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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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257 Einzelfälle den Blick für das Ganze zu verlieren. Als einen anscheinend zu mißbilligenden Vorgang "erwähnt er beispielsweise, daß in Amerika vor kurzem eine junge Dame, welche zu ihrer Verheiratung nach Amerika gekommen war, zurückgewiesen worden ist, weil sie an einer ansteckenden Augenkrankheit litt, so daß der Bräutigam sein Geschäft aufgeben und mit der Braut alsbald nach Europa zurücktehren mußte. Was denkt sich eigentlich der Verfasser? Meint er, daß die dortige Bevölkerung, um das junge Glück des Brautpaares nicht zu stören, sich von der ansteckenden Augenkrankheit verseuchen lassen soll? Ich bin der Meinung, daß die jüdischen Parlamentsmitglieder in England, welche sich bei der ersten Lesung der Abstimmung enthalten haben, die Bill für sachgemäß hielten und nur als Juden Scheu trugen, für sie zu stimmen. Gewiß mag man sagen, daß die Bill in einem gewissen Sinne englisch ist, indessen wäre dies ja wohl ausschließlich eine Angelegenheit der Engländer. Auch die militärische Dienstpflicht ist zum Beispiel unenglisch, indessen die Weltgeschichte steht nicht still, und es ist sehr die Frage, ob die Engländer nicht vielfach dazu werden übergehen müssen, Einrichtungen zu treffen, die im bisherigen Sinne als unenglisch zu bezeichnen sind. Die Angelegenheit der russischen Pässe wird sich vermutlich befriedigend durch das Eintreten der J. C. A. ordnen lassen. Wie bekannt, unterhandelt diese mit der russischen Regierung, um die Pässe zu verbilligen und deren Beschaffung zu erleichtern. Wenn der Verfasser zum Schluß gewissermaßen die Hoffnung ausspricht, daß die Liberalen ans Ruder kommen und das Gesetz, das sie gegen ihre Ueberzeugung und Grundsätze angenommen, beziehentlich hätten durchgehen lassen, durch humane Anwendung würden unschädlich machen, so halte ich diese Idee für verfehlt. Beide Parteien werden ein bestehendes Gesetz loyal anwenden. Die englischen Konservativen sind in keiner Weise weniger human als die Liberalen. Es ist durchaus verfehlt, sich durch das Wort liberal zu einem Urteil verleiten zu lassen. Was in England überhaupt an konfessionellen Vorurteilen vorhanden. ist hauptsächlich gerade bei Liberalen zu finden. Gladstone, der „große" Führer der Liberalen, hat sich sogar bei der Leitung der auswärtigen Politik durchaus von konfessionellen Gesichtspunkten leiten lassen. Er machte 1881 mit den Transvaalern Friede, weil es Unrecht sei, ein christliches Volk zu bekriegen, sein politisches Dogma war, daß Rußland als Vorkämpfer der Christenheit berufen sei, den Mohammedanismus aus Europa zu vertreiben. Er hat deshalb niemals den Protesten gegen die Unterdrückung der russischen Juden sich angeschloffen, entsprechenden Aufforderungen gegenüber vielmehr sich stets durch ausweichende Stellung, wie die Betonung der Notwendigkeit, erst die genauere Untersuchung der Fälle abzuwarten rc., geschickt entzogen. Wenn es nun auch in dieser Beziehung in der liberalen Partei Englands etwas besser geworden ist, so sind Teile dieser Partei immerhin im Verhältnis zur konservativen Partei eher konfessionell und russenfreundlich gerichtet. Und zum Schluß die Frage: wozu in die Ferne schweifen, sieh, das Schlechte liegt so nah! Augenscheinlich würde selbst im Fall der Annahme der Fremdenbill in England dieses dem russischen Juden noch wesentlich gastlicher sein als Deutschland. Das Recht „am" Fremdling ist den deutschen Schiffahrtsgesellschaften nach wie vor verblieben. Warum schreiben denn nun aber unsere Blätter so wenig über diesen schreienden Mißstand? Man wird bei dem Ver-- halten der Presse Deutschlands gegenüber der englischen Fremdenbill lebhaft an die Anekdote von dem Landgerichtspräsidenten erinnert, der dem Assessor den erbetenen Urlaub anstandslos bewilligt, auf das Urlaubsgesuch eines alten Rats aber voller Befremden in die Worte ausbricht: Dreißig Jahre lang haben Sie keinen Urlaub verlangt und jetzt wollen sie mit einemmal Urlaub haben? Aus Sumänien. Bukarest, 5. Mai. üffen denn sämtliche Reisende, die die rumänischen Verhältnisse kennen lernen wollen, die Judenfrage berühren? Die Frage muß bejaht werden. Rumänien ist in weiteren Kreisen nicht so sehr durch seine Anleihen, Bodenerzeugnisse und Erdölquellen, wie durch die anormale Lage seiner Juden bekannt geworden. Und gerade so wie' vor etwa zwei. Jahren alle Welt bei uns in Rumänien von den temperamentvollen Reiseskizzen des Herrn Dr. Hugo Ganz sprach, ebenso besaßt man sich jetzt mit den Reiseschilderungen eines Franzosen, des Herrn Andre Bellessort, die in den letzten Heften der Pariser „Revue de deux mondes" erschienen sind. Herr Bellessort reist nicht zum ersten Male. Genau vor zehn Jahren weilte derselbe in Südamerika und die damaligen Erlebnisse schilderte er in der vorhin genannten Zeitschrift und im „l'emps", sowie in seinem 1897 bei Perrin & Comp, in Paris erschienenen Werk „La jeune Amerique, Chili et Bolivia." Später bereiste er Japan und seine in der ,.Revue de deux mondes“ unter dem Titel „Die japanische Gesellschaft" erschienene Artikelserie (auch als Buch „L a societe japonaise“, Paris 1903, Perrin) lieferte ein anschauliches Bild der japanischen Verhältnisse. Die jüngste Reisebeschreibung — A travers la Roumanie — des Herrn Bellessort bildet, wie gesagt, das Tagesgespräch in Rumänien. Es ist dies wohl darauf zurückzuführen, das I die Schilderungen des französischen Reisenden in die weitesten Kreise gedrungen sind — nicht durch die „Revue des deux mondes,“ die ja selbst in einem Lande, wo viel Französisch gelesen wird, immerhin eine Zeitschrift für die oberen Zehntausend bleiben muß, sondern dadurch, daß diese Reiseskizzen in der hiesigen, in französischer Sprache erscheinenden Tageszeitung: „L’Independence Roumaine" wiedergegeben wurden. Begegnet man einem Freunde, so ist man dessen sicher, daß außer von der neuen Regierung, auch von dem französischen Reisenden die Rede sein' wird. Ach, wir sind nicht umsonst Romanen und können über eine uns angetane Unbill nicht so bald zur Ruhe kommen. Haben die Reiseschilderungen Bellessorts in Rumänien unangenehm berührt? Zweifellos nur teilweise. Der witzige Franzos, der uns in der allerhöflichsten Weise so manchen Hieb versetzt, hat gewiß manche Mißstimmung erregt, insbesondere bei Leuten mit beschränktem Verstand. Zu den Mißgestimmten gehört auch Professor Nikolaus Jorga, Ordinarius für Geschichte an der Bukarester Universität, der in seinem Organ („Samanaturol“ IV. 1905, Nr. 9 und 10) sich der Mühe unterzogen hat, Herrn Bellessort seine Meinung zu sagen. Er macht dem französischen Reisenden den Vorwurf, daß er wohl Großgrundbesitzer, Kaufleute. Juden und Sozialisten besucht habe, nicht aber die Universitäten, die Akademie, rumänische Gelehrte, — wohl besonders nicht Herrn Professor Jorga. Herr Bellessort hat die Judenfrage gestreift und das hat unseren Historiker, der „völkisch" empfindet und als solcher die älteren Rechte der Stammbevölkerung höher schätzt als die Menschenrechte, aus dem Häuschen gebracht. Es war zweifellos ein guter Gedanke des Herrn Bellessort, gerade mit unserem bedeutendsten Staatsmann, mit Herrn Peter Carp, über die rumänische Judenfrage Rücksprache zu nehmen : ist er doch gegenwärtig, der einzige rumänische Staatsmann, der es gewagt hat, die Lage der Juden vom menschlich-rechtlichen Standpunkt zu beurteilen. >•-<-• „Sie sagen mir, — wendete sich Herr Carp an Herrn Bellessort — daß Sie keine verfolgten Juden angetroffen hätten! Wenn aber ein Präsekt die einem Juden gegebene

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