Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-05-26 · Heft 21 (26.5.1905) · p. Seite 247

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228658--61736-3275573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

24 7 Kinder der, intelligenteren christlichen, Familien besuchten, fleißig gelesenerklärt und deklamiert und Schillers Einfluß war es, der aus zahlreichen ungarischen Judenknaben Männer geschaffen hatin denen Judentum und Deutschtum' innig. sich einten. Was Mendelssohn für seine Glaubensgenossen angestrebt, Schiller hat es zustande gebracht und so seltsam es auch klingen - mag, dennoch ist es wahr: der Verfasser. der „Sendung Moses," der die Juden wenig liebte, ist der Apostel des Deutschtums in der Judengasse geworden. Jahre gingen dahin. In dem Staatsgymnasium zu Budapest, das ich besuchte, war von Schiller wenig die Rede. Aber in der Rabbinerschule zu Preßburg war er ein verborgen gehaltener, dennoch gern gesehener Gast. Im Geiste sehe ich vor mir die stolze, . edle Gestalt meines Lehrers, Rabbi A. S. B. Schreiber; ein Mann war es, der das moderne Wissen nicht gekannt, aber gar sehr gefürchtet hat. Kaum hat er wohl Schillers Namen gekannt. Aber in seinem Hause, fern von seinen Augen, da wurden Schillers Werke fleißig von der alten Räbbinerfrau, den Töchtern des Hauses und von einzelnen seiner Söhne gelesen. Nur ein Sohn — ich glaube, auch die darüber hinweggegangenen 35 Jahre haben diesbezüglich nichts geändert — folgte dem Vater in der Antipathie gegen modernes Wissen und Wesen; sonst ein guter, lieber Mensch, hatte er zum Torquemada sich entwickelt, der mit scharfem Spürsinn verbotene Bücher — zu solchen gehörten natürlich auch Schillers Werke — waren sie selbst in den Betten vergraben, auffand. .Noch seh icksis! Das Faktotum der Talmudschule, ein blasser, hagerer Mensch, der von der Armut der Talmudjünger lebte, trägt alte Röcke und Stiefel und eine ungeheftete Ausgabe von Schillers sämtlichen Werken zum Verkauf — unser Torquemada sieht's und wilsis nicht sehen! in tausend, tausend Fetzen zerschlissen fliegt Schiller durch die Preßburger Judengasse. In den Reihen der Talmudjünger aber hingen gar viele an dem Dichter! Die edle, kräftige Sprache mit dem vollen rednerischen Pathos, das glänzende Kolorit der Schilderungen, die dramatische Lebendigkeit der Darstellungen, die ideale Anschauung, die sich kühn über das dürre Sein, erhebt, der kecke Ton, der Zornesschrei gegen Willkür und Despotismus, das stolze Wort, das die Freiheit verlangt und nicht müde wird, für sie einzutreten, sie haben Schiller zum Dichter der Judengasse gemacht. In Schiller fanden die Kinder der Judengasse beredten Ausdruck für ihre Schmerzen und ihre Sehnsucht, für ihr Leid und ihre Hoffnung! — Ich henke gern an den kleinen Kreis, der sich am Sabbat-Nachmittag in einer Konditorei der Juden gaffe versammelte — man brauchte am Sabbat nicht zu zahlen, - darum schwangen wir uns zu dem unerhörten Luxus auf, Kuchen zu essen dort einten sich die Stürmer der Rabbinerschule; der eine mit schwarzem lockigem Haar — grau ist er inzwischen geworden und verblaßt ist der freiheitliche Drang, Buße tut er in einer süddeutschen Gemeinde ob des verwegenen Jugendmutes; der andere lebt als. Rabbiner in einer deutschen Universitätsstadt, er zitierte gern in den Predigten, die er in der Konditorei hielt, wo wir ihn aus eine Kiste stellten, die als Kanzel diente, Schillers Gedichte und Schillersche Sentenzen; denn Schillersche Gedanken mit einem Schrift- oder Talmudworte.oder in eine innere Verbindung zu bringen, oder Schiller in einer Predigt zitieren galt als unwiderleglicher Beweis für oratorisches Talent und große rednerische Begabung. Im Jahre 1878 habe, ich zum 100. Geburtstage des „Nathan" einen Essay geschrieben. Dort heißt es zum Schluffe: Schiller, voll frischen Wagemuts, ein überströmender Krater, in dem es gärt und braust, ein Liebling des Volksgeistes, der . der Fessel sich entledigen will — Schiller ist der Dichter, des deutschen. Volkes, Goethe ist der Dichter von Gottes Gnaden, Lessing ist der Menschheitsdichter — das Urteil unterschreibe ich auch heute noch! Mag zweifellos Goethe der Bedeutsamere, Vielseitigere gewesen sein, so hat Schiller doch den^ ,nachhaltigeren Einfluß aus das deutsche Volk — und zu ihm gehören auch die deutschen Juden! — geübt. Und darum,, .so lange die deutsche Zunge klingt,^ .wird Schiller mit Recht „der Stolz des deutschen Volkes" genannt werden. Hgkckrl im Talmud. Von Dr. E. Schwartz-Eger. uf keiner seiner Entwicklungsstufen ist das Judentum der Wissenschaft aus dem. Wege gegangen. Weder der Mosaismus noch der Prophetismus, weder der Talmudismus noch der Räbbinismus hatte die Macht des Wissens zu fürchten. Das einzige Lob, das unser, großer Lehrer Mose, seinem Volke gespendet hat, ist enthalten in den: Schriftworte (Derlleron. 4,6) : „Nur eine weise und einsichtige Nation ist dieses große Volk." Schmerzerfüllt und tief bewegt klagt der Prophet (Jes. 5, 13): „Ach, aus Mangel an Erkenntnis wandert inein Volk in die Verbannung." Der Talmudlehrer R. Ami (b. Berachoth, 33) tradiert: „Groß ist der Wert des Wissens, denn zwischen zwei Gottesnamen hat es seinen Platz gefunden, wie geschrieben steht (1 Sam. 2, 3d): denn ein Gott der Erkenntnis ist der Ewige". Der Gaon Samuel ben Chofni Ha-Kohen behauptete (Kimchi zu 1 Sam. 28 Ende. Angeführt . bei Geiger, Zeitschr. V, 84): Dnb P'XP D1p&3 teipi bzm p D'WTSfc ’ , - „Es könne nichts angenommen werden, dem die Vernunft widerspricht." Ein Hauch von diesem Geiste weht durch unsere Liturgie. In einem der ältesten und Hauptgebetstücke, das, weil eine Herzenssache, von dem Unkundigen auch in der Landessprache verrichtet werden darf (b. Sota 33), beten wir dreimal täglich um Erkenntnis, Vernunft und Einsicht. Am Ende eines jeden öffentlichen Gottesdienstes sprechen wir der heiligen Schrift das Wort nach (Deuteron. 4, 39): „Zunächst sollst Du denn heute erkennen nnd dann zu Herzen nehmen, daß der Ewige der Gott ist im Himmel oben und auf der Erde unten, keiner sonst." Die Finsterlinge des entlegensten Ostens entrichten ihren Tribut der Wissenschaft, indem sie den Vertreter der Naturwissenschaften, den jüdischen Arzt des Städtchens, mit dem Morenutitel zur Thora rufen lassen, wenn er am Versöhnungstage zur Synagoge kommt. Es dürste nicht deplaciert sein, dies alles wieder einmal unseren gebildeten Laien ins Stammbuch zu schreiben nach den racheschnaubenden Wutausbrüchen, mit welchen der unerschrockenste, .Vertreter der modernen Naturwissenschaften bei seinem Erscheinen in der Hauptstadt des deutschen Reiches, in der Metropole der Intelligenz empfangen wurde — nicht von der jüdischen Presse. An drei Abenden des abgeflossenen Monates April sprach der vielgepriesene und vielgeschmähte Verfasser der „Welträtsel", Professor Ernst Haeckel von der Universität Jena, in der Berliner Singakademie zu seiner großen Gemeinde. In seiner Abschiedsrede wollte der gefeierte Gast .seine Ausführungen über die Entwicklung der Seelensunktionen des Menschen noch näher begründen. Er betonte die feststehende Tatsache, daß ein erheblicher' Teil der geistigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.