Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 9. Juni 1905. 69. Jahrgang. No. 23. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». Begründet von Rabbiner D-- Ludwig Philippson. Veilsss-LxysMM: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der' „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/^9, zu richten Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. tf. tz. Mrih. Berlin, 4. Juni. ie Wissenschaft des Judentums klagt am Grabe ihres Nestors. Da wir uns anschicken, das Fest der Thora zu feiern, ist einer ihrer größten Lehrer von uns gegangen. Am 30. vorigen Monats ist im Alter von 91 Jahren Jsaac Hirsch Weiß, der berühmte und gelehrte Lektor des Wiener Bet Hamidrasch, ruhig wie er gelebt, in ein besseres Jenseits entschlummert. Es ist noch nicht an der Zeit, die volle Bedeutung dieses Mannes für die Wissenschaft, der er sein ganzes arbeitsreiches Leben gewidmet, zu würdigen. Nur wenige Andeutungen müssen für heute genügen, um auch einem weiteren Kreise, dem nicht einmal die Resultate dieser Lebensarbeit zugänglich sind, das Wesen und den Wert des Mannes, den wir verloren, näher zu bringen. I. H. Weiß war kein zünftiger Gelehrter, er war vielmehr ein Autodidakt, und zwar einer von denen, an welchen unsere Gelehrtenrepublik bisher ziemlich reich war und die oft viel mehr geschaffen haben als die zünftigen Gelehrten. Die Art und Weise, wie er aus einem schlichten Kaufmann ein großer Gelehrter geworden, wirft ein merkwürdiges Streiflicht auf die Geschichte und Entwicklung unserer Wissenschaft überhaupt, in der bedeutende Männer nicht bloß durch ihre Individualität, sondern auch dadurch interessant waren, daß sie den ganzen Horizont ihrer Zeit beleuchten und aufhellen. M. Güdemann, unser feinsinniger Kulturhistoriker, macht darüber folgende treffende Bemerkungen: ' „Der Mangel jeglicher Schulung und Disziplin, welchen die meisten Arbeiten der deutschen und polnischen Gelehrten des Mittelalters ausweisen und der sie mitunter ungenießbar macht, ist eine der betrübendsten Erscheinungen der jüdischen Literaturgeschichte. Er ist ein Reflex der Unordnung und Verwirrung, welche seit dem „schwarzen Tode" in den Gemeinden, in dem Schulwesen und der Verwaltung Platz gegriffen hatten. Den jüdischen Gelehrten Italiens, welche mit überraschender Geschmeidigkeit auf den Humanismus und seine Tendenzen eingegangen waren, gereichte die Ungelenkigkeit der deutschen und polnischen Gelehrten, ihre Unfähigkeit in Ausdruck und Konzeption, zu stetem Spotte. „Indessen hat dieser Mangel auch die merkwürdige Erscheinung hervorgerufen, daß der eine oder andere Gelehrte dadurch zu um so größere Selbstzucht ungehalten wurde und sozusagen aus sich selber Norm und Regel wissenschaftlicher Konzeption und'Darstellung entdeckte, indem er inmitten der allgemeinen Hilflosigkeit sich auf eigene Faust zu Helsen suchte, wie etwa bei der durch einen Schiffbruch herbeigeführten Verwirrung und Ratlosigkeit und unter dem Drucke derselben, selbst der Träge und Unbeholfene zur Energie der Selbsthilfe angespornt wird." Geboren im Jahre 1815 zu Grvß-Meseritsch in Mähren widmete sich der Knabe schon in jungen Jahren dem Talmudstudium auf den damals weitberühmten Jeschibot in Nikolsburg und Boskowitz. Mähren war damals ein Dorado talmudischen Wissens, genau so, wie es heute das Gegenteil ist. Aus Galizien aus Ungarn, aus Polen, ja auch aus Deutschland strömten damals wissensdurstige Jünger zu jenen Heimstätten des Talmudftudiums, wo große und gelehrte Rabbiner wirkten. Selbst unter der reichen Schar dieser Jünger galt schon damals Weiß . als einer der begabtesten. In seinen Erinnerungen (Warschau 1895), die eine Uebersetzung wohl verdienten, hat er selbst seine Entwicklung sehr ansprechend und anschaulich geschildert. Vielleicht entwirft einmal ein Kundiger auf Grund dieser Erinnerungen ein ausführliches Lebensbild des Verewigten. Es bleibt einer der vielen Ruhmestitel des unvergeßlichen Adolf Jellinek, daß er den stillen mährischen Gelehrten entdeckt und auf seinen richtigen Platz gebracht hat. Jellinek war der Begründer des Wiener Bet Hamidrasch, in dem die Wissenschaft des Judentums nach moderen Prinzipien gelehrt werden sollte und auch heute noch gelehrt wird. Hier war I. H. Weiß der erste Lektor und ist es bis in seine letzten Lebenstage geblieben. Neben ihm wirkte und wirkt noch M. Friedmann mit gleichem Erfolge. Viele Rabbiner und Lehrer, die heute in den Gemeinden Oesterreichs und Deutschlands lehren, haben dort ihre talmudische Ausbildung empfangen und nennen sich mit Stolz seine Schüler. Aber mehr noch als durch die pädagogische hat I. H. Weiß durch seine wissenschaftliche Wirksamkeit geleistet. Sein Hauptwerk ist die „Geschichte der jüdischen Tradition" (Dor Dor we- Dorschow), die in fünf umfangreichen Bänden von 1871—1891 erschienen ist. Hier wird zum erstenmal die Entwicklung der jüdischen Tradition von ihren Anfängen bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien in streng wissenschaftlicher Weise dargestellt. Man kann sagen, Weiß ist aus sich selbst ein Geschichtsschreiber jüdischer Tradition geworden. Allerdings hatte er bedeutende Vorgänger: Znnz, Rapoport, Frankel, Graetz, aber er hat-doch seinen eigenen Weg eingeschlagen und die Einteilung, Anordnung und Darstellung seines Geschichtswerkes zeugen von einer seltenen Begabung und von einer umfassenden Gelehrsamkeit. Sein Blick ist immer auf die große Entwicklung gerichtet. Er charakterisiert die typischen Repräsentanten der verschiedenen Perioden als die Organe der