Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · p. Seite 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228659--61756-3275594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

geistigen> finanziellen1 und moralischen Einfluß spielen lassen sollten. Die einflußreichen amerikanischen Juden Haben diese Aufgabe sehr gut begriffen und tatkräftig für ihre verfolgten russischen Glaubens- oder wenn man will auch Stammes- . genossen bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Noosevelt, interveniert. Dessen offizielle Beschwerde bei ' der russischen Negierung ist bekannt. Ebenso ist bekannt die Massenpetition, die von dem Orden Bnai-Brith auch wegen Kischinew in Szene gesetzt wurde. Diesen Bemühungen laufen die Anstrengungen der amerikanischen Juden parallel, in den russisch-amerikanischen Handelsverträgen den Juden dieselben Rechte zu garantieren, wie den andersgläubigen Bürgern der Vereinigten Staaten, was wahrscheinlich von Erfolg gekrönt und nicht ohne Rückwirkung auf Deutschland bei dessen Verträgen sein wird. Wenn die hervorragenden Juden, die sich hoher Gunst erfreuen, die maßgebenden Faktoren davon überzeugen würden, wie notwendig eine richtige und gerechte Verteilung der jüdischen Landesangehörigen unter alle Berussstände ohne Ausnahme wäre, würden sie sich nur großen. Dank und großes Verdienst um das Vaterland erwerben. Freilich muß man so etwas auch erst wollen. Erst dann kann das Judentum aus seine großen Männer stolz sein, wenn sie ihm nicht nur zu Ehren, sondern auch zu Nutzen sind. Allerdings ist der alleinige Verlaß auf solche Stützen nicht gerade allzusicher; unter so vielen Günstlingen, den sogenannten Hosjuden, haben die Juden noch immer genug zu leiden gehabt, selbst ein jüdischer Minister Abarbanel hat die Vertreibung der Juden aus Spanien nicht verhindern können! Und heute? ÄsM'x Mchsrd Lerr-tzokkmann. Von Tr. He iß-Neustadt (Westpr.) ichard Beer-Hoffmann, der durch den Volks-Schillerpreis wieder einmal in den Vordergrund getreten, hat in dieser Theatersaison durch sein Drama „Der Graf von Charolais", das auch im Neuen Theater aufgeführt wurde, allgemeines Interesse erregt. Es liegt mir in den folgenden Zeilen selbstverständlich fern, jetzt noch eine Rezension des Stückes geben zu wollen, oder gar etwa einUrteil über das dramatische Wollen und künstlerische Vermögen des bekannten Wiener Dichters zu fällen. Was mich zu Beer-Hoffmanns Drama treibt, das ist „die beste Szene" des Stückes. Sie spielt zwischen dem Grafen Charolais und dem roten Jtzig. ' Die dramatische Handlung dieser Szene, die einen faszinierenden Eindruck auf den Zuschauer auszuüben imstande ist, verliert aber durch das Motiv, welches ihr zugrunde liegt, an innernr Wert. Der Haß des Juden gegen seine Verfolger findet im roten Jtzig seinen kraftvollen Träger. Wie Shylock ist auch der rote Jtzig ein Geldmensch, dem viele Schuldner verpflichtet sind. Auch der Graf von Charolais ist sein Schuldner. Der alte Graf stirbt, ohne seine Schuld beim roten Jtzig beglichen zu haben. Der junge Graf Charolais fleht .den roten Jtzig an: „Gib mir den Leichnam meines Vaters heraus. Sei barmherzig! Denke an Deinen eigenen Vater!" Und der rote Jtzig antwortet: Ich denk ja schon die ganze Zeit daran! — Der freilich ist verfault nix in e Kerker! Die Stadt, wo er geboren war, die hat sich Viel kosten lassen seine Leichenfeier! Vor Sonnenaufgang war'n schon ausgerückt f Soldaten, die Verein', die Bruderschaften, De ganze Geistlichkeit! Was für en' Ehr' Das für e Juden is! Der König selber Js dagesessen aus den großen Platz.'; Der ganze Hof — und das alles für e Juden! Und läuten ham se lassen alle Glocken, . Und mit de Fahnen sind se Vox mei Vatter Vorbeigezogen... Bis dann Am Abend — wies schon dunkel war — der König Mit eig'ner Hand hat angezindt den Holzstoß — Wo drausi mei Vatter war, und weil das alles Noch nix genug Ehr' war für meinen Vatter, Ham se begonnen, schön zu singen, und — Weil er doch Jud' war — ham se ihm zu Ehren Ihm vorgesungen uns're alten Psalmen, Und ihm zu Ehren unfern Gott gelobt. Ich weiß nur nix, ob er es auch bemerkt hat? Denn da hat er schon angefangt zu brennen, Von unten her, und hat zu schrei'n begonnen, Und hat geschrie'n, ganz laut hat er geschrie'n — Mei Vatter! laut! und ich Hab' ihn gehört! — Schma Jisroel! — Nun wollt's Ihr noch Herr Graf, Ich soll an meinen Vatter denken, damit Ihr mir jetzt leid tut's. weil der tote Vatter Von euch jetzt faulen muß? Beer-Hoffmann mag ein großer Dichter und Psycholog sein: der Psychologie der Juden, zu denen er ja selbst gehört, aber scheint er keine große Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, sonst würde er kaum den Haß des Juden gegen seine Verfolger in eine solche dichterische Sprache gekleidet haben, wie er es in der Figur des roten Jtzig getan. Der rote Jtzig ist ein Seitenstück zu Shylock; hier wird das Unmenschliche und Habsüchtige, dort der unversöhnliche Haß des Juden gegen seine Verfolger geschildert. Hier aber liegt das Unpsychologische in der Figur des roten Jtzig; denn wenn man den Juden des Mittelalters des Wuchers wegen anklagen konnte, was in Anbetracht der traurigen Lage der Juden jener Zeit, wenn auch nicht zu billigen, so doch zu begreifen ist, so ist es eine vollständige Verkennung der Tatsache und der psychologischen Wahrheit, den Juden ewigen Haß gegen seine Verfolger anzudichten. Das Gegenteil ist das Richtige. Der Jude hat stets die Unbill, die ihm von feindlicher Seite zugefügt wurden, vergessen, aus dem einzigen Grunde, weil er der Religion der Liebe und Versöhnung Verkünder war. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", dieses menschliche, allzumenschliche Dogma, das ein großer Gesetzeslehrer des zweiten Jahrhunderts für eine Grundveste der jüdischen Religion sanktionierte, drängte jeden aufkeimenden Haß und jedes Rachegefühl auf die unterste Schwelle des Bewußtseins. Es schuf ihm einen versöhnenden, von Resigniertheit getragenen Charakter. Beer-Hoffmann hat, wie so viele Dranlatiker und Schriftsteller unserer Zeit, im vorliegenden Drama die Judenfrage behandelt. ' Die Antwort bleibt er uns nicht schuldig, er gibt sie uns in der Figur-des roten Jtzig. „Nun wollt ihr's noch, Herr Graf, ich soll an mei Vatter denken, damit ihr mir jetzt leid tut's." Also Haß des Juden gegen seine Verfolger ist die Logik des roten Jtzig. Von einem Dramatiker des 20. Jahrhunderts erwarten wir aber eine andere Lösung wie von einem des 16. Jahrhunderts. Dem 16. Jahrhundert ist ein Shylock zu entschuldigen, im 20. Jahrhundert verliert dieser Shylock in Gestalt eines roten Jtzig seine dramatische Bedeutung. Wie eine Pyramide erhebt sich die Gestalt eines „Nathan" im Vergleich zum roten Jtzig. Auch steht selbst der Jude „Marcuse" im „Sturmgeselle Sokrates" mit seinem Ausspruch: „Der Menschheit den Menschen bewahren" viel höher und hat die Psychologie des Juden ungleich tiefer erfaßt, als die von Haß getragene Weltanschauung des roten Jtzig.-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.