Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 2. Juni 1905. 69. Jahrgang. No. 22, Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46 49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redaktor»»: Gustav Rarpele». Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Stratze 96/49, zu richten. Verlag von Rudolf ZNoffe, Berlin. Drr Nntell der Juden sm Anterrichtswelen in Kreutzen. Berlin, 29. Mai. nter diesem Titel hat der Verband für Statistik der Juden, eine Schrift erscheinen fassen, die der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin mit Recht subventioniert hat, da aus Anlaß des bald zur parlamentarischen Verhandlung kommenden preußischen Gesetzentwurfs über die Volksschulnnterhaltungspflicht das Bedürfnis nach einer solchen statistischen Arbeit sehr rege ist. Nicht minder wichtig ist es, daß das Verhältnis des jüdischen zum allgemeinen Schulwesen durch einen besonderen und reichhaltigen geschichtlichen Teil in dieser Schrift erläutert wird. Wenn man bedenkt, daß trotz des Druckes, der vom Ghetto her auf den Juden lastete, ein großer Teil der bedeutendsten Männer des Judentums aus dem früheren biblisch-talmudischen Unterrichtssystem hervorgegangen ist, wird man die mitunter einseitige Art, wie der Staat heute ans die Schule Beschlag legt, gern durch einen Rückblick auf die frühere Zeit prüfen und danach seine Stellung zu den schwebenden Schulfragen einrichten. Ein bedeutender Pädagoge erläutert das Wort „Wer die Schule hat, hat die Zukunft" dahin: „Der Staat kann sich gegen nichts gleichgültig verhalten, was sein Bestehen sichert, also namentlich auch gegen die Religion nicht; aber eine Herrschaft darüber hat er nicht; und es geht auf Usurpation aus, wenn er für alles die entscheidende Kulturmacht sein will, wie es ebenso umgekehrt auch die Religion nach ihrer Bestimmung nicht sein kann. Im Mittelalter konnte und mußte sie die vorherrschende pädagogische Macht wie an den Völkern so auch an den einzelnen sein, weil die Idee des Staates noch unentwickelt war." Wir Juden haben früher vom Staate gar keine Förderung für den Unterricht unserer Kinder erfahren. Das System ging eher auf die Hemmung und Unterdrückung, als aus die Bildung der Juden hinaus. Aber guter Privatunterricht und die Talmud-Thora, von der gesamten Judengemeinschaft oder einem speziellen Verein, unterhalten, fehlte fast nirgends, wo Juden wohnten. Lesen, Schreiben, Bibel und Kommentare, in den höheren Jahrgängen auch Talmud bildeten und bilden den Lehrgegenstand an solchen jüdischen Schulen, wie sie in Osteuropa noch heute vielfach vorhanden sind. Für die Aermeren ist der Unterricht unentgeltlich; sie erhalten mitunter Bekleidung und Nahrung noch außerdem. Mit Recht präzisiert Dr. Jakob Thon, der den geschichtlichen Teil der aktuellen und dankenswerten Schrift verfaßt hat, mitunter mit Anlehnung an Güdemanns bekanntes Werk, aber auch mit Herbeibringung eigenen Materials über die jetzt noch bestehenden jüdischen Schulen, in seiner der Vergangenheit gewidmeten Einleitung, den Stand unseres Erziehungswesens: „Wir könnten von einer seit jeher bei den Juden bestehenden allgemeinen Schulpflicht sprechen, von der nur das weibliche Geschlecht ausgeschlossen ist", was bei Güdemann noch stärker betont, lautet: „Die Achtung vor der Bildung wie die Verachtung der Ungebildeten (Am-haarez) war eine so allgemeine, daß die Eltern keine Kosten scheuten, um ihren Söhnen eine einigermaßen gelehrte Bildung zu geben." Während heute die großen Scharen der Schüler in den Staatsschulen fast nur durch äußere Disziplin in Ordnung gehalten werden, wurden in jenem heute für veraltet geltenden jüdischen Unterrichtssystem große Persönlichkeiten herangebildet mit mächtigen Antrieben für ein Leben der uneigennützigen , Hingebung, die auch, als sich ihnen das moderne Leben erschloß, mit der Energie der Ueberzeugung und Begeisterung erfolgreich neue Bahnen einzuschlagen wußten. Die freie Entwicklung der Geistesanlagen, die heute vielfach durch Gedächtnisüberladung verhindert wird, zeigte sich unter ° uns gerade bei bedeutenden Männern wie Zunz, Jost, Grätz, Philippson, Geiger, Kayserling, bei Juristen wie Makower und Lasker, die noch durch Privatunterricht, aber jedenfalls ursprünglich ganz nach dem jüdischen Unterrichtssystem erzogen waren. Allerdings wäre ohne Moses Mendelssohns Bibelübersetzung der Uebergang zur neuen Zeit nicht so leicht und schnell möglich gewesen, wie Schmid in seiner Geschichte der Erziehung hervorhebt: „An den Namen Moses Mendelssohn knüpft sich darum ein so bedeutsamer Umschwung auf dem Gebiete des jüdischen Bildungswesens, weil er beides in sich vereinigte, den aufgeschlossenen Sinn für die Gedankenarbeit des jüdischen Geistes und den beharrlichen Willen, an der väterlichen Religion festzuhalten." Das jüdische Philantropin in Frankfurt und die jüdischen Schulen in Dessau und Berlin waren ganz auf diesen Ideen aufgebaut. Am frühesten entstand eine moderne Schule in Berlin, die jüdische Freischule, die schon 1761 geplant, 1778 zur Errichtung gelangt und zum Muster für andere gleichartige, später in Deutschland gegründete Schulen wurde. In den ersten zehn Jahren ihres Bestehens besuchten diese Schule 500 bis 600 Knaben, doch konnte sie sich aus die Dauer nicht erhalten. Eine Eingabe an das Ministerium um Unterstützung der Schule wurde vom Minister Massow abgewiesen. Obwohl nach dem Tode ihres Begründers Daniel Jtzig an der Schule Lazarus Bendavid zwanzig Jahre hindurch unentgeltlich das Amt eines Direktors versah, und auch andere Lehrer auf ihr Gehalt verzichteten, um das Bestehen der Schule zu ermöglichen, mußte die Schule schon