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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-06-02 · Heft 22 (2.6.1905) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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I 254 1825 * eingehen. Sftatf) Schmids Geschichte der Erziehung, ■ Band IV, lag der Hauptgrund dafür darin, daß die gebildeten jüdischen Familien anfingen, ihre Kinder in christliche Schulen zu schicken. Die jüdische Freischule hat unter Bendavid. - auch christliche Kinder ausgenommen. Der sonst für leidlich freisinnig geltende 'Minister vonMtenstein verbot jedoch 1818 den Besuch christlicher Kinder. " Am 29, Dezember 1825 war die jüdische Freischule in Berlin geschlossen worden, aber schon am 3. Januar 1826, also fünf Tage danach, wurde an ihrer. Stelle die jüdische Gemeindeschule unter vorläufiger Leitung des Dr. Zunz eröffnet. Die Initiative zu ihrer Gründung war von Zunz und von dem durch ihn begründeten „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" ausgegangen Und der Plan von den Aeltesten der jüdischen Gemeinde mit großem Eifer durchgeführt worden. Es sollte eine „höhere Volksschule" sein .für „Arme und Reiche", die Armen sollten unentgeltlich ausgenommen werden, jedoch völlig gleiche Behandlung mit den zahlenden Schülern genießen, so daß nicht einmal den Lehrern die nichtzahlenden bekannt sein sollten. Der Zweck der Anstalt war, die Knaben „zu religiösen und brauchbaren Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft" auszubilden, wie der bekannte tüchtige Schulmann, Rektor Horwitz, in seinem von Jakob Thon hier mitgeteilten Ueberbtick über die jüdische Gemeindeknabenschule nach dem Statut von 1857 auseinandersetzt. Von 61 in den Jahren 1830 und 1831 von der Schule abgehenden Zöglingen wurden 22 Handwerker, 14 gingen. in eine andere Lehranstalt, 9 wurden Kaufleute. Eine von ähnlichen Tendenzen erfüllte jüdische Freischule war die Samsonschule in Wolsenbüttel, die 1786 begründet wurde. Diese Schule, die heute die Rechte einer Realschule hat und von Christen und Juden ohne Unterschied besucht wird, nahm ihren Anfang aus einer von Philipp Samson errichteten „talmudischen Lehranstalt für arme Knaben", die mit einer Synagoge verbunden war. 1805 erfolgte die Umwandlung in eine deutsche Lehr- und Erziehungsanstalt mit Freizöglingen. Erster Leiter der neuen Anstalt wurde ein früherer Bethamidrasch-Zögling Samuel Ehrenberg. Waren diese hier genannten Schulen ausschließlich der jüdischen Humanität und Hilfsbereitschaft für ideale Ziele zu verdanken, so erhielt die von mehreren jüdischen Philanthropen in Dessau 1799 begründete Franzschule schon 1815 von dem Herzog Franz von Anhalt einen für jene Zeit bedeutenden Zuschuß von 300 Talern jährlich. Eine andere jüdische Schule, die mit Staatshilfe 1789 in Breslau errichtete Wilhelmsschule, hatte anfangs viele Kämpfe mit den Vertretern der starren Tradition durchznmachen. Zum Leiter dieser anfangs „Industrieschule" benannten Anstalt war Joel Löwe, einer der berühmtesten Measfim und Freund Mendelssohns aus Berlin, berufen -worden. Die Aufklärer errangen einen völligen Sieg, indem 1822 von der Regierung, die nach der damals üblichen und verdanunenswerten Art von beiden jüdischen Parteien angerufen worden war, alle jüdischen Winkelschulen geschlossen wurden. Am deutlichsten tritt die enge Verknüpfung zwischen Schule und Reformtempel bei der durch Jakobson im Jahre 1801 in Seesen begründeten jüdischen Schule an den Tag. Da an dieser Stelle anläßlich der Jahrhundertfeier im vorigen Jahre eine ausführliche Geschichte des KrankfurterPhilanthroPins als der hervorragendsten damaligen Schulgründung bereits gegeben worden ist, können wir die rückblickende Uebersicht über die älteren jüdischen Schulen mit Thows aus dem Programm der Jakobsohnschule (von Arnheim und Philippson) geschöpften Bericht über die jüdische Schule in Seesen schließen. Die mit zwölf armen jüdischen Zöglingen 1801 eröffnete „Religions- und Industrie-Schule" hatte berditß 1805 46 jüdische Zöglinge und außerdem eine Anzahl christlicher Schüler, letztere wohl ursprünglich mehr des humamMchen Renommees halber, wenn. es auch in der Phraseologie.jener Zeit heißt, daß der Stifter, durch diese Anstalt ,>die große Scheidewand, durch welche Christen und Israeliten getrennt würden", beseitigen wolle. 1838 wurde die JakobsorHchule als simultane höhere Bürgerschule organisiert, im Jahre 1869 als Realschule zweiter Ordnung. 1901 waren an der Anstalt 123 Juden, 152 Christen, letztere überwogen auch 1904. — Wenn hier seit 100 Jahren nach und nach jüdisch gestifteten Schulen sich anch christlichen Schülern erschlossen^ so ist der Zeitpunkt nicht genau festzustellen, an dem Juden nichtjüdische Schulen zu besuchen beginnen. Die mit jüdischem Wissen ebenso wie mit moderner Bildung ausgestatteten Bankierfamilien, deren Häupter an den Hosen verkehrten und auf die einseitige Historiker wie Treitschke wegen ihres bedeutenden Einflusses die Schale ihres Grolles ausschütten. wie die Samson, Jakobson und andere, waren auch hier zum Teil die Pioniere, wurden aber in den Leistungen von den „Kindern der Armut" überflügelt. Jost erzählt, 'das; Zunz 1809 in Wolfenbüttel/ der erste jüdische Gymnasiast, er selbst in Braunschweig der zweite gewesen sei, während in'Berlin nur wenige, in vielen größeren Städten gar keine jüdischen Gymnasiasten waren. Bekannte Bildungsstationen waren übrigens auch Königsberg i. Pr., wo die Measfim Einfluß hatten, Magdeburg und Groß- Glogau, aus dessen Gymnasien Männer wie Arnheim, David Cassel rc. hervorgegangen sind. Bekanntlich hatte Kant eine Anzahl begabter jüdischer Hörer, die zu den eifrigsten Verbreitern seines Systems gehörten. Nach einer von Thorn aus dem Jahre 1825 für den Regierungsbezirk Aachen angezogenen Statistik besuchten von 100 schulpflichtigen Kindern damals die Schule Evangelische 86,39 Prozent, Katholiken 50,31 Prozent und Juden nur 37,99 Prozent. Heute ist es gerade umgekehrt und überwiegt der Prozentsatz der jüdischen Schüler. Die heutige große Frequenz der Juden in den höheren Schulen erklärt der bekannte Pädagoge Paulsen daraus, daß die jüdische Bevölkerung erstens über den Durchschnitt (?) wohlhabend, zweitens fast ausschließlich eine städtische und drittens allein auf den Weg der Universitätsbildung angewiesen sei, da die Armee ihr verschlossen bleibe. Der erste Grund wird von Paulsen überschätzt, dem Thon sehr richtig entgegenhält, daß z. B. in Galizien die jüdische Bevölkerung zweifellos zur ärmeren gehört, und doch ist ein überwiegender Prozentsatz der schulbesuchenden Bevölkerung jüdisch. Auch dürfe man, sagt Paulsen, nicht verkennen, daß die Juden bei geistiger Regsamkeit hervorragende Zähigkeit des Willens besitzen, gepaart mit der Gabe, Entbehrungen um des Zieles willen zu ertragen. Den Wert des gerade bei den Juden auch in Deutschland vor einigen Jahrzehnten verbreiteten Privatunterrichts scheint . Thon ein wenig zu unterschätzen; oft hatte der geschmähte „polnische Melamed" im kleinen Finger mehr geistige Kraft und Scharfsinn als ein Dutzend Seminaristen. Als in deutschen Staaten noch halbgebildete invalide Soldaten „christlich Schule hielten", sahen jüdische Lehrer, obwohl Autodidakten, doch reich an Wissen, bereits in der Erziehung des jungen Geschlechts die Erfüllung einer Lebensaufgabe, einer heiligen Pflicht den; Judentum gegenüber. Die starre Orthodoxie, die vor 100 Jahren der modernen Bildung gegenüber noch Widerstand leistete, war bald verschwunden. Nunmehr suchten die frommen Rechtgläubigen durch Verbindung der modernen Schulbildung mit gründlicherem' Studium der jüdischen Religionsquellen eine am

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