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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-09 · Heft 23 (9.6.1905) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 jeweilig herrschenden "Ideen und Institutionen,- - in welchen diese ihre dauernde Verkörperung fanden. Seine Geschichte schreibung ist wahrhaft objektiv. Er versetzt sich überall mitten hinein in die eigentümlichen Verhältnisse und Lebensbedingungen der Epochen, die er schildert, und läßt uns das Denken und Handeln der Führer als die natürliche Folge aus döm Geiste ihrer Zeit begreifen. Aber indem er zugleich zeigt, wie alles einseitig Beschränkte, Verkehrte und Veraltete durch den Fortgang der Entwicklung immer wieder aufgehoben wird, läßt er uns in seinem Werke selbst das Wesen und den Wert des Fortschritts erkennen, dem er voll Eifer treu gehuldigt hat. Aber mit diesem Werke war seine Tätigkeit noch lange nicht abgeschlossen. Er hat auch auf literarhistorischem Gebiete sehr wertvolles geschaffen. Seine Editionen der-Mechilta und des Sifra, sowie verschiedener Werke von Samuel bar Chofni, Jsaac Kampanton u. a., seine eindvingenden Studien über die Sprache der Mischna, vor allem seine wertvollen Biographien von Maimonides, Raschi, Jacob ben Meir u. a. und die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen, die er in den von ihm herausgegebenen Zeitschriften „Bet Hamidrasch" (Wien 1865) und „Bet Talmud" (Wien 1881 bis 1889, zusammen mit M. Friedmann) veröffentlichte, sind Zeugnisse einer ungewöhnlichen Gelehrsamkeit und einer ebenso ungewöhnlichen Durchdringung eines geradezu ungeheuren Wissenstoffes. Weiß hat nurhebräisch geschrieben. Er beherrschte diese Sprache mit souveräner Machtvollkonnnenheit. Wäre seine Geschichte der jüdischen Tradition in deutscher Sprache erschienen, so hätten auch die christlichen Theologen großen Nutzen davon ziehen können, und der verstorbene Lektor wäre vielleicht als einer der größten Gelehrten unseres Zeit gefeiert worden. Aber der Umstand, daß sein Hauptwerk hebräisch geschrieben, hat dazu beigetragen, daß in den Ländern des Ostens, denen dieses Idiom mehr zugänglich ist, das .Interesse der Juden für wissenschaftliche Erforschung unserer Geschichte und Literatur in weiten Kreisen wachgerufen wurde. Freilich fehlte es auch nicht an Angriffen, und einer der heftigsten Gegner ist I. H. Weiß in Jsaac Halevy erstanden, der ihn in seinem „Dorot ha-Rischonim" mit schonungsloser Schärfe angreift. Es ist natürlich nicht unsere Sache, in diesen Streit uns einzumischen, aber so viel dürfen wir mit voller Berechtigung sagen, daß diese wie alle früheren Angriffe die wissenschaftliche Bedeutung und das Ansehen des großen Forschers nicht im mindesten zu beeinträchtigen vermocht haben. Sein Name wird in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft unvergänglich fortleben. Indem er die Vergangenheit erforschte, lehrte er uns die Gegenwart besser verstehen. Er gab unserer Wissenschaft langdauernde und immer noch nachwirkende Impulse; er worein Denker von kühner, freier Weltanschauung, von einer talmudischen Gelehrsamkeit, wie sie selten wieder Vorkommen wird, von einem Forschersinn, der das Alte zu beleben und mit dem Neuen zu verknüpfen verstanden hat. So. steht er in diesem Augenblick vor unsres Geistes Aug', und so wird er auch kommenden Generationen, die immer strebend sich bemühen, erscheinen als einer der Träger wissenschaftlichen Geistes ist einer Epoche rüstigen Aufschwungs, deren Reihen leider inuner mehr sich lichten, ohne daß dem ängstlich auslugenden Blick eine sichere Hoffnung sich böte, solche Lücken je wieder zu füllen. Aber wir vertrauen trotzdem dem Geiste der Thora. Denn sie lebt, auch wenn kein Finger sich für sie regt, wie Zunz einmal treffend gesagt hat. Und dies bliebe unsere Hoffnung für die Tage der Zukunft. Die Woche. Berlin, 6. Juni. ie Zeitungen beschäftigen sich wieder viel mit dein Grasen Pückler, der nun sechs Monate fern von Madrid über die Zukunft der Menschheit nachzudenken Muße haben wird. Ein Versuch, in Berlin Redefreiheit wiederzugewinnen, scheint allerdings mißglückt zu sein. Dagegen glückte es dem Manne, der den Namen „Dreschgraf" führt, da er selbst einmal geprügelt wurde, durch eine Klage wieder von sich reden zu machen. Die dritte Strafkammer des Landgerichts I. hat den Juwelier Levy aus Frankfurt a. M., der am 4. November v. I. den Grasen Pückler im Hotel de Rome geprügelt hat, zu der recht ausgiebigen Strafe von' drei Monaten Gefängnis verurteilt. Wir sind die letzten, die Prügelargumente billigen oder gar empfehlen würden, aber man darf nicht vergessen, in welcher Lage sich der Verurteilte befunden hat. In den Verhandlungen des Prozesses ist manches lehrreiche Moment von allgemeiner Bedeutung erhalten, das der Verteidiger auch gebührend hervorgehoben hat, indem er sagte: „Der Angeklagte wohnt seit 18 Jahren, wenn er nach Berlin kommt, im Hotel de Rome. Er hat niemals zu irgendwelchen Klagen Veranlassung gegeben, im Gegenteil, er ist zweifellos ein ehrenhafter Charakter. Wenn ein solcher Mann sich zu einer Tat hinreißen läßt, wie sie uns hier vorgesührt worden, dann muh man nach einem Erklärungsgrund suchen. Da fällt mir das alte Sprichwort ein: „Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem andern zu." - Man kann die Handlungsweise des Angeklagten nur verstehen, wenn man erwägt, daß Graf Pückler jahrelang in Volksversammlungen und Flugblättern zu offenen Gewalttätigkeiten gegen die Glaubensgenossen des Angeklagten aufgereizt hat. Mag man einer Religionsgemeinschaft oder einer sozialen Richtung angehören, der man wolle, so kann man es verstehen, daß Leute über die Handlungsweise des Grafen Pückler in Zorn geraten. Der Angeklagte ist anscheinend ein Mann von Temperament; sein Zorn war vielleicht um so größer, da es in seiner Heimat in Süddeutschtand eine derartige Religionshetze nicht gibt. Als er den Grafen Pückler sah, mag der in ihm aufgehäufte Explosivstoff sich bei ihm entladen haben. Wäre der Angeklagte ein Rowdy, dann wäre eine Gefängnisstrafe gewiß am Platze. Wenn der Herr Staatsanwalt meint, eine Geldstrafe würde den Angeklagten nicht treffen, so muß ich bemerken, daß nach diesem Grundsatz alle wohlhabenden Leute vogelfrei wären. Für einen anständigen Menschen ist eine Geldstrafe eine Strafe. Ich bitte daher den Gerichtshof, von einer Freiheitsstrafe abzusehen." Der Gerichtshof schloß sich diesen Argumenten nicht an. „Die Beweisaufnahme hat ergeben, daß sich der Angeklagte in unqualifizierbarer Weise benommen hat," so heißt es im Urteil. Da wird es wahrscheinlich vielen in den Sinn kommen, zu fragen: Ist denn das Benehmen und Reden des Grafen Pückler seit Jahren nicht ebenfalls unqualifizierbar? Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Das führende russische Antisemitenblatt, die „Nowoje Wremja" bringt seit einiger Zeit Artikel für die Juden. Und zwar waren dieselben schon vor der letzten großen Seeschlacht gedruckt! Ein Herr Menschikow publiziert dort eine fulminante und treffende Erwiderung gegen Angriffe auf die Juden. Es heißt darin wörtlich: „Sie sagen, daß die Juden Rußland zugrunde richten! Aber in Wahrheit gesprochen, ist Rußland sich selbst nicht ein grimmiger Feind? Was diesen schrecklichen Krieg betrifft, verlieren wir denselben wegen den Juden? Sind etwa die Juden bevollmächtigt worden. Port-Arthur zu befestigen, und haben sie es derart befestigt, daß beim Ansbruch des Krieges die Festung ohne Forts und ohne Geschütze, ohne Geschosse, ohne Medikamente, ohne Armee sich erwies?

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