Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
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267 Wollen wir doch ein wenig gerecht sein. Waren etwa die Juden damit beauftragt gewesen, auf diplomatischem Wege die im wesentlichen unbedeutenden Forderungen Japans in Ordnung zu bringen.? Reizten vielleicht die Juden die japanische Negierung durch ihren Hochmut und ihre Geringschätzung auf deren Anfragen? Sind etwa die Helden dieses Krieges — die Admirale Alexejew, Uchtomaskh, Stark — Juden? Sind vielleicht die Landhelden von Tjuretschen, Kindjdschau, Wafanpou, Daschitschao, Liaujon und Mukden — sind alle diese Juden? Lest einmal nach, ja sogar in der „Nowoje Wremja", die Erklärung über „'unseren Mukdener Mißerfolg." Durch wessen Unbegabtheit, Unwissenheit und Vergessen der elementaren Regeln der Kriegskunst erklärt sich der Untergang von fast hunderttausend russischer Soldaten mit einem Schlage? Nun, haben etwa die Juden daran schuld? Oder der schmachvolle Untergang unserer neuen, erst erbauten Flotte vor Port-Arthur? Oder der Kampf des- 28. Juli? Wenn wir bloß drei Minuten mehr Ausdauer gehabt hätten, wäre ja der Admiral Togo geschlagen worden. Die Japaner erhoben bereits das Signal zum Rückzug, aber unser Admiral war der erste, der davonlief. Das war ein Stammrusse, sogar ein Rjurikowitsch, und kein Jude. Wie jetzt sich ausklärt, nur etwas mehr Umsicht bei Tjurentschen, nur etwas mehr Standhaftigkeit bei Liaujon re., so wäre der Sieg unser gewesen. Sagt doch, was richtet Rußland zu Grunde, nicht nur in der Einbildung und nicht in weiter Ferne, sondern jetzt in der empfindlichen Wirklichkeit V So fragt Herr Menschikow. Dann führt er seine Unterhaltung mit einem imaginären Gegner folgendermaßen fort-: „Ja! Oeffnet die Türen, lasset die Luft, die Sonne ein. Dies verlangen alle Aerzte, und bei jeder Epidemie. Begreifet doch, um Gotteswillen, daß nicht die Menschen selbst giftig sind, sondern ihre Feindschaft gegen Euch. Vernichtet die Quellen der Feindseligkeit, dann wird auch die Vergiftung verschwinden. Es bedarf vieler Worte nicht, die Fremdgläubigen werden in Rußland etwas neues hineintragen; etwa Schlechtes? — das ist die Frage. Sie werden erhöhte Forderungen, eine westliche Frische des Gedankens und das Temperament hineintragen, das uns so sehr fehlt. Sie werden Prometheus Geist des Sucheus und der Entschlossenheit, den Geist des Eroberers, dem das sehr kleine Europa die ganze Welt unterwarf, hineinbringen. In ein Land des hoffnungslosen Trunks und des betäubenden Kartenspiels werden die westlichen Menschen wertvolle Schätze — der Arbeit und der Nüchternheit hineinbringen. Und dies alles werden die Juden hereinbringen? Teilweise auch sie, wiewohl ich überhaupt über die Europäer im allgemeinen spreche. Gestehen Sie doch, daß das, wodurch die Juden für sich einnehmen, namentlich mit ihrer sittlichen Führung, mit ihrer Enthaltsamkeit, Unermüdlichkeit, gegenseitigen Unterstützung, ihrem guten Familiensinn eng verbunden. Sie ächzen, sie entsetzen sich darüber, daß in unserm Parlament einige Juden sitzen werden. Schon der Gedanke bloß, daß ein Jude Minister werden könnte, bringt Sie zur Betäubung. Aber ein solcher Jude wie Beaeonsfeld — ach, wie nützlich wäre er uns auf dem Berliner Kongreß gewesen! Von allen englischen Diplomaten erwies sich bloß ein Jude als Port ihres Imperialismus. Von allen Patrioten Englands gelang es nur einem Juden, die englische Königin als Kaiserin von Indien zu krönen. Und dies geschah gerade zur selben Zeit, als unser Gortschakow für einen armseligen Groschen unser ganzes Königreich in Amerika verkaufte — und zwar an unfern bösesten Feind, wie es sich später erwies. Ein Jude hätte dies nicht verkauft; seien Sie ganz sicher." Am Schluffe seines Artikels sagt Menschikow folgendes: „Rubinftein, Antokolskh, Lewitan — sie waren in Rußland förmlich verliebt ... Als einst Rubinstein vom Auslande zurückkehrte, küßte er mit Tränen in den Augen die russische Erde. Durch die Weichheit und die Breite ihrer Natur würde Rußland bewirken, daß die ganze Welt sich in dasselbe verlieben könnte, aber dieser losgelassene Asiatismus, aber dieser outrierte Barbarismus, diese Verachtung der Bildung seitens einer Partei; die die Gewalt in Anspruch nahm, ist es, die in Wirklichkeit zurückstößt. Und die nicht nur zurückstößt, sondern alle Völker gegen uns waffnet!" Die Blätter haben vor einiger Zeit zu berichten gewußt, der russische Staatsrat habe den jüdischen Handwerkern eine wesentliche Erleichterung resp. das unbeschränkte Wohnrecht gewährt. In Wirklichkeit hat der Staatsrat in seiner Sitzung vom 24. v. M. den Handwerkern nicht nur keine neuen Rechte gewährt, er hat sogar die seinerzeit von Herrn v. Plehwe und Swiatopolk-Mirski zur Erleichterung der Lage der jüdischen Handwerker gemachten Vorschläge, welche an und für sich schon nichtssagend genug waren, wesentlich verwässert. Bekanntlich darf jeder jüdische Handwerker außerhalb des Ansiedlungsrayons nur dann wohnen, wenn er 1. sein Handwerk ausübt. 2. Ein von der Polizei seines Heimatortes ausgestelltes Führungsattest beibringt. 3. Einen Meisterbrief vorlegen kann. Techniker, Mechaniker und solche Handwerker, ffür die in Rußland keine Innung besteht, haben ein Zeugnis eines Fabrikanten beizubringen, daß sie bei ihm in der Fabrik mit Erfolg gearbeitet haben. Infolge der Aufhebung der Innungen in Rußland, durch welche die Beibringung eines Meisterbriefes unmöglich geworden ist, wurde das selbst von den Maigesetzen den jüdischen Handwerkern eingeräumte Wohnrecht in ganz Rußland cke facto wieder ausgehoben. Die Lage wurde noch durch den Zarenerlaß vom 24. August 1904, welcher den jüdischen Handwerkern das Wohnrecht auf die Dörfer des Ansiedlungsrayons beschränkte, wesentlich komplizierter. Die Vorschläge des Fürsten Swiatopolk-Mirski gingen nun noch dahin, die Meisterbriefe durch ein Zeugnis des Ortsvorstehers resp. des Magistrats zu ersetzen. Ferner schlug Fürst Swiatopolk-Mirski vor, daß Handwerker aus den Dörfern, resp. aus den Ortschaften außerhalb des Ansiedlungsrayon nicht ausgewiesen dürfen, wenn sie sich mit einem anderen Handwerk als dem im Zeugnis angegebenen beschäftigen. Der Staatsrat hat nun diese letzte Bestimmung gestrichen und nur den Ersatz des Meisterbriefes durch anderweitige Zeugnisse genehmigt. Weniger konnte der russische Staatsrat den jüdischen Handwerkern wirklich nicht gewähren. * Jetzt erst fangen die Gegner der englischen Fremdenbill sich wieder zu regen an. Etwas spät, aber hoffentlich doch nicht zu spät, um noch manches zu erreichen. Siehaben nämlich sich auf folgende Amendements geeinigt, die sie der die Bill beratenden Kommission oder dem Plenum vorlegen wollen: 1. Alle Einwanderer, welchen in ihrer Heimat religiösen Verfolgungen unterlagen und dadurch zur Auswanderung gezwungen waren, haben eben so wie die politisch Verfolgten unbehinderten Zutritt. 2. Einwanderer, welchen vom Hafenbeamten das Landen verboten wurde, sowie solche Einwanderer, welche zur Landung zugelassen, nachträglich jedoch aus irgend einem Grunde ausgewiesen wurden,, haben das Recht, an einen ordentlichen Gerichtshof zu appellieren. Das' gleiche Recht steht den Schiffsgesellschaften zu, welchen der Rücktransport solcher Einwanderer obliegt. 3. Das Recht der Negierung, Fremde, welche unter antihygienischen Zuständen leben, ausznweisen, soll aufgehoben werden. 4. Die Regierung soll kein Recht haben, die Kosten des Rücktransports ausgewiesener Fremden den Schiffsgesellschaften aufzuerlegen. Zugunsten dieser Amendements wird nun eine lebhafte Agitation entwickelt. Die Vorsteher der jüdischen Gemeinden wendem sich persönlich durch Deputationen an die Abgeordneten ihrer Distrikte und überreichen ihnen Adressen, in. welchen sie aufgefort werden, in der Kommission zugunsten dieser Amendements zu wirken. Die Adressen werden auch mit zahlreichen christlichen Unterschriften bedeckt. Im Schoße