Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · p. Seite 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228659--61757-3275595
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Figur des roten Jtzig liegt keine geschichtliche Tatsache zugrunde und hätte der feinfühlende Dichter, bevor er an seine Figur ging, die Geschichte befragt, er hatte sicherlich nicht diesen roten Jtzig geschrieben; er würde vielleicht gar am Ende den Grafen Charolais zum Träger dieser Idee vom ewigen Haß gewählt haben. Bit gkkundrnr Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. IX. ls die Kaiserin am nächsten Morgen den Bübas zu sich kommen ließ, da hatte dieser seinen Plan fertig. Er erzählte Irene von Rachel, Leos Geliebte, und wie sie wahrscheinlich wüßte, wo Leo sich aufhält. Auch Moreas, der Patrizier, Leos Freund, bei dem sich die Rachel verborgen hatte, wisse sicher Leos Aufenthalt und Ziel. Wenn man nun die Beiden zwingen könnte, Leo handschriftlich zu bitten, sofort zurückzukehren, da sonst ihr Leben verwirkt sei, so würde Leo gewiß nach Byzanz zurückkehren. Er habe daher Moreas und Rachel schon gestern gefangen nehmen lassen, sie seien jetzt im Palaste. „Dieser Plan hat Dir das Leben gerettet," sagte Irene. »Jetzt geh^ und sende diese Beiden zu mir." Der Patrizier hatte den Grund der Verhaftung geahnt und seine Ahnung der Rachel mitgeteilt. Diese wußte nicht, wo Lev weilte, und als der Patrizier ihr es sagen wollte, da bat sie ihn zu schweigen. Sie wollte nicht in die Versuchung kommen, ihren Geliebten zu verraten, selbst wenn es sich um ihr Leben handelte. Da hat der Patrizier das Judenmädchen auf die Stirn geküßt zum Zeichen der Ehrfurcht und hat auch seinerseits Schweigen gelobt. Als die Beiden nach einiger Zeit wieder weggesührt wurden von Irene, da waren sie so weiß wie Leichen. Irene aber schrie in schrecklicher Wut nach Steurakius, dem Eunuchen. Man holte ihn herbei. „Steurakius, Du mußt mir einen guten Rat erteilen," rief sie ihm entgegen, als er eintrat. Und sie erzählte ihm alles ausführlich. „Und nichts habe ich von ihnen erfahren können, nichts," schrie sie. „Sie wissen nicht, wo Leo ist, s agten sie, die Lügner. Keine Versprechungen nützten mir und keine Drohungen. Sie wagten es, mir zu trotzen, mir, der Kaiserin von Byzanz. Aber sie sollen es büßen, Steurakius! Die Judendirne schenke ich den Palastsoldaten. Was aber ist Strafe genug für einen Patrizier, der seiner Kaiserin nicht gehorcht?" „Große Majestät," erwiderte Steurakius. Moreas ist ein Patrizier und ein Edler des Landes, den man so öffentlich nicht bestrafen kann, ohne daß die andern murren. Doch im geheimen wüßte ich eine gar schöne Strafe." „So nennt sie mir." Wir haben seit einigen Tagen ein seltsames Tier in: Palast untergebracht in einem der Gewölbe. Vor fünf Jahren kaufte ein Edler von Kreta einen Sklaven. Der Sklave, ein Schwarzer aus Ligyen, hatte ein kleines Tier mit sich, sehr possierlich anzusehen, und mit einem Gesicht wie ein Mensch. Er hatte es aus Ligyen mitgebracht. Der Edle verkaufte den Sklaven bald wieder, behielt aber das Tier. Eines Tages zerfleischte das Tier das Bein des Sklaven, der für ihn sorgte. Darauf ließ der Edle einen starken Käfig bauen und das Tier hineinsperren. Das Tier wurde immer größer, jetzt ist es größer wie ein Mann und so stark wie zehn Männer." — Steurakius überlegte einen Augenblick, dann meinte er weiter. „Möchtet Ihr, große Majestät, das Tier Euch ansehen." „Erst Deinen Plan." „Der Edle hat Euch das Tier geschenkt, große Majestät, es kam vor einigen Tagen hier an. Mit dem Tier kam derselbe Sklave, der es immer versorgt hat mit Futter. Ich mache Euch den Vorschlag, den Patrizier in den Käfig des Tieres sperren zu lassen. Das übrige kommt dann von selbst." „Sehr gut, Steurakius, aber wird das Tier auch —?" „Bestimmt, große Majestät. Vielleicht nicht sofort, aber doch, einmal. Das ist doch noch besser so. Und noch einen Vorschlag wollte ich machen. Sperrt doch die Judendirne auch dort hinein. Der Sklave erzählte seinem Herren, daß diese Tiere oft Weiber rauben mrd sie mit in die Bäume, in ihre Wohnungen, nehmen. Das wäre größere Strafe als Soldaten." , . „Recht, Steurakius, recht! Sie sollen büßen! Und jetzt will ich doch dieses Tier sehen." Der Sklave, der das Tier besorgte, wurde gerufen und führte sie in das Gewölbe. Als sie ankamen, hörten sie zuerst nur eine Art fürchterliches Kreischen, denn es war finster in dem I Gewölbe. Als aber der Sklave die Fackel hoch hob, da sah Irene vor sich einen großen Käfig, aus dicken Eisenstäben gebaut. Und hinter diesen Eisenstäben stand ein Geschöpf, so groß wie ein Mann. Mit den Händen hatte es die Stäbe gepackt und rüttelte und schüttelte daran mit großer Macht. Dabei kreischte es gar fürchterlich. Zwei lange, spitze Zähne ragten aus seinem sehr großen Rachen hervor und viel Schaum lies heraus. Es war ein -sehr kräftiges Geschöpf und sah aus wie ein Mensch, nur die Zähne waren anders und auf dem ganzen Körper hatte es Haare. Nach der Beschreibung glaube ich, Schreiber dieser Zeilen, es war ein Geschöpf, hervorgegangen nutz sündflutlichem Verkehr zwischen einem Menschen und einem wilden Tier. Der Anblick war so schrecklich, daß Irene gleich wieder davon ging. , Bald darauf wurden Rachel und der Patrizier in das Gewölbe gebracht. Diesmal wurde die Fackel nicht hochgehalten. Alles war finster und ruhig. Die Gefangenen hörten das Rasseln eiserner Ketten, dann, von vielen Händen gepackt, wurden sie vorwärts geschoben. Erft Moreas, dann Rachel. Stumm sahen die Beiden sich um in dem halbdunklen Käfig und dann stieß Rachel einen Schrei der Angst aus. Ihnen gegenüber in der Ecke stand das fürchterliche Untier. Mit seinen Händen umklammerte es die eisernen Stäbe und blickte j dem Sklaven nach mit einem Haß, der schier unmenschlich schien. Dann ließ es sich aus Händen und Füßen nieder, starrte die Neuangekommenen an und ging ganz langsam auf sie zu. Moreas stellte sich vor Rachel hin, um sie so viel wie möglich zu schützen. Als aber das Untier so langsam aus ihn zu kam, da war er überzeugt, daß seine Todesstunde gekommen. Er bedeckte die Augen mit der Hand und erwartete sein Schicksal. Das Tier schien jedoch nur neugierig zu sein. Es riß Moreas an seinen Gewändern und ging dann wieder zurück in seine Ecke. Es verging ein fürchterlicher Tag in Angst und Schrecken. Am Abend kam der Sklave. Dem Tiere reichte er Früchte durch die Stäbe, den andern warf er Fleisch und Brot zu. „Wasser ist noch da, ihr könnt mit dem Tier zusammen trinken," sagte er.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.