Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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PS* mWmm ^^MWWKWUMlMNKMURT diesen trügerischen und für uns gefährlichen Boden wagen. Wie kann man eine infolge unendlich langer Religionsverfolgung durch Länder und Weltteile gehetzte und bunt durcheinandergewürfelte Menge, die überall von dem Milieu etwas angenommen hat, als ein Volk oder gar als eine Rasse bezeichnen? Es sei denn/ daß man diese Buntheit gegenüber der weniger durcheinander geworfenen, daher einheitlicher, „reiner" erscheinenden Stammmässe eines Landes als judentypisch ansehen will! Und in der Tat, wenn man in einer Gegend, mit. vorwiegend blonder Bevölkerung Leute auftauchen sieht, die wie Italiener, Spanier, Türken, Marokkaner, ja Chinesen aussehen, dürfte man wohl kaum fehlgehen, wenn man diese Typen als Juden bezeichnet, zumal wenn man noch einige auffallende Gesten und Manieren — Ghettoeigentümlichkeiten — mit in Betracht zieht. Nun, gleichviel -ob man religiöse oder wirtschaftliche Motive oder Stammesfragen resp. Instinkte mehr betont — die Differenzen, die stets vorhanden waren und nur zeitweilig latent gewesen sind, haben immer bestanden und werden noch sehr lange bestehen. Es ist müßig, die Schuldfrage dabei zü untersuchen. Beide Lager stehen sich feindselig gegenüber, das ist keine Frage und das kann nach meiner Meinung auch gar nicht anders möglich sein, da das Judentum ein lebendiger Protest gegen ,die Tochterreligionen ist und für die herrschenden Glaubenssysteme ein warnendes - Menetekel kommenden Zusammenbruchs. Nebenbei schreiben sich hierher die Vorwürfe gegen Juden upd Judentum wegen „Jrreligiösität" und „Untergrabung" -der Religion. Was droht nun den Juden? Für die Fortgeschrittenenmn den Emanzipationsländern eine Zurückrevidierung der erlangten Freiheiten zunächst auf administrativem und später auf legislativem Boden, Hinüberdrängen zur Taufe, Absplitterung und Zersplitterung der vorgeschobenen Külturpioniere der Juden von dem zurückgebliebenen Gros. Dem letzteren wieder drohen in Halbasien und Asien Rayons, Ghetto, wirtschaftliche Auspoverung, ethische und physische Degeneration, Verkümmerung und Verwilderung. Was ist nun unsere Aufgabe? 1. Zunächst werden wir alle möglichen Methoden anwenden, um den Zusammenhalt Per Judenheit zu festigen und damit den Fortbestand des Judentums zu sichern. Wir müssen das jüdische Bewußtsein stärken resp. erst erwecken. Alle Schädlinge, die zur Resignation, zum Untertauchen unter den andern Menschen, zum Verschwinden, zur mehr oder weniger verschämten Taufe auffordern, müssen wir rücksichtslos ausscheiden und ausmerzen. Wir müssen heute einen jeden Juden auffordern, Stellung zu nehmen und Farbe zu bekennen, und können diejenigen wenig als Mitarbeiter brauchen, welche das Judentum nur aus Ehrgefühll und Pietät beibehalten, von feiner Wichtigkeit und der Notwendigkeit feines Fortbestandes nicht überzeugt sind. Wir dürfen uns nicht durch Schliche und Ausreden irreführen lassen. Wir dürfen uns nicht durch den Einwurf und Vorwurf des Internationalismus, der eventuellen „Vaterlandspreisgabe" ködern lassen. Wir wollen nicht Unnatürliches von uns verlangen, wir sind vielleicht nicht in dem Sinne eng national wie unsere andersgläubigen Mitbürger. Wir können es auch gar nicht sein. Wir sind deswegen nicht etwa nicht nationalaber wir sind mehr, wir haben mehr Verpflichtungen als die andersgläubigen Mitbürger der verschiedenen Länder. Es verlohnt sich hier eine kleine Exkursion zu machen, um dies klar zu stellen. Wir haben als Juden noch einmal so viel Verpflichtungen als die andern. Materiell, wirtschaftlich, geistig, ethisch, national und religiös. Wir sind Bürger und Juden! Wir haben für uns und die Judenheit doppelte Exiftenzsorgen, 2(50° - . x * ' ' \ ' Daseinskämpfe, Mühen und .Leid. Wenn wir das Wort Muttersprache nennen, ist es zunächst strittig? was wir darunter verstehen :. der eine Teil seine Landessprache, der andere die seiner Religion — hebräisch, der dritte und größte die seiner Umgebung, also Jargon. Jedenfalls teilen wir für zwei resp. drei uns ans Herz gewachsene Sprachen unser Interesse. Neben großen wirtschaftlichen Erschwerungen und Opfern für uns und unsere nähere und weitere Familie und Anverwandtschaft, verwenden wir eine Unsumme körperlicher und geistiger Arbeit für die Gesamtjudenheit und. für die jüdischen Interessen unserer unmittelbaren Umgebung in Organisationen, Vereinen, in der Pressein der, Erhaltung und Verwaltung, der Gemeinden und größerer Verbände, Dinge, die für unsere andersgläubigen Mitbürger terra incognita, Luxus sind. Dafür lastet dies alles auch wie . ein Alp auf unserm Gemüt und läßt die fröhliche Naivität und Ungebundenheit der andern gar nicht oder nur selten bei uns aufkommen. Sittlich stellen wir an uns und unsere Reihen erhöhte Ansprüche unter dem Verantwortlichkeitsgefühl, unsere Glaubensgenossen nicht mit zu kompromittieren und leiden zu lassen. Religiös stehen die Aufgeklärteren, wenigstens, andern Konfessionen gegenüber, ebenfalls in einer doppelten Stellung. Hier die Vernunftreligion mit ihren Anforderringen an die Wahrheitsliebe, dort Rücksichtnahme auf Zeremonial- und Ritualgesetze der allgemeinen Judenheit — ein Verhältnis, das mehr oder weniger gezwungen ist und als Zwang empfunden wird und das Herz und den Geist vieler in Konflikte bringt. Eine Disharmonie, die christlichen Freidenkern fern bleibt. Und auch national wird uns mehr zugemutet und bekommen wir in der Tat auch mehr fertig als die andern, indem wir trotz der vielfach vorenthaltenen Rechte alle Pflichten und Lasten — auch die freiwilligen — gern tragen, aber auch die in uns von altersher enthaltenen jüdischen Elemente nicht untergehen lasten, und sie benutzen zur Förderung des internationalen Zusammenhangs der Juden. Wir könnten selbst einen Judenstaat anstreben und dabei bewußt gute Patrioten unserer Heimatländer bleiben! Diese Tatsachen muß man würdigen lernen, um die Juden und die sie beherrschenden Gefühle und Verpflichtungen nicht nach der gewöhnlichen Alltagsschablone zu zeichnen. : Wir begegnen etwas Aehnlichem in den katholischen Parteien, zum Beispiel bei dem Zentrum und seiner Stellung zu Rom und dem Papst. Daraus irgend welche Vorwürfe zu konstruieren, ist ebenso unberechtigt wie die Beschwerde gegen jüdische Vereinigungen, welche mit einer Art innerer Mission kulturelle „Neinmachearbeit" im Judentum verrichten wollen und dazu nur Glaubensgenossen als Mitarbeiter brauchen können, daß nämlich hierbei unnütze Separation vorläge! . Im Grunde genommen fängt mit jeder in die Augen fallenden Synagoge die „Separation" an! Und ebenso müßte man, wenn jener Einwand berechtigt wäre, aufhören, jüdische Arme, Kranke, Sieche rc. durch die Unzahl jüdischer Wohlfahrtsvereine zu versorgen. . . Weitere allgemeine Organisationspläne sind folgende Gesichtspunkte: A. Das Solidaritätsgefühl aller Juden (Kol Jisroel Chaweirim seh boseh) muß nicht nur in jedem lebendig unterhalten und gepflegt,, sondern auch in Wirklichkeit betätigt werden durch planmäßige Annäherung der verschiedenen Gesellschafts- und Anschauungsschichten, ~ durch Wegräumung aller Kastenunterschiede, aller Vorurteile, durch weitgehende Toleranz rc. rc. _ B. Allgemeine geistige und wirtschaftliche Kulturarbeit innerhalb der Judenheit, wo es nötig ist, ohne Rivalität und Eifersucht der sich dabei betätigenden Verbände.