Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24S Tätigkeiten geradeso meßbar und an bestimmten körperlichen Vorgängen ebenso exakt beschrieben werden kann, wie die Vorgänge bei der Bewegung der Muskel. ' 'Die Beobachtung besonders der niedersten Organismen hat durch die Untersuchungen der Eizelle Licht gebracht. Die einfache Zelle wüide als eine Protoplasmakugel erkannt, die einen festen Kern erschließt. Es gibt sehr einfache Zellen, deren Inhalt Plasma ist. Alles Leben ist eigentlich Plasmatätigkeit. Die menschliche Eizelle ist eine Plasmakugel von nur einviertel Millimeter Durchmesser, nur als Pünktchen sichtbar, der einen Kern.in sich einschließt. Die Auseinandersetzung der Häeckelschen Seelentheorie gipfelt in dem Satze: Was wir Seele nennen, hat nicht vorher schon bestanden, sondern entsteht in dem Moment, in dem die weibliche Eizelle mit der männlichen Spermazelle sich vereinigt. Und dieser Satz (Haeckel, Die Welträtsel, Seite 58, Volksausgabe) ist ohne Verschlimmbesserung und Vergewaltigung des Textes herauszulesen — aus dem Talmud! / ' Im babylonischen Talmud, Traktat Sanhedrin, Seite 91b (eäilio Wilna) heißt es wortwörtlich: . >, rrrps nw& Di*a narra wab nbtw 'iüzbv riwiny« -rr\'&rwa?rrrr ni?wöik :n'i,pö nirö nmcö na^i rfca ^2 nvbw 'rrv^v ,irMD» tnpai m *12*1 "■•rm npM .‘■jrrroiM „Ferner sprach Antoninus zu Rabbi: Von wann ab wird die Seele dem Menschen gegeben? Von der Zeit der Pekidah oder von der der Körperbildung? Rabbi antwortete: Von der Zeit der Körperbildung: Darauf Antoninus: Ist' es möglich, daß ein Stück Fleisch drei Tage lang ohne. Salz sich haltest würde, ohne übelriechend zu werden? Darum schon zur Zßjt der Pekidah. Da sprach Rabbi: Dies lehrte mich Antoninus, und die Schrift bestätigt es, denn es heißt (Hiob 10,12 b) : „Unst deine Obhut hütete meinen Geist." Bedeutet nun Pekidah so viel als Konzeptionsmoment (Raschi zu Genesis 21, 1), und dem ganzen Inhalt nach kann es nur ähnliches bedeuten, dann dürste Haeckels Auffassung von der Entstehung der menschlichen Seele in die angeführte Kontroverse nicht nur hinein getragen, sondern znmindestens aus ihr herausgelesen werden könnend Welcher von den acht römischen Kaisern, die den Namen Antoninus führten, der in Rede stehende ist, darüber sind unsere Historiker geteilter Ansicht. Die philosophische Färbung des zitierten Dialogs läßt uns an den Philosophen auf dem Kaiserthröne denken, an Marc Aurel. Dieser stand aber unter stoischem Einflüsse. Seine Seelenlehre mag einem fremden Jdeenkreise entlehnt und der geschlossenen Gedankenreihe des Judentums als Fremdkörper aufgepropft worden sein. Damit begegnen wir von vornherein dem Einwande von der „Einfuhr" der Seele an einem ganz bestimmten Termin, wie ihn Haeckel gegen den Jesuitenpater Wasmann und dessen kirchenväterliche Quellen erhoben hat. Der Stoiker Antoninus war nicht gebunden an den Glauben eines immateriellen Seelenwesens' er ahnte das Werden und Wachsen der Seele im Embryo.. Wie konnte Rabbi diese antijüdische Lehre akzeptieren? Rabbi,, der Lehrer y.ca^o/Jjy,. t>er „heilige" Juda Hänäsi, war nicht, der Mann, in dessen Brust zwei Seelen wohnten. Ihn trifft nicht der Vorwurf der „doppelten Buchführung", mit welchem Haeckel (die Welträtsel, Seite 71) Descartes bedenkt. In ihm. bewundern wir den bildungsfreundlichen Typus, der, wie die einleitenden Zeilen dargetan haben, im Judentum nie ausgestorben war. Rabbi nimmt die fremde Lehre an, schleift so lange an ihr herum, bis er sie einstigen kann in das Lehr-^. gebäude seiner Religion, bis er sie bestätigt findet in der heiligen Schrift. Ihm trübte das Wissen nicht den Glauben; ihm diente das Wissen zur Bekräftigungi des Glaubens Und die - Erkenntnis zur schwärmerischen Bewunderung feines Schöpfers^ Darin folgten ihm unsere großen Denker im Mittelalter von Saadja ' bis Maimuni, welche sich mit der Philosophie ihrer Zeit auseinanderzusetzen hatten. Und darin wollen auch wir ihm folgen, wenn wir gezwungen sind,. Stellung zu nehmen zu den Resultaten der Naturwissenschaft unserer Zeit. Unsere Psalmiften und Propheten waren die treuesten Diener im Tempel der Natur. Mit freudiger Zunge verkündeten sie die großen Wunder im weiten Reiche der Natur. Doch galt ihnen die Erde als das Reich Gottes und der Himmel als sein Thron, nicht entthronten sie ihren Gott zugunsten der Natur. So wollen auch wir es halten und den alten Väterglauben uns nicht wegphilosophieren lassen von Vermutungen, solange nicht der Beweis erbracht werden kann, daß der alte Gott nicht mehr ist, der nie erbracht werden wird. Hermann Cohens „Lthik des reinen Willens." Von Dr. B. Kellermann. IX. 3n dem Begriffe des Ideals, dem ureigensten Erzeugnis des Willens, ist das Sein der Selbstaufgabe gesichert. So gewiß die Verwirklichung der ethischen Aufgabe nur in der Ewigkeit sich vollzieht, so gewiß kann nur das Ideal allein den Ewigkeitscharakter des sittlichen Seins zur Geltung bringen. \ Das Ideal duldet in seiner Vollkommenheit keine ethische Selbstgenügsamkeit, es reizt zu immer neuen Lösungsversuchen, zu immer größeren Leistungen und läßt selbst in den höchsten sittlichen Errungenschaften den Abstand zwischen Können und Woflen nicht überbrücken. Und dennoch sollen wir nicht verzagen. Dennoch haben wir Anteil an der Ewigkeit, erringen wir ihn in den schwachen Versuchen unseres Wollens, in unserer Idealisierung der Zeitlichkeit durch die Ewigkeit. Und „die Ewigkeit ist mein" in der Begeisterung für das Ideal, für die Menschheit, für die Zukunft der Weltgeschichte. Diese Art des sittlichen Seins erschöpft sich nicht in dem zeitlich begrenzten Individuum. Es ragt über das einzelne Individuum hinaus, in der Zukunft, in der Weltgeschichte erfüllt es seinen Lauf. Auch die Unsterblichkeit kann sich mit dieser Art der Ewigkeit nicht messen; denn die Unsterblichkeit würde nur die ewige Isoliertheit des Individuums bedeuten, nicht aber seinen ewigen Zusammenhang mit der Zukunft, mit der Menschheit, wie er in der schöpferischen Begeisterung für das Ideal wirksam gemacht wird. Kann es noch eine gediegenere Wirklichkeit, ein gediegeneres Sein des reinen Willens geben? Das Sein des Denkens, das Sein der Natur erzeugt die Natur, begründet sie in ihrer Wirklichkeit, das Sein des Wollens, das Ideal erzeugt, begründet die Verwirklichung des reinen Willens. 1 So sehr nun auch das Ideal das Sein des Wollens sicherstellt, so gewaltig türmen sich die Zweifel gegen die Realisierung des Ideals auf. Das Ideal soll die Ewigkeit' der Willensaufgabe bedeuten! Wie verhält es sich aber mit dieser Ewigkeit, wenn der Mensch in seiner natürlichen Beschaffenheit ein Ende nimmt? Wenn die Natur selbst ihrer Auflösung entgegenginge? Wie läßt sich dann die Ewigkeit des Ideals behaupten? Wie läßt sie sich durchführen? Und wenn anders die Ewigkeit der Natur die Voraussetzung für die Ewigkeit der Ethik bilden soll, welcher Begriff, welche Idee könnte diese Uebereinstimmung außer allem Zweifel setzen? Es ist der Gottesbegriff, der diese Uebereinstimmung zwischen Natur und Ethik vollzieht.