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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-09 · Heft 23 (9.6.1905) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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der Kommission selber bemüht sich der angesehene Führer der 'Opposition, Sir Henry Campbell-Bannermann, zugunsten der armen aber anständigen Einwanderer, welche das. Gesetz mit der Ausweisung bedroht, falls sie nicht Nachweisen können, daß sie im Stande sind, sich „auskömmlich" zu ernähren. Sir Charles Dilke übernahm ein Amendement durchzuführen, welches den Opfern der religiösen Verfolgungen die gleichen Begünstigungen, wie den politischen Flüchtlingen gewährt. Die Aufgabe Dilkes ist keine leichte, da Mr. Balfour dem Vernehmen nach erklärt haben soll, diesen Punkt zu einer Parteifrage 31t machen. .Andererseits sollen die Unionisten, ja selbst einige Tories bereit sein, die oben aufgesührten Amendements zu unterstützen. Ueber die Iudenfrage in Südafrika läßt sich die „Schlesische Zeitung" von dort schreiben: „In den letzten Jahren hat die jüdische Einwanderung insbesondere aus Rußland ganz außerordentlich zugenommen; die weiße Bevölkerung von Johannesburg soll zu einem Drittel aus Juden bestehen; der Anblick der Straßen der Goldstadt spricht zum mindesten nicht dagegen. In der Kapstadt ist besonders in den jetzigen Zeiten wirtschaftlichen Niederganges das arme Judentum zu einer öffentlichen Kalamität geworden. Um sich vor diesem uner wünschten Zuzug zu schützen, hat das Parlament ein Einwanderungsgesetz beschlossen, das die Erlaubnis zur Einwanderung von einem gewissen Bildungsgrade (Lesen und Schreiben in einer Kultursprache) und dem Besitz einer bestimmten Geldsumme abhängig macht Letztere Vorschrift wird natürlich vielfach umgangen, erstere gab zu folgendem interessanten Rechtsstreit Anlaß: eine Reihe von russisch, jüdischen Einwanderern gab als ihre Kultursprache „yiddish“, d. h. das verhunzte Deutsch an, das die russischen Juden meist sprechen. Die Behörden wollten mit Rccht von dieser neuen Kultursprache nichts wissen, die Sache kam schließlich vor den Oberrichter, der wunderbarerweise entschied, daß „yiddish" eine Kultursprache sei, was wiederum das Parlament veranlaßte, in einem Zusatzgesetz das Gegenteil zu erklären. Bis vor wenigen Jahren hatten die Juden unter irgend welchen Antipathien in Südafrika kaum zu leiden. Die gewöhnlichen Buren hielten noch vor einem Jahrzehnt Juden und Deutsche für dasselbe. Ein Herr, der weder Jude ist, noch irgend welche Andeutung semitischer Gesichtszüge besitzt, erzählte mir, wie er als junger Kommis in einem kleinen Orte des Freistaates von einer alten Burenfrau, die ihn zum ersten Male sah, folgendes Kompliment zu hören bekam: „Ach, sieh da, was für ein netter Jude!" Ein anderer Bur erklärte ihm: die Juden müssen eine tapfere Nation sein, weil sie im Jahre 1870 die Franzosen besiegt hätten. Inzwischen ist wohl auch den Buren, die weit hinten im Felde wohnen, der Unterschied zwischen Deutsche und Juden klar geworden, und insbesondere den Schotten, die mit besonderer Vorliebe Kaufläden in kleineren Orten und auf dem Lande halten, macht sich das Eindringen der jüdischen Händler unangenehm fühlbar. Die oft angerufene „Solidarität der weißen Rasse" in Südafrika wird bald recht durchlöchert sein, und eine generelle Verschärfung der Einwanderungsgesetzgebung ist nur eine Frage der Zeit." Hier ist der Wunsch der Vater des — allerdings recht bösen — Gedankens. Daß das Judentum in Transvaal zu einer „Kalamität" geworden, ist eine so ungeheuerliche Behauptung, daß eine ernsthafte Widerlegung gar nicht nötig erscheint. Die Sympathien der Buren für die Juden waren nie allzulief; aber sie haben auch nicht abgenommen. Von einer generellen Verschärfung der Einwanderungsgesetze weiß nur der Berichterstatter der „Schlesischen Zeitung". Es ist das derselbe Herrr, der durch seine antisemitische Berichterstattung wiederholt recht unliebsames Aufsehen erregt hat. Man wird gut tun, auch den obigen Bericht genau in diesem Sinne aufzufassen. Moderne Gedanken im Lichte des Lehnworts. Eine Festbetrachtnng von Kreisrabbiner Dr. M. Beermann. ohin wir den Blick wenden, überall winket blühendes Leben. Farbenprächtige Blumen grüßen den heitern Himmel. Schnatternde Vogelstimmen klingen hernieder zur verjüngten Erde. Frühlingsweben waltet auf Berg und Tal und auch in des Menschen Brust ziehet eine Lenzesfreude: „Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Nun muß sich alles wenden." Doch heute nimmt ein andrer Frühling unsere Seele in seinen Bann, der Geisteslenz, der an diesem Tage einst der Menschheit am Fuße des Sinai aufgebläht ist, ewig jung, allverständlich, wie der Frühling in der Natur. „Ich bin der Herr, Dein Gott," so klang es hernieder vom wolkenumhüllten Berggipfel. Dein Gottbewußtsein, islls, Israel, das Dich zum Volke fügt. Ihm dankest Du die Befreinng vom ägyptischen Joch, ihm schuldest Du Deinen Fortbestand ohne eignes Land und Staat. - Du hast den Ewigen erlebt. Du fühltest Dich von ihm ergriffen, so erweckte der Ewige in Deiner Mitte Männer, mit denen er in fromme Gemeinschaft trat und die ihre heiligen Erfahrungen auf dem Gebiete ihres seelischen Verkehrs in ergreifenden Worten der Menschheit mitzuteilen wußten, Propheten, Psalmisten, Schriftgelehrte, Beter und Denker. Du, Israel, hast für Gott ein Herz gehabt, darum hat auch Gott für Dich ein Herz gehabt und Dich seiner fortwirkenden Offenbarung gewürdigt. „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir!" Einst war das Wort ein grollender Protest gegen Aegyptens Tierdiest, gegen Kanaans Molochanbetung, gegen Assyriens und Babels Gestirnverehrung, gegen Persiens Feuerreligion. Später legte es Verwahrung ein gegen den römischen Kaiserkult, gegen jede Form von Menschenvergötterung, gegen die Ueberwucherung des Mythologischen in der Religion, gegen jede Trübung des Eingottgedankens durch antropomorphe Umde'utung, aber auch gegen jede Verflüchtigung der Gottesidee durch Pantheistische und panpsychiftische Vorstellungen. Heute warnt es uns in der Aera des Uebermenschentums vor verstiegener, gottvergessener Huldigung der Heroen, seien es nun Willensgenies wie Bismarck. Künstler wie Wagner oder Philosophen wie Nietzsche. Die Heldenverehrung, welche die Gottesverehrung hintansetzt, ist sündiger Götzendienst. In der Anbetung der Genialität wird, wie einst in den wilden Orgien des heidnischen Götterkultus, die unbedingte Ehrfurcht vor dem göttlichen Sittengesetz vergessen. „Du sollst den Namen des Ewigen Deines Gottes nicht unnütz aussprechen." Es wendet sich das Wort an unsere Gerichte und verlangt Beschränkung der Eide, es wendet sich das Wort an den Beter und fordert zur Selbstbesinnung und zur Prüfung unserer Wünsche auf. Wisse, vor wem Du stehst, mahnen die Alten. Gott hat uns berufen, ihm zu helfen bei der Herbeiführung seines Reiches. An diesem Gedanken haben wir einen Maßstab, an dem wir unser persönliches Bitten und Sehnen in seiner Berechtigung bemessen können. Wo ein Gebet nur dem eignen kleinlichen selbstischen Vorteil gilt, ist es Tefillat schaw eine unnützliche Anrufung des göttlichen Namens^

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