Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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264 - . Das Untier war schon wieder an den. S.täben, rüttelte, kreischte und blickte den Sklaven voller Haß an. „Wenn Du mich jetzt, packen könntest," höhnte der Sklave, „hast doch zwei, warum willst Du gerade mich?" 7 Da übermannte den Moreas die Wut. Er sprang an das Gitter> Packte die Stäbe und rüttelte daran, wie wenn er den Verstand verloren und tobte und schrie auf den Sklaven. w' „Ein Paar," höhnte der Sklave wieder. „Man wei^ nicht, welches ist Tier und welches Mensch." Und als sich Moreas daraus nach dem Tier umwandte-, da sah er, daß es ihn beobachtete. Später wurde Rachel ohnmächtig, denn der Gestank im Käfig war sehr groß und sie war auch sehr durstig. Also ging Moreas hinüber zum Winkel des Untiers, um Wasser zu holen. Aber schon die Bewegung des Gefangenen machte es ärgerlich und alsbald packte es Moreas und warf ihn nnt großer Gewalt in seine Ecke zurück, wobei dem Tier der größte Teil von Moreas Gewand in der Hand blieb. Schulter und Arm des Mannes wurden dabei aufgerissen, so daß das Blut tief. Dann ging das Untier wieder in dem Käfig aus und nieder. '; Nach einer Stunde legte sich das Tier hin und schlief ein. Moreas kroch leise zum Wasser, füllte seine Kopfbedeckung und brachte es zu Rachel, die alsbald erwachte. Dann flüsterte er ihr lange etwas zu. ■ Als am nächsten Morgen der Sklave wiederkam, sprang das Tier sofort wieder an die Stäbe und rüttelte und kreischte. Aber auch Moreas tat dasselbe. -Er tat dem Untier gleich, ahmte ihm nach. Kreischen für Kreischen, Rütteln für Rütteln, Grimasse für Grimasse. Und an diesem Tage konnten Moreas und Rachel ungestört einige Stunden schlafen. Nachmittag kam der Sklave wieder. Moreas stürzte ans die Stäbe zu und tat wie Vormittag. Der Sklave lachte. Als er gegangen war, bemerkte Moreas, daß das Untier diesmal gar nicht an die Stäbe gekommen war, sondern in seiner Eck'e saß und ihm zusah. Jetzt faßte er Mut und fing an, den Käfig zu untersuchen. Die Stäbe bestanden aus dickem Eisen. Die Tür war mit einer starken eisernen Kette befestigt. Während er sie noch prüfte, Mnd plötzlich das Untier hpr ihm. Um Rachel, die sich kaum gerührt hatte, schien es sich nicht zu bekümmern. Es faßte Moreas mit einem Arm um den Körper. Er wehrte sich nicht. Langsam zog das Untier den Patrizier hinüber in seine Ecke, dann legte es sich hin und hielt ihn in seinem Arm, während es einschlief. Als am nächsten Morgen der Sklave Moreas und Rachel noch lebend antraf, holte er eine eiserne Stange und schlug das Untier. Dieses geriet in eine fürchterliche Wut, so daß es eine der dicken Eifenstangen des Käfigs verbog. Moreas ahmte dem Tiere wieder nach und als der Sklave, fort war, da blickten sich Tier und Mensch an, wie zwei Geschöpfe, die sich verstehen.; Moreas fürchtete sich nicht mehr davor, im Käfig umher zu gehen. Er untersuchte noch einmal die eisernen Ketten, die die Tür verschlossen. Die Tür war so zu öffnen, daß sie voü unten nach oben geschoben wurde. Moreas ergriff die Ketten und rüttelte und riß daran lange und wie in großer Wut. Und als er wieder los ließ, da kam das Untier und riß auch, so wie Moreas getan. Dabei kam ein Finger seiner Hand zwischen zwei Glieder der Kette und wurde verletzt. Es kreischte auf und packte nun die Kette in wirklicher Wut. Und Moreas packte auch. Die Beine, die Arme und der Nacken des Untiers wurden immer dicker und dicker und plötzlich fielen das Tier und der Patrizier auf den Rücken. Die Kette war gesprengt. Am Abend kam der Sklave wieder, die eiserne Stange in der Hand. Moreas und Rachel standen neben der Tür.- Den als der Sklave das Tier wieder schlug, hob Moreas plötzlich die Tür. ' Mit einem fürchterlichen Geheul stürzte das Untier aus dem Käfig und auf den Sklaven, der sich zur Flucht gewandt hatte. Und während es ihn zerriß bei lebendigem Leibe, eilten Moreas und Rachel ungehindert , aus^ dem Gewölbe und machten die Tür hinter sich wieder fcft. :; „Habe keine Furcht," flüsterte Moreas. „Ichkenne den Palast,, denn ich gehörte zu Konstantins Gefolge, ehe er wie ein Gefangener behandelt wurde.' Und es gibt viele geheime Wege hinaus aus Byzanz. Komnr und Gott sei' mit uns!" Und Hand in Hand schlichen sie.davon. (Fortsetzung folgt.) Sxrechsaal. Geehrter Herr Redakteur! err Provinzialrabbiner Dr. Cahn in Fulda behauptet in seiner Erklärung vom 8. Mai 1905, daß ich und noch ein anderer, nicht namhaft gemachter Teilnehmer an der Berliner Versammlung vom 30./31. August 1893 ihm dort gesagt hätten, der Antrag, Dr. Maybaum und Dr. Ungerleider als Vertreter des Rabbinerverbandes in die Schächtkommission zu wählen, sei zurückgezogen worden. Da ich von verschiedenen Seiten in dieser Angelegenheit interpelliert worden bin, so erkläre ich hiermit, daß ich mich an die Einzelheiten der Verhandlungen, die vor mehr als 11V2 Jahren stattgefunden haben, nicht erinnere und mich auch nicht darauf besinnen kann, die erwähnte Aeußerung getan zu haben. München, 21. Mai 1905. Ergebenst Rabbiner Dr, Werner./ Geehrter, Herr Redakteur! ch überreiche Ihnen einliegend ein mir auf eine diesbezügliche Anfrage zugegangenes Antwortschreiben aus Schierke am Harz und stelle Ihnen beide Schreiben gern zur Verfügung. Ich finde, daß ein so großer Unterschied zwischen russischen und unseren Zuständen bezüglich Kultur und Toleranz gar nicht vorhanden. ist. ~ - ' Stettin, im'Mai. Mit Hochachtung O. F. . . g. Stettin, 16. Februar. An Herrn Bürgermeister in Schierke. Ich beabsichtige mit meiner Familie Ihren . Badeort, welcher mir auf Grund seiner hohen geographischen Lage zur Kur empfohlen wurde, auf längere Zeit zu besuchen. Gleichzeitig füge ich hinzu, daß ich jüdischer Konfession bin; da das Gerücht durch die Welt geht, daß Juden in Ihrem Badeort bereits mehrfachen Chikanen ausgesetzt würden, ich dagegen für mein Geld Unannehmlichkeiten einzutauschen nicht gesonnen bin, so wende ich mich direkt, an Sie mit der Bitte, mir unverholen und offen Ihre Ansicht mitzuteilen, damit ich eventuell einen anderen geeigneten Kurort wähle. Mit vorherigem Danke zeichne , Hochachtungsvoll ... ' . :' O. F. Antwort nmseitig! Schierke, 20. Februar. Urschriftlich , ergebenst zurück mit dem Bemerken, daß die meisten Hotels und Logierhäüfer hiesigen Ortes die Aufnahme von Gästen jüdischer Konfession ablehnen. Von Chikanen irgendwelcher Art ist mir bisher nichts bekannt geworden. Der Gutsvorsteher Krüger, - - Oberförster. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in-Berlin.