Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Anschauung von der Person Gottes. Gegenüber solchen Verirrungen muß immer 'wieder betont werben, daß Gott Idee und nur Idee in der methodologischen Bedeutung des Wortes bleibt. „Gott ist 'Idee, das will sagen: er ist volles-,reines, tiefstes Problem des Wissens, der sittlichen Erkenntnis. .Außerhalb des Wissens aber gibt es kein Interesse des Geistes, kein Problem des Denkens. Unter keinem Ausdruck darf ein Ersatz angeboten werden für das Denken und für die Erkenntnis. Daher darf Gott auch nicht zu einem Inhalte des Glaubens werden, wenn dieser Glaube einen Unterschied . vom Wissen bedeuten soll.. Keine Vorsicht und keine Kritik des Wissens darf über die schwere Gefahr hinwegtäuschen, welche durch diesen Unterschied herbeigezogen wird." Und noch eine weitere Gefahr ist in der Materialisierung der.Gottesidee zu erblicken. Wenn Gott den Charakter einer Person involviert, so müssen Natur und Sittlichkeit als Ausfluß der Gottheit mit einander identisch sein, der Pantheismus wirdals wahre Philosophie auf den Schild gehoben. Daß aber mit dieser Metaphysik die Ethik vernichtet wird, bedarf keiner weiteren Begründung. Nur dann aber bleibt die Identität zwischen Natur und-Sittlichkeit ausgeschlossen, wenn der Jmmanenzcharakter Gottes in den Transzendenzcharakter sich verwandelt. Die Transzendenz aber bedeutet Gott als Idee. Die Idee läßt die Differenz zwischen Natur und Sittlichkeit bestehen und bewirkt dennoch ihre Vereinigung nicht im Sinne der Identität, sondern im Sinne der Harmonisierung, nicht im Sinne des natürlichen Seins, sondern im Sinne des idealen Seins, im Sinne des Werdens in der Ewigkeit. Wir haben in knappen Grundzügen versucht, Cohens System .dem Leser vorzusühren. Es wäre noch dringend erforderlich, auch die Mittel und Wege zu skizzieren, die die Stetigkeit und Fertigkeit der sittlichen Handlungen, verbürgen: Das System der Tugenden. Indessen überstieg bereits die Ausführlichkeit der Begründung weit das Interesse eines Lesepublikums, dem es mehr an der Befriedigung literarischer Tägesbedürfnisse als an der Vertiefung in philosophische Probleme gelegen sein muß. Wir schließen daher unser Referat, .um es bei geeigneter Gelegenheit in entsprechender Form zu ergänzen. Aber auch aus den bisherigen Darstellungen wird sich der Leser des Eindrucks nicht erwehren können, daß Cohens Ethik ein „literarisches Ereignis" bedeutet. Die Tiefe der Spekulation, der ideale Gehalt seiner Persönlichkeit, die glänzende Diktion, der rhythmische Bau des Systems — diese Momente allein würden bereits genügen, um Cohens Buch als eine phänomenale Schöpfung deutscher Kultur, deutschen Geisteslebens zu bezeichnen. Und dennoch erschöpft sich die Bedeutung seines Werkes keineswegs in den an gedeuteten. Beziehungen. Cohen ist der genialste Apologet des Judentums geworden, sein Werk ist nichts geringeres als die wissenschaftliche Verifizierung der jüdischen Religion, wie sie bisher kaum einen: jüdischen Philosophen gelungen ist. Und mit dieser Art der Verifizierung bildet sein Werk eine der wichtigsten Etappen auf dem Wege der Weiterbildung der jüdischen Religion. Seit Abraham Geiger den Entwicklungsbegriff zum schöpferischen Grundprinzip der wissenschaftlichen Ausgestaltung der jüdischen Religion erhob, ist für die Weiterbildung ihrer Prinzipien kein Begriff mehr entdeckt worden, der das Judentum mit dem wissenschaftlichen Kulturbewußtsein in Einklang gebracht hätte. Der Hegelianismus feierte auch im Judentum seine traurigen Triumphe. Alles, was war, war vernünftig und ist vernünftig — so lautet das Dogma jener opportunistischen Schule, die im trägen Behagen an der so „praktischen" juste-miüeu Theopje ihre wissenschaftliche Befriedigung findet. Und alle Apologetik, die in diesem Lager betätigt wurde, konnte nicht eifrig genug die Fehler im fremden ^Lager entdecken,. für. die eigenen fehlte der kritische Blick. Zwar versäumte man nicht, die ethischen Sentenzen der Gesetzeslehrer als „das Wesen des Judentums" zu bezeichnen. Aber, so wenig die Gesetzeslehrerdie nicht „wesentlichen" Bestandteile in praxi als unwesentlich betrachten, so wenig können auch die. Vertreter des Wesen-Judentums sich dazu verstehen, die unwesentlichen Bestandteile als unverbindlich zu erklären. Woher dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis? Es fehlte bisher an der wissenschaftlichen Formel, die eine schöpferische Kritik der eigenen Religion ermöglicht hätte. Das prophetische Prinzip der Allheit, dem Cohen wissenschaftliche Begründung, verlieh, kann allein als eine solche fruchtbare Formel bezeichnet werden: Wahren Geltungswert können nur solche Gesetze beanspruchen, die dem Allheitsinteresse, dem Interesse der ganzen Menschheit dienen. Und alle jene Gesetze, die den Absolutheitscharakter der Allheit auf die Mehrheit, auf die Sondergemeinschast übertragen, bilden in dieser Tendenz eine Verfälschung der prophetischen Ethik. Nur in der von den Gesetzen der Allheit getragenen Variabilität seiner Formen, in dem subjektiven Geltungswert seiner Forderungen kann das „Gesetz" der. Mehrheit. als berechtigt gelten. So gewiß aber die. Mehrheit nur den Dürchgangspunkt zur Allheit bildet, so gewiß kann auch das Mehrheitsgesetz nur vorübergehende, relative Bedeutung haben,, wenn anders auch in. der Zukunft das Judentum gegenüber dem Protestantismus seinen Superioritätscharakter behaupten will. l*72iS3 Die gefundene Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. Vllf. war Sitte in Belendscher, daß jedermann, Chazar oder Fremdling, der ein Anliegen an den Chakan hatte, ihn auch sprechen konnte. Und so geschah es, daß am nächsten Morgen nach dem Gebet, als Moses Jbn Muffta und Lev dem Könige mitteilten, daß die Kundschafter bereit seien und daß Leo mitginge, sie zu führen, eine Anzahl Fremdlinge, geführt von einigen Bürgern in: Palast eintrafen und verlangten, vor dem Könige geführt zu werden.. Als dieses dem Könige mitgeteilt wurde und er hörte, daß die Fremdlinge aus Byzanz seien, befahl er Leo und Jbn Muffta zu bleiben und ließ die Fremdlinge hereinführen. Es waren jüdische Flüchtlinge, denen es gelungen war zu entfliehen, als man mit den Verhaftungen begann. Sie erzählten schreckliches von dein Morden, Rauben und Sengen. Ganze Familien seien niedergemetzelt worden. Mädchen und Frauen davongeschleppt, Männer gemartert.' Der König mit Tränen in den Augen, .befahl sofort, den weisen Rat zusammenzurufen. Leo wandte sich an die Flüchtlinge: „Kennt einer von Euch den Goldschmidt Benjamin Benoni," fragte er. „Sein Haus stand neben meinem," sagte ein junger Mann. „So wißt ihr vielleicht! —?" „Ich sah ihn fallen." „Und seine Tochter. Rachel?" „Gefangen." ' Einen Augenblick stand Leo still, dann drehte er sich um und lies zur Tür hinaus, Jbn Muffta eilte ihm nach.