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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-26 · Heft 21 (26.5.1905) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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249 Bevor in die Begründung der Ethik eingetreten wurde, galt die Erfüllung einer Forderung als notwendig : Die Einheit der Methode zwischen Logik und Ethik. Diese Einheit wurde geradezu als Wahrheit bezeichnet. Bei dieser Einheit würde jedoch die Logik immerhin als das Primäre betont. Nun aber zeigt sich auch die Abhängigkeit der Natur von der Ethik. Die Ethik verleiht der Natur den Ewigkeitscharakter, d. h. sie fordert ihn, verleihen-kann ihn nur jener Vermittlungsbegriff, den wir als Gottesidee bezeichnet haben. „Gott bedeutet, daß die Natur Bestand hat, so gewiß die Sittlichkeit ewig ist!" Ohne das Dasein. der Natur keine Ethik. So wird gerade die Schöpfung zu einem ethischen Problem. Die methodologische Bedeutung der Gottesidee ethisiert die Natur. „Die träumende Metaphysik, welche das Sein auf das Bewußtsein gegründet, wird damit' auf einer Lücke des ethischen Problems ertappt. Das Bewußtsein, in dem das Sein der Natur seine Wurzel haben soll, darf nicht das Selbstbewußtsein in seiner psychologischen Allgemeinheit sein; sondern allein das ethische Selbstbewußtsein vermag zwar nicht dasselbe zu gewährleisten, aber diese Leistung unbedingt zu fordern." Auch der Begriff der Vorsehung kommt zu seinem Recht. Er bedeutet nichts anderes als die Uebereinstimmung der Natur mit der Sittlichkeit in der Konstituierung der ewigen Wirklichkeit. Freilich darf dieser Gedanke nicht so interpretiert werden, als ob die Vorsehung im Sinne einer prästabilierten Harmonie die Uebereinstimmung zwischen den einzelnen Forderungen des Sittengesetzes und der Natur vollziehe. Dieses Problem ist bereits durch die Autonomie erledigt. Die Vorsehung bekundet sich nur in der Erhaltung der Natur für die einzelnen sittlichen Forderungen, die das Ideal im Sinne eines ewigen Fortschritts immer und immer wieder erhebt. Das ist die einzig Zulässige Uebereinstimmung zwischen dem natürlichen und sittlichen Sein. Das Problem der Theodicee ist somit gelöst: Nicht in der Gegenwart vollzieht sich die Uebereinstimmung. In der fernen Zukunft erst realisiert sie . sich, so gewiß das sittliche Ideal auf die weite Zukunft hinaus den Blick richtet. Es wäre eine Verfälschung der Naturgesetze, wollte man ihnen in ihrer Begründung der Natur die Begründung der Sittlichkeit andichten. Es wäre eine Verfälschung des Sittengesetzes, wollte man ihm eine Beherrschung der Naturgesetze übertragen. Die Gottesidee verlangt die volle Selbständigkeit der beiden Welten. Nur in der Ewigkeit der Wirklichkeit, in dem ewigen gültigen Bestand ihres Seins liegt die Harmonie. Ich darf daher nicht sagen: Gott ist die Macht des Guten. In der Macht würde eine gewisse Unselbständigkeit der Natur gegenüber dem Sittengesetze gegeben sein. Es läge ferner der Gedanke nahe, daß die Macht des Bösen als reale Kraft erschiene — eine Anschauung, die gerade im Sinne der Gottesidee völlig haltlos ist. Es gibt keine Macht des Bösen. Das Böse ist ein mythischer Begriff. Der Sieg des Guten bedeutet nicht den Sieg über eine böse, widergöttliche Macht, als welche auch die Natur gegebenen Falles zu betrachten wäre. „Der Sieg des Guten bedeutet die Sicherung des Guten gegenüber allen Zweifeln, Bedenken und Erfahrungen, die sich auf die natürlichen und geschichtlichen Unvollkommenheiten des menschlichen Daseins beziehen. Dennoch besteht das Ideal der Selbstvervollkommnung. Und diesem Ideale kann sich auf Seiten der Natur die Perfektibilität der Entwicklung nicht versagen. So fordert es die Wahrheit. Und also garantiert es Gott. Immer bleibt die Selbstvervollkommnung die reine selbständige Voraussetzung. So wenig die Natur in ihrer Entwicklung die Selbstvervollkommnung vollziehen kann , so wenig auch könnte es Gott; der vielmehr j sie seblst voraussetzt. Aber daß die Selbstvervollkommnnng j Wirklichkeit, auf Erden, Wirklichkeit in Recht und Staat werden känn, werden muß, diese Gewähr liegt in der Gottesidee." So bewährt sich auch in der Begründung . des Gottesbegriffes der methodische Reinheitscharakter platonischer Gründlegüng. Gott ist eine Idee, eine ewige Aufgabe, eine Forderung, Min der ewigen Verbindung zwischen Logik und Ethik, zwischen Natur und Ideal ihr Wesen erblickt Dieser Begriff bedeutet die absolute Erledigung des Pessimismus. Es gibt .einen ewigen Fortschritt, weil es ein Ideal gibt und es gibt ein ewiges Sein, eine ewige Verwirklichung des Ideals, weil es eine ewige Natur, eine ewige Menschheit gibt.. Diese Lehre verkündet mit ergreifender Deutlichkeit die Gottesidee. Kann es eine glänzendere methodische Begründung der messianischen Gottesidee des Prophetismus geben? Und dennoch wird mit dem Vorwurf zu rechnen sein, daß der Gottesbegriff doch mehr als den methodischen Charakter einer Idee zu bedeuten habe: Gott kann nicht nur die Uebereinstimmung zwischen Natur und Ethik, die Wahrheit zu bedeuten haben, Gott Muß als Person, als persönliches Wesen zu denken sein, das allein entspräche der geschichtlichen Bedeutung des Begriffs. Wer diese Ansicht hegt, der ist und bleibt für alle Zeiten im Mythos befangen. „Person wird Gott im Mythos. Und die Religion bleibt im Bannkreis des Mythos, sofern sie den Begriff der Person auf das Wesen Gottes anwendet. Es wird darin die Grenze zwischen Mythos und Poesie fließend. Innerhalb der Religionen ist es daher auch die tiefste Bewegung, die sich wiederholt in ihrer Geschichte, wenn der Anstoß sich regt und immer empfindlicher wird, den man am Anthropomorphismus trimmt Und die Attributenlehre in der arabisch-islamischen und der arabischjüdischen Dogmatik und Philosophie der Religion bildet daher ein sehr interessantes Kapitel in der Geschichte der religiösen Aufklärung. Maimuni wird in dieser Beziehung zum Lehrer und Führer des Rationalismus. Cusa beruft sich auf ihn für fSfe docta ignorantia; für die Beschränkung des Wissens von Gott auf diejenigen Attribute, welche ausschließlich den Menschen, nämlich die Sittlichkeit betreffen. Die Attribute der Sittlichkeit aber bedürfen nicht der Hypostasierung in einer Person. Die Person wird durch Leben bestimmt. Und Maimuni wagt es, den Begriff des Lebens von dem Begriffe Gottes abzutrennen. Bo''verfolgt schon das Mittelalter in wahrhafter Religiosität den Grundgedanken, daß Gott eine Idee sei." Der Einwurf von dem geschichtlichen Charakter des Gottesbegriffs wird , in diesen Worten gründlich widerlegt. Es ist besonders Maimuni, der in der begrifflichen Entwickelung seines Gottesbegriffs die rein ideelle Bedutung hervorkehrt und deshalb einen wichtigen Markstein auf jenem Höhenzuge bildet, der von Sokrates und Plato zur wissenschaftlichen Philosophie der Neuzeit führt. So erfährtbei Cohen neben dem Prophetismus auch die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters ihre gediegenste Rechtfertigung. ~ : " Die Person Gottes bildet aber nicht nur eine Verfälschung' der Naturerkenntnis, sondern weit mehr noch eine.Vernichtung der Sittlichkeit überhaupt. Wenn Gött als Person die Ewigkeit des Ideals sich erstellt, wo bleibt dann noch die freie Selbstbestimmung, die das Ideal sich erst erringt und erzeugt? Die . Ewigkeit des Ideals soll doch keine Tatsache, sondern eine. Aufgabe sein, die im Drange, geschichtlicher Entwicklung , erzeugt, und verwirklicht werden .soll! Und ferner: Die Person Gottes kann niemals gleich der Idee Gottes zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis, zu einem Begriff erhoben werden, sie muß „geglaubt" werden. Also müßte doch die Ethik erst bei der Religion eine Anleihe machen: Also wäre die Priorität der Religion in ihrer mythologischen Bedeutung erkannt, also wäre die Ethik ohne Religion ein Wahngebilde? Zu solchen Konsequenzen führt die

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