ein Diplom von einem Gymnasium oder einer Universität zu kaufen, und er kann den jüdischen Massenkerker verlassen. Sogar einem Handwerker gestattet das Gesetz, die Grenzen der Ansässigkeit zu verlaßen und im großen russischen Reich, sich anzusiedeln; aber es versieht sich von selbst, daß alle diese Privilegien gut bezahlt werden müssen. Mit einer wunderbar fein nüanzierten Gehässigkeit zählt das Gesetz die Berufe auf, die den Juden außerhalb ihres erlaubten 271- -—^ ' ‘ Aufenthaltes und teilweise auch in ihren Mauern erlaubt sind. In mittlere und höhere Lehranstalten werden im ganzen 3 Prozent oder 5 Prozent Juden ausgenommen. Der Jude kann nicht vereidigter Rechtsanwalt oder vereidigter Kurator eines eröffneten Konkursverfahrens sein. Als Jurist kann der Jude bloß Gehilfe eines Advokaten sein, und dabei ausschließlich für Kriminalsachen. -Den Juden ist überall verbotensich ^mit Ackerbau, und Landwirtschaft zu beschäftigen; es ist ihnen verboten, sich am Bergbau auf fremdem Grund und Boden zu beteiligen und sich mit Naphthaproduktion im Kaukasus zu beschäftigen. Sie dürfen außerhalb der Grenzen der Ansässigkeit keinen Handel mit ausländischen Waren betreiben, wenn sie innerhalb der Grenzen leben. Außerhalb des Pferchs werden Juden zur Uebernahme von Lieferungen und allerhand Unternehmungen, zum Engroshandel mit eigenen und fremden Erzeugnissen, zur Uebernahme von Poststationen nur zugelassen, wenn diese Unternehmungen von Christen verwaltet werden, und zwar bei sehr beschränkter Beteiligung von Juden an der Administration des Unternehmens. Der Staatsdienst ist den Juden selbstverständlich ganz verschlossen. Es sind ihnen alle öffentlichen Rechte genommen und vor Verlust dieser Rechte retten sie weder Reichtum noch Diplome. Es gibt nur ein Mittel, alle diese Rechte zu erhalten und das ist — Renegat zu werden und sich taufen zu lassen.. Dann fallen alle-Beschränkungen. Der Liberalismus der russischen Regierung ist aber noch freigebiger. In einigen Fällen erlangen die Juden nicht allein vollkommene Gleichstellung, sondern sie werden sogar vor der übrigen Bevölkerung des Landes bevorzugt. Und das geschieht in den Fällen, wo es sich um Erfüllung , der ehrenvollsten Pflichten des Bürgers handelt. Und wenn bei Zahlung von Steuern die Juden mit . den übrigen Untertanen nicht bloß gleichgestellt sind, sondern noch durch eine speziell jüdische Abgabe bevorzugt werden, so stehen sie' auch in den ersten Reihen dort, wo es sich um die Blutsteuer handelt, um die Pflicht, für den russischen Zaren und das Vaterland zu sterben. 15 000 Juden liegen regungslos in der Mandschurei, zu der ihnen der Zutritt sonst ausdrücklich verboten ist; 15 000 Juden liegen verwundet und krank in den Militär- Hospitälern, zum Ruhm der russischen Waffen. Mehr als 30 000 Juden haben ihr Leben und ihre Gesundheit für die Unantastbarkeit des Landes, hingegeben,: in das ihnen der Zutritt verboten ist. Tausende jüdischer Aerzte wurden zur Rettung des russischen Soldaten gebraucht, verließen ihre Frauen und Kinder und gaben sich dem aufopfernden Dienst eines Militä.rchirurgen hin. Und nicht bloß im Kriege sind die Juden in den ersten Reihen zu brauchen, sie lassen sich auch in den von Epidemien heimgesuchten Gebieten verwenden, ferner in den Polargegenden Sibiriens,, im Transkaukasus rc. Diese Milde der russischen Regierung geht aber. über ein bestimmtes Maß nicht hinaus. Der- Jude kann als Soldat, als Handwerker, als Arzt nötig sein, und man führt ihn notwendigenfalls sogar mit Gewait auf den. ihm zugedachten Posten. Sobald'es sich aber herausstellt, daß die Dienste des Juden entbehrlich sind, wird er hinausgeworfen und wieder unter die verachteten Parias des russischen Reiches eingereiht, i In Ussurien hört die Epidemie auf, und die dorthin berufenen jüdischen Aerzte werden durch die Polizei aus Port Arthur ausgewiesen. Ein jüdischer Soldat ist bei Muldenverwundet und befindet sich in Moskau in , ärztlicher Behandlung. „Hinaus mit ihm, er hat dort kein Wohnrecht!" Ein jüdischer Handwerker ist erkrankt, er kann nicht mehr arbeiten und schließt seine Werkstatt. „Fort mit ihm, demHund, von seinem alten Wohnsitz; er soll keine Schmach über das russische Land bringen!"