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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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G. Massenverbreitung einschlägiger politischer wie wirtschaftlicher Broschüren über Judenprobleme, und zwar nicht nur bei möglichst vielen Juden, sondern auch bei allen Mitbürgern. Die Arbeit der Presse wird bei uns immer noch sehr unterschätzt und nur mangelhaft unterstützt, während gerade unsere Gegner einen großen Teil ihrer Erfolge dieser Tätigkeit der Presse verdanken/ Solche Aufklärungsarbeit soll zu gegenseitiger Würdigung und zu Toleranz führen. Sie-soll aber planmäßig und mit einheitlicher Leitung ausgeführt werden und muß von einem geistigen „Versöhnungskomitee", dem auch Andersgläubige angehören,-ausgehen. Sie soll sich auf einen höheren Standpunkt stellen als die jetzigen Abwehr? und Preßerzeugnisse, die alle Beschimpfungen rc. gewissenhaft registrieren und die Verbitterung nur erhöhen. Es soll das Mißtrauen der Andersgläubigen gegen den Juden, dessen Wesen, Absichten und Leistungen, herabgemindert und schließlich beseitigt werden. D. Ein religiöses internationales Synhedrium zur eventuellen Milderung der Zeremonialgesetze. Diese Forderung ist zwar heikel und gefährlich, aber doch unvermeidlich, denn die Zukunft des Judentums kann doch schließlich nicht dem Schulchan aruch gehören. Der Weltverkehr, der schwere Konkurrenzkampf erfordern Erleichterungen im Hause und im Leben draußen. E. Von der inneren Kulturarbeit, der Groß- und Kleinarbeit, war schon wiederholt die Rede. Es erscheint notwendig, in jeder Gemeinde so gut wie eine Chewrah, einen Literaturverein und andere Spezialvereine auch einen Kulturverein zu haben, der alle Lücken auszufüllen, alle Arbeiten zu kontrollieren und zu regulieren hat, neue Ideen auszugeben und empfangene Anregungen auszuführen und zu verbreiten berufen ist. Durch einen größeren Verband dieser Kulturvereine wiederum würden große soziale Aufgaben leichter gelöst werden und eine gewisse innere Mission zu Wege gebracht werden. Es würde ungefähr das, was in kleinerem Maßstabe und mit notwendig beschränkter Mitgliederzahl der Bnai-Brith-Orden anstrebt, in vergrößertem Umfange und aus dem denwkraiischen Boden aller nur irgendwie brauchbarer Gemeindemitglieder zur allgemeinen Parole werden. . Die äußere, spezielle Arbeit muß sich auf ganz anderen Gebieten vollziehen, und hiermit komme ich auf den eigentlichen Hauptteil dieser Untersuchung. Außer der innern Kulturarbeit, der wirtschaftlichen Verbesserung, den religiösen Reformversuchen muß noch eine äußere, politische Aktion einsetzen. Zunächst müssen da, wo absolutes Regierungssystem noch herrscht und dem Willkürsystem von jeweiligen Machthabern und deren Dienern Haus und Tor geöffnet werden, von' den einheimischen Juden Berfaffungszustände angestrebt werden. Und die Juden aller andern Länder müssen ihnen dabei moralische und alle nur erdenkliche Unterstützung zukommen lassen. Denn, bedeutet ein parlamentarisches Regime auch durchaus noch nicht immer ein Dorado für uns, so ist es doch immerhin ein Fortschritt in der Zivilisation, und jeder Fortschritt kommt früher oderspäter auch den Juden zugute. In den konstitutionellen Reichen muß unser Recht geltend gemacht werden; wo es Verweigert wird, muß es auf dem Wege des Protestes lebhaft bis in alle Instanzen verfochten werden und so der administrativen Beugung der Verfassung ein Hemmnis bereitet werden. Die Verfassungskörper, die Parlamente, die zuständigen Behörden und die Gerichte müssen dafür in Anspruch genommen werden. Dies geschieht zwar schon vielfältig und gerade in letzter Zeit in stärkerem Maße, wenigstens bei uns in Deutschland, aber es ist noch kein rechtes System in der Sache, es sind nur einzelne Vorstöße, die wirkungslos verpuffen. Ich erinnere an die in letzter Zeit lebhaft besprochene Unteroffizier- und Offiziersangelegenheit, an die einzelnen Briese,/ die unbeantwortet bliebendie also ihr Ziel,-nicht erreichten!" Ferner an das Abschiedsgesuch eines jüdischen Stabsarztesals der preußische Kriegsminister antisemitische Angriffe auf jüdische Militärs nicht zurückgewiesen hatte, — von welchem Schritte , auch keine weitere Wirkung verspürt wurde-. Der Zenträlv'erein deutscher Staatsbürger, jüdischen Glaubens macht ja einzelne Vorstöße. Diese sind, wie gesagt, mehr von symptomatischer als effektiver Bedeutung. Es fehlt die autoritative Befugnis, die juristische Berechtigung zu gemeinsamem Vorgehen z. B. wegen Schmähung der jüdischen Religion. Da sind die Hebel anzusetzen. Ebenso wie Einrichtungen der andern Konfessionen, z. B. der katholischen Kirche, und mögen sie noch so paradox erscheinen, wie z. B. der heilige Rock in Trier, vor Beschimpfungen sicher sind, kann auch die jüdische Religion es verlangen, vor Schmähungen Und Verächtlichmachen geschützt zu werden, wenn nur erst die juristische Grundlage dazu geschaffen wird. Blutmord- und Meineidbeschuldigungen würden dann von selbst aufhören aus Furcht vor Strafe. Diese Basis muß also zunächst geschaffen werden, denn in der Tat fehlt uns dies zur völligen Gleichberechtigung mit den andern Konfessionen. Es ist dies seinerzeit verabsäumt worden und muß unbedingt nachgeholt und durch unablässiges Fordern auch erreicht werden, denn es ist dies die erste Etappe zur Parität. Ferner würden allgemeine Petitionen mehr Effekt machen als Einzelvorstöße. Wenn sämtliche jüdische Stabsoffiziere den Schritt des einen Kollegen mit. unternommen hätten, wäre der Eindruck ein anderer gewesen. Wenn sämtliche jüdischen Gemeinden wegen Zurücksetzung der Glaubensgenossen in dem Heere und dem Beamtenstande Petitionen anstreben würden, ist mehr als von den bisherigen platonischen und sentimentalen Einzelklagen zu erwarten. Freilich müßte dazu eine Zentralstelle, die alle solche Schritte veranlassen könnte, existieren. Der „Verband der deutschen Juden" iväre hierbei vielleicht die richtige Instanz. Ein sehr wesentlicher Faktor ist auch hier von Einfluß. In der Politik gelten alle Vorteile. Wo Einfluß vorhanden, muß er auch geltend gemacht werden. Daher muß das Interesse dafür geweckt werden, auch zugunsten von Glaubensgenossen gelegentlich zu intervenieren. Dies geschieht Meines Erachtens zu wenig, ja es wird, weil es sich oft hinter den Kulissen abspielt, nicht einmal allgemeine Billigung und Beifall finden. Und doch hat das Judentum dadurch früher zu allen Zeiten fast allein sein Dasein gefristet und ist daher diese Kampfmethode — die keine unehrliche — noch nicht ohne weiteres äufzugeben. Ein klassisches Beispiel findet.man hierfür im Buche Esther neben einem ganzen Quodlibet jüdischer Kanrpfmethoden, nämlich'die Intervention der Königin Esther, die sich dabei in Lebensgefahr begab.. Daneben das übliche Fasten, Kasteien und Beten zur Abwendung der Gefahr und schließlich mannhafte Abwehr mit den Waffen in der Hand — Wut comme chez nous, fönnte man nach den jüngsten Ereignissen in Rußland sagen. Also wir müssen den Einfluß möglichst zur Geltung bringen, besonders in Asien und Halbasien, Afrika, in Amerika bei der Einwanderung rc. Aber auch bei uns, in den zivilisierten Ländern, soll der .Einfluß sich Wege suchen zur Besserung unserer Lage und der unserer Glaubensbrüder in weniger anheimelnden Ländern und soll bei Großen und Kleinen, bei hohen und gewöhnlichen Ständen, ja bis in die vornehmsten Instanzen hinein ansetzen. Wir leben einmal in einer Zeit der Jnteressenpolitik, und'da ist es selbstverständlich, dfiß günstig situierte Juden zum Schutze ihrer Glaubensbrüder, die so vielfachso stark und oft so ungerecht und unter Beugung der Menschen- und Landesrechte verfolgt werden, ihren

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