Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228658--61740-3275577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
t ' . IR r~ ipSssw 251 ,LL^ : ,Wohin mein . Freund," fragte er ruhig, als er ihn erreichte. ' ■■'■;;:: ■■'; ' „Wohin? Das fragst Du? Nach Byzanz, meine Rachel retten oder mit ihr sterben. Wo bleibt der Sklave mit dem Pferd!?"' ' „Willst Du einem Freunde zu Gefallen sein?" - „Wie das?" , „Warte noch eine Stünde. Ich will mit Dir sprechen." „Gerade jetzt?" ' „Ja, wenn Du mir ein wahrer Freund bist, so warte die Stunde." „Es ist schwer, sehr schwer, — aber — ich warte." „Habe Dank." . - Eine ganze Stunde gingen die Freunde im Garten des Palastes nebeneinander auf und nieder. Jbn Muffta beschwor Leonicht nach Byzanz znrückzukehren. Es wäre sein sicherer Tod und Rachel könnte er nichts nützen. Was dort geschehen sei, sei geschehen. Wenn sie aber noch lebe, könne er sie von Belendscher aus eher retten, als in Byzanz. „Wie das?! Wie?!" schrie Leo. * „Ich habe einen Plan, mein Freund. Laß Dich aufnehmen in den Bund Abrahams, werde Jude und Chazan. Dann verlange von Deinem König, Ehakan Bulan, daß er Deine Frau Rachel ans unverschuldeter Gefangenschaft in fremdem Lande befreie. Dann wird unser gerechter König sie von Irene verlangen, mit dem Schwerte in der Hand, so es nötig sein sollte, und wenn Deine Rachel dann noch lebt, dann wirst Du sie bekommen." _ , Und noch lange redete Jbn Muffta so zu seinem Freunde Leo, bis ein Sklave kam, der sie suchte und sie bat, zum König und zum Rät der Weisen zu kommen. Viele Stunden dauerte die Beratung. Es wurde beschlossen, Byzanz nicht sogleich, mit Krieg zu überziehen, da man Geschehenes nicht ungeschehen machen könne und man auch mitden tributpflichtigen Wjatitschen und Poljaren wahrscheinlich würde Krieg führen müssen. Dagegen sollte eine Gesandtschaft abgehen nach Byzanz mit Geschenken für Irene. Diese Gesandtschaft sollte erklären, daß die Juden von Byzanz fortan unter dem Schutze des Chäzarenkönigs Ehakan Bulan ständen und nicht unschuldig verfolgt werden dürften. Gleichzeitig sollten sie die Auslieferung der Rachel Benoni verlangen, die ein Untertan des Ehakan sei. Auf dieser Forderung sollten sie unbedingt bestehen, und wenn es hieß, daß Rachel Benoni tot sei, so sollten sie ihre Leiche verlangen. In dem Falle sollten sie keine Stunde verziehen lassen, sondern verlangen, sofort zur Leiche geführt zu werden. Und sollte Irene den Wünschen der Gesandtschaft nicht Nachkommen, dann wäre es an der Zeit, Byzanz mit Krieg zu überziehen. Am nächsten Tage brach die Gesandtschaft, zwanzig Mann, zehn Krieger und zehn Gelehrte, aus nach Byzanz. Sie trugen mit sich viele kostbare Geschenke aus Gold und Silber und Edelstein und ein Bildnis des Ehakan, gemalt in Oel von einem byzantinischen Maler, der einst geweilt hatte in Belendscher. An demselben Tage wurde Leo ausgenommen im Bund Abrahams, „denn der verehrt keine Bilder," sagte er. Sein Freund Moses Jbn ’ Muffta blieb mit ihm in Belendscher. Alle atmeten tief auf, als Joseph schwieg. Die Spannung auf den Gesichtern machte einem Ausdruck der Ermüdung Platz. Namentlich Joseph sah sehr mitgenommen ans. Maria bemerkte es. „Sie werden mehr ruhen muffen," meinte sie. . „Morgen müssen wir so wie so die Lesung aussetzen, da es Sabbat ist," sagte Joseph. „Das wird genügen." Das Gehörte hatte einen tiefen Eindruck aus alle gemacht, jeder hing seinen Gedanken nach. Zum Besprechen waren alle zu abgespannt, auch war es bereits Heller Morgen. So verabschiedete man sich also und ging zu Bett. Zwei Tage später wurde die Lesung wie üblich wieder ausgenommen. Schon nachmittags wurde begonnen, denn Joseph fühlte sich wieder ganz wohl und die Ungeduld war ättfs höchste gestiegen. Und mit wenigen Unterbrechungen, während deren etwas genossen wurde, diktierte Joseph, wie folgt: „Kaiserin Irene war berühmt wegen ihrer großen Schönheit. Sie war so unbeschreiblich schön, daß sie alle Männerherzen betören konnte; daß jeder Mann, der in ihre Nähe käm, ihr untertänig und zu Willen war. Alle die Feldherren von Byzanz wußten, daß sie eigentlich Konstantin VI.', ihrem Kaiser, zu gehorchen hatten und so mancher unter ihnen war äüs seiner Provinz gekommen, um sich seinem Herrn zu Diensten zu stellen. Aber wenn sie dann mit Irene zusammenkamen, dann sanken sie ihr zu Füßen und beteten sie an. Und da Irene ebenso klug wie schön war, verstand sie ihre Schönheit auszunutzen. Sie ließ bald diesen Feldherrn, bald jenen Staatsmann hoffen, sein Liebeswerben werde erhört werden und spielte dann einen gegen den andern aus. Einst kam Kaiser Karl der Große nach Byzanz, um Konstantin VI. zu seinem Rechte zu verhelfen. Kaum hatte er Irene gesehen, als er auch schon vergessen hatte, weshalb er gekommen war und Irene heiraten wollte. Sie machte es mit ihm, wie mit 'Ihren Feldherren, versprach es und verschaffte sich viele Vorteile. Aber geheiratet hat sie ihn nicht. Und so geschah es, daß Irene regieren konnte als Kaiserin von Byzanz, während der wirkliche Kaiser, ihr Sohn, fast wie ein Gefangener gehalten wurde, obwohl das ganze Volk und' die meisten Patrizier ihm zugetan waren. Im Paläste zu Byzanz herrschte- Zittern und Beben. Der Ausgang der Zirkusspiele hatte die Kaiserin in eine maßlose Wut versetzt. Wegen geringer Vergehen ließ sie Sklaven zu Tode peitschen. Einen Kapitän der Stadtsoldaten, der ungefragt hatte, od man die geflüchteten Juden verfolgen oder wieder einfangen sollte, ließ sie in die Verbannung schicken. Immer mußte sie an Neschuschta denken, die sie für eine jüdische Hexe hielt und an ihren Fluch. Und dann die Eule! Sie zitterte und wurde bleich, wenn sie daran dachte. Wie gern hätte sie die Juden büßen lassen für das, was Neschuschta getan, wie gern sie wieder .einfangen und jetzt erst recht martern lassen. Aber der Fluch und die Eule hielten sie davon ab. Sie fürchtete sich. Es schien ihr, die Juden verfügten Über Zaubermittel. Hatten sie doch Magier. An einem Fluch und einer Eule hatte sie schon genug. Vielleicht ließ sich der Fluch noch abwenden, wenn man die Juden in Ruhe ließe. Und zum Erstaunen ihrer Umgebung gab sie den Befehl, keinen . Juden zu belästigen, bei Todesstrafe. Nachdem sie den Befehl erteilt, war sie noch wütender als zuvor. Jetzt haßte sie die Juden. Aber den Befehl zurückzuziehen wagte sie nicht. Und nun kamen auch noch die zehn übrig gebliebenen Getreuen, die dem Leo, als Kaufleute verkleidet, nachgeschlichen waren und berichteten von dem Fehlschlagen ihrer Mission. Sie berichteten, wie sich Leo gewehrt habe, als wenn er mit dem Teufel im Bunde wäre, und wie er sieben niedergehauen, ehe er gefesselt werden konnte. Und als man ihn schon soweit hatte, da seien fremde Soldaten gekommen 'und haben ihn fort geführt, — wohin konnten die Leute nicht Ü